Dienstag, 21. Juni 2011

Ex-PKK-Kämpfer im Exil: Zwischenstation Irak

Was macht ein ehemaliger kurdischer Guerilla-Kämpfer, der die Berge verlassen hat? – ein Portrait. Aus dem Nordirak berichtet Naomi Conrad.

Dieser verdammte Plastikclown. Lächelnd hängt die Puppe an ihren Fäden von der Decke und blickt spöttisch auf Soran herab. Jeden Tag, den ganzen Tag lang. Als mokiere sich der vor sich hin schwingende Clown über den türkischen Kurden, der früher mit der PKK gegen den türkischen Staat gekämpft hat. Denn heute sitzt er, der frühere Kämpfer, auf einem wackligen Plastikhocker in seinem Kleiderladen und verkauft türkische Importware. Türkische Ware im kurdischen Nordirak.

Aber abhängen wird Soran die Puppe nicht, obwohl er sie nicht mag. Seine Mutter hat den Clown geschickt, zusammen mit der türkischen Ware, die auch sie aussucht: grell bunte, langärmlige Tops und T-Shirts, sowie lange Röcke, die den Schaufensterpuppen wie Säcke herunterhängen. Die Mutter, die er seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hat: Soran musste aus der Türkei fliehen, als er sechzehn war. Mit der Flucht brach der Kontakt ab: Eineinhalb Jahrzehnte Schweigen.

Als Jugendlicher hat er zusammen mit drei Freunden kurdische Slogans an eine Wand in Istanbul gesprüht: »Freies Kurdistan, oder befreit Kurdistan, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern.« In der Türkei der neunziger Jahre war das ein schweres Vergehen. Soldaten hätten die Jungs dabei beobachtet und sofort eingegriffen. »Die haben uns auf den Boden geworfen, dann abgezählt, eins, zwei, drei und den vierten haben sie erschossen.« Einfach so. Dabei wären sie ganz normale Jugendliche gewesen, nicht etwa Mitglieder der PKK, der kurdischen Arbeiterpartei, die seit den 1970ern gegen den türkischen Staat kämpft, oft auch gewaltsam. Trotzdem wurden die drei angeklagt. Es habe gereicht, Kurde zu sein und dies zum Ausdruck zu bringen. Bis vor einigen Jahren, als Recep Erdogan Premierminister wurde und ein langsames Reformprogramm einleitete, durften Kurden nicht einmal ihre eigene Sprache sprechen oder ihren Kindern kurdische Namen geben. »Also bin ich abgehauen, nach Europa, mit einem gefälschten Pass.«

»Ist doch einfach, wenn man die richtigen Leute kennt«


Über Umwege kam er nach Deutschland. Dort kannte er niemanden, konnte kein Deutsch. Eine PKK-Zelle hätte ihn schließlich aufgenommen, ihm eine Unterkunft besorgt, und ihn zum Rekruten gemacht. Seine Aufgabe war es, Gelder von den Exilkurden in Deutschland einzusammeln. Und zwar von allen, den Kurden mit den kleinen Gemüseläden und Tabakläden, aber auch der kurdischen Mafia. Gezahlt hätten alle, ob sie nun die PKK unterstützen oder nicht. »Klar, die wissen, gewinnen können sie nicht. Die PKK weiß doch genau, wo sie wohnen, wie viel sie verdienen. Und wenn die dich nicht umlegen, dann kommt halt am nächsten Tag der nächste Geldeintreiber vorbei.« Wie viel Geld er eingesammelt hat, will er nicht sagen. Aber viel sei es gewesen, klar. Die größte Kurdendiaspora lebt in Deutschland, viele sind in den achtziger und neunziger Jahren vor den Repressalien der türkischen Regierung geflohen und leben seitdem in den deutschen Großstädten. »In Berlin, Hamburg, auch in Frankfurt war ich«, sagt Soran.

