Sonntag, 11. Dezember 2011

Herbst in Damaskus – Bericht aus einem alltäglichen Leben in der syrischen Hauptstadt

Abū Ḥasan (Pseudonym) schickt uns einen neuen Bericht über die Athmosphäre in der syrischen Hauptstadt. Der Artikel ist eine Fortsetzung des Beitrages "Frühling in Damaskus".

Ich möchte die wenigen Tage außerhalb der syrischen Staats- und Internetgrenzen nutzen, um einige Eindrücke aus Syrien zu senden. Mitte Oktober bin ich aus dem Libanon mit dem Taxi nach Damaskus gereist. Die Einreise dauerte keine 2 Minuten. Was mich beeindruckte, war, dass der Passbeamte noch nicht mal meinen Pass auf (wohl israelische) Stempel durchblätterte. Es wurde nur meine Adresse und meine Daten aufgenommen, und schon donnerte der Stempel in meinen Pass.

Ich war keine 15 Minuten in Damaskus angekommen, da hatte ich mich schon mit jemanden am Bāb-Tūmā-Platz verabredet und stiefelte – wie immer – etwas verspätet los. Als ich mich dem Platz um einige Gassen näherte, da standen „Jungs“ lässig auf der Straße herrum, an Autos oder Häuserwände gelehnt, und verboten uns den Durchgang. Das Wort „mamnūʿ“ (=verboten) ist ja auch eines dieser Fachausdrücke in dieser Region. Wenn etwas „mamnūʿ“ ist, dann ist es halt „mamnūʿ“ – dann wird da nicht mehr herrumdiskutiert. Es ist „verboten“; und der Bürger (=ich) fühlt sich dann wie ein entmündigtes Kind und akzeptiert kleinlaut, dass es „mamnūʿ“ ist! Warum? Nee, das wird nicht gefragt. Denken ist nicht erwünscht.


Hinzu kommt noch, dass eigentlich ein jeder sagen könnte, es ist „mamnūʿ“, wegen dieser Art, dass die meisten Sicherheitsleute keine Uniformen tragen; sie stehen da einfach in ihrer Zivilkleidung herum und verbieten einem was auch immer oder verlangen die Ausweispapiere oder nehmen dich mit. Es sind auch die in Zivil Gekleideten, die eine Waffe ganz offen tragen. Dabei weißt du eigentlich gar nicht, wer sie sind oder was für einen Rang sie haben oder wozu sie gehören und was ihr öffentlicher Auftrag in den Reihen des Staates ist.

Hier wurde mir nochmals sehr stark bewusst, was es bedeutet, „Gewaltenteilung“ zu haben. Es ist auch ein Teil von Gewaltenteilung, finde ich, dass Menschen, die eine öffentliche Funktion im Sinne des Gemeinwohles (= Idealbezeichnung für „Staat“) erfüllen, Uniformen tragen. Nicht, weil diese nicht fälschbar wären, aber immerhin bieten sie ein Indiz dafür, dass der mir Gegenüber einen gewissen öffentlichen Auftrag ausführt. Wenn ich da nur Zivilleute mit Waffen habe, dann schürt das gewiss eher nur Angst – und Angst hilft nur den Einen: den Herrschenden.

Ich wollte also zum Thomas-Pforten-Platz (=Bāb Tūmā) und wurde ebenso wie der Mann vor mir daran gehindert, sich dem Platz durch die übliche Gasse zu nähern – wegen der Jungs, die da standen. Also lief ich links herum, doch auch an der nächsten rechten Abbiegung: wieder. Dort wurde sogar von einem jungen Mann der ca. 5–15 Menschen umfassenden Menge herumdiskutiert und gefragt! – „Warum?“ - „Es geht nicht!“ - „Warum?“ Und er wollte durch die Absperrung. „Du darfst hier nicht durch!“ Und der Ton wurde etwas strenger, was Anzeichen war, aufzuhören zu diskutieren.