Er saß eine Weile in einem deutschen Gefängnis, »wegen dem gefälschten Pass.« Dort hat Soran Deutsch gelernt, fast akzentfrei. Aber darüber möchte er nicht sprechen. Als er freikam, ist er dann in den Nordirak gegangen, um sich der PKK in den Bergen anzuschließen, zu kämpfen, also richtig. Wie er dorthin gekommen ist, sagt er auch nicht. Nur: »Ist doch einfach, wenn man die richtigen Leute kennt.« In den abgeschiedenen Bergen im Nordirak unterhält die PKK ihre Trainingslager. Jetzt sei er dick geworden, sagt der drahtige Mann. Vom ganzen auf dem Hocker sitzen. Dabei kann er gar nicht still sitzen, springt auf, sobald verschleierte Frauen in das Geschäft kommen, gestikuliert unentwegt. »In den Bergen gibt es ganze Krankenhäuser, eine super Infrastruktur.« Die Wege zu den Lagern werden von PKK-Kämpfern bewacht.

Das Verhältnis zwischen der kurdischen Regierung und der PKK ist nicht einfach. Die Autonome Region Kurdistan ist auf die Türkei angewiesen, werden doch die Asphaltstraßen, die Städte verbinden und den Handel erleichtern ebenso wie die Luxushotels in Erbil von türkischen Unternehmen gebaut. Am irakisch-türkischen Grenzübergang Ibrahim Khalil stauen sich die Lastwagen, die türkische Waren in den Irak bringen. Eine kurdische Journalistin, die für eine unabhängige Zeitung arbeitet, glaubt, die kurdische Regierung würde der Türkei wohl auch erlauben, die Berge zu bombardieren. »Sie warten doch eigentlich nur auf eine Ausrede.« Soran wird von den kurdisch-irakischen Behörden beobachtet, da ist er sich sicher. Deshalb möchte er auch nicht seinen echten Namen gedruckt sehen.

Irgendwann verlor Soran den Glauben an seine Ersatzfamilie, die PKK

Doch auch in den Bergen wurde Soran argwöhnisch empfangen. »Sie misstrauen dir, sagen, du hast doch so ein einfaches Leben gehabt in Europa, was weißt du schon vom Kampf. Oder sie denken, du arbeitest für den BND, bist ein Spion.« Er sei enttäuscht worden, von den Generälen, denen ihre Untergebenen – Männer und Frauen – egal gewesen seien, die nicht bei den Attacken mitmachen. Da habe er den Glauben an seine Ersatzfamilie, die PKK, verloren.

Nach einigen Monaten in den Bergen wurde er plötzlich in ein PKK-Gefängnis in den Bergen geworfen. Gute Freunde halfen ihm aus der Zelle zu fliehen. Und so verließ er die Berge und wurde von der PUK, der Patriotischen Union Kurdistan, eingesammelt, die im Norden das Sagen hat. Denn die Autonome Region Kurdistan ist zweigeteilt: In der Region um die Stadt Sumeimaniya regiert die PUK, in Erbil die KDP, die Demokratische Partei Kurdistan. Beide sind aus den Peshmerga-Kämpfern, dem kurdischen Widerstand gegen Saddam Hussein hervorgegangen. Seitdem lebt er nun also in der kleinen Stadt im Norden Nordiraks, die er nicht ohne Genehmigung verlassen darf. »Ja, Pech«, er zuckt die Schultern. Hätte ihn die KDP aufgesammelt, hätte er vielleicht in die Hauptstadt Erbil gehen können und nicht die kleine konservative Stadt, in der er lebt. »Hier darfst du ein Mädchen nicht mal angucken, sonst gibt’s Ärger.« Das bestätigt auch ein Englischlehrer aus Liverpool, dessen einzige Freunde Ausländer sind. »Mit meinen Kolleginnen darf ich nicht außerhalb der Schule reden«, sagt er.

Die PKK benachrichtigte schließlich seinen Vater, der ihn ausfindig machte. Die Idee mit dem Laden hätten sich dann seine Eltern ausgedacht, um ihm eine Lebensgrundlage zu geben. Die erste Ladung T-Shirts und Röcke hätten sie für ihn bezahlt. Neben dem Eingang steht eine dicke Schaufensterpuppe, die grell geblümte Umstandsmode trägt. Auch von seiner Mutter. Eine Frau solle er sich suchen, hat sie ihm gesagt, persönlich. Denn die letzte Fuhre Mode hat sie ihm vor ein paar Tagen gebracht. Zum ersten Mal haben sie sich wiedergesehen, Mutter und Sohn.

Eigentlich würde er gerne zurück in die Heimat

Doch Soran ist etwas genervt. Er hatte sich doch so gefreut, seine Mutter wiederzusehen. Aber sie weint, den ganzen Tag. Er schüttelt den Kopf. Man merkt, er versteht die Mutter nicht, die an seinem Geschäft herumnörgelt und ihm sagt, er solle die Kleidung den Farben nach sortieren. Und sich die Haare schneiden. Danach weint sie wieder, weil aus ihrem Sohn ein Mann geworden ist, und wegen der vielen Jahre, die sie verpasst hat. Doch ihre Unterhaltungen stocken. Denn über seine Jahre bei der PKK will sie nichts wissen. Sie will lieber von der Zukunft sprechen, die er nicht hat, wie er meint. »Weil ich doch hier festsitze, in dieser konservativen Stadt.«

Deshalb möchte seine Mutter, dass er heiratet. Ein nettes Mädchen. Als sei die Heirat ein Wunderheilmittel gegen das Gefühl, fremd zu sein, in einer Gesellschaft, die ihm fremd ist. »Eine Frau, die dir Essen kocht und dir die Füße küsst, das ist doch schrecklich«, sagt Soran und schüttelt den Kopf. Auch darüber, dass seine Mutter ein Schaf schlachten wollte. Sie, die nicht religiös ist, kein Kopftuch trägt, aber vor fünfzehn Jahren versprochen hatte, ein Schaf zu schlachten, sollte sie jemals ihren Sohn wiederfinden.

Er ist froh, dass seine Mutter bald wieder zurück in die Türkei gehen und ihm das Sagen im Geschäft überlassen wird. Eigentlich würde er gerne zurück in die Heimat, die er so lange nicht gesehen hat. Nach Istanbul vielleicht, die moderne, liberale Stadt. Wo er auch mal ein Mädchen kennenlernen könnte, das so wie er denkt. Aber auch wenn die Kurden heute mehr Rechte bekommen haben, zurück kann er trotzdem nicht. Nicht solange es keine Amnestie gibt. »Wegen dem Prozess, natürlich, da steh ich doch auf irgend so einer Liste.« Er würde gerne studieren, so ein ganz stinknormales Leben führen. Vielleicht, sagt Soran, wird er sich einen falschen Pass besorgen und zurück nach Europa gehen. Das ist doch einfach, klar, sagt er, über Kontakte. Aber er weiß es nicht, wegen seiner Mutter, die er doch gerade erst kennengelernt hat.

Der türkische Geheimdienst besuchte ihn eines Tages. Zwölf Männer, zehn am Eingang bei der Umstandsmode, zwei im Geschäft, umringt von den grell bunten Tops. Sie hätten ihn gefragt, ob es ihm gut gehe, ob er Geld braucht. »Klar, die wollten, dass ich für sie arbeite.« Er lehnte ab, er wollte kein Geld von der Türkei. Obwohl er doch irgendwie Geld von der Türkei bekommt, der Kurde, der im Irak türkische Frauenkleidung verkauft. Natürlich ist er sich der Ironie bewusst. »Was soll ich machen, ich muss doch auch leben«, sagt er und lächelt etwas müde. Erst einmal hat Soran sich damit abgefunden, wie mit dem spöttischen Clown.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schoen geschrieben und das sage ich als waschechter tuerke:-)

Anonym hat gesagt…

Wachechter Türken ?
Gibt es sowas überhaupt noch?
Ich kenne kein Volk was mehr vermischt ist als die Türken.
Liegt an der Geschichte der Osmanen.
Du kannst dich aber natürlich als waschechter Türke fühlen.
Ich finde den Artikel teilweise unglaubwürdig.
Ich kenne hier viele kurdische Geschäfte und wüsste nicht das irgendeiner gezwungen wird der PKK Geld zu zahlen. Sie fragen natürlich nach Geld aber es ist eine freiwillige Abgabe.
Murat Karayilan selbst hat doch auch in den Bergen gekämpft also wird es sicher nicht so sein das die Kommandanten selber garnicht kämpfen. Für alles gibt es Aussnahmen aber in der Regel soltle es so sein.

Anonym hat gesagt…

Ha ha ha. Alle zahlen freiwillig. Klar!