Nach einem langen Umweg kam ich an mein Ziel und traf mich mit der Person, die mir dann erzählte, warum die Aufregung und Absperrung: In der Kirche der armenisch-katholischen Kirche hätten „sie“ eine Bombe erwartet. Willkommen in Syrien! Ich war gerade weniger als eine Stunde in Damaskus angekommen. Deswegen hätten sie die Umgebung um die Kirche abgesperrt und hätten wohl „jemanden“ gefasst. „Gott sei der Ruhm, dass unser Geheimdienst so gut arbeitet!“, hörte ich abends von einer (christlichen) Dame. Dass dies wieder einer dieser ‚dreckigen’ Versuche der Herrschenden war, die Bevölkerung in Schrecken zu versetzen und sie somit mundtot zu machen – und dies vor allem im Viertel der christlichen Minderheit! – kann durchaus außer Frage stehen. Vor allem: Nach circa 15 bis 20 Minuten lief ich wieder zurück – und alles war wie zuvor! Wow! Die Syrer müssen aber schnell sein, und verdammt gut arbeiten, damit sie eine Bombenentschärfung (?) oder zumindest eine Bombendrohung so schnell ausräumen konnten!

Wie ist es in Syrien? Die Alt-Stadt war noch nie so herrlich wie jetzt – ohne all die Ausländer... Ich vermeide jeden längeren Blickkontakt mit Syrern, versuche mich möglichst unauffällig in der Stadt zu bewegen und weiß – wie immer – über nichts Politisches Bescheid. Wenn mich Syrer ansprechen, bin ich sehr reserviert, teilweise leider auch etwas abweisend; das sind Zeiten, wo niemand genau weiß, wer, was, wann, gegen wen macht: Mein Misstrauen ist noch mal sehr viel größer geworden als üblich. (Leider) traue ich niemandem mehr in Syrien.

Einst bog ich gerade in meine Straße im alten Damaskus ein. Ich hörte nur noch ein paar Stimmen, Gebrüll, und da sah ich auch schon neugierig meine syrischen Mitbewohner auf die Straße vor das Haus laufen: „War hier eine Demo?“ Und tatsächlich, es war eine Blitzdemo, 1–2 Minuten, und ein paar kleine Kassiber, kleine Zettelchen, lagen auf dem Boden mit Parolen gegen die derzeitige Situation, von denen auch zwei mit nach Hause gebracht wurden. Als ich abends mit einem Freund nachts um sehr spät nach Hause lief und wir kurz eine Laufrast an der Kreuzung kurz vor unserem Haus einlegten, wurden wir auch schon von der Seite von einem Bewaffneten angemacht, was wir hier wollten: Weiterlaufen, Jungs!

Einen anderen Abend hörten wir plötzlich wieder Stimmen einer Demo, die ca. 5 min um unseren Block zog, mit Sprechchören wie „Das Volk - will - die Hinrichtung des Präsidenten! Das Volk - will - die Hinrichtung des Präsidenten!“ Meine Mitbewohner aus Homs, wie ich auch, eilten auf die Terrasse und wir lauschten in den dunklen Sternenhimmel. Die eine von uns meinte nur: „Möge Gott Euch beschützen, oh unsere Brüder!“

Es ist ‚natürlich’ eine Anti-Regime-WG, in der ich wohne. Wir haben Angehöriger aller großen Konfessionen bei uns: der Sunniten, Ismaeliten (7-Schia), Alawiten, Drusen, Rum-Orthodoxen, Katholiken und entfernt auch der Schia. Keine Zukunft für die Jungs und Mädels, keine Arbeit, Unsicherheit in Syrien, keine Perspektivenplanung – dafür viel Haschisch.

Das Stadtbild scheint (!) wie eh und je zu sein. Wie gesagt, es scheint mir so, als sei die Stadt gut mit Sicherheitsleuten gespickt. Natürlich vor allem freitags vor der Umayyaden-Moschee, und nachts sogar ganz offen mit Gewehren. Etwas weiter daneben sitzen die Jugendlichen, Mädchen und Jungen, und vergnügen sich.

Als Ende Oktober eine Delegation der Arabischen Liga an einem Mittwoch nach Damaskus kam, wurde natürlich ein Großaufgebot auf die Straße getrommelt, um eine Großdemonstration zur Unterstützung des Präsidenten zu inszenieren: Was hat man da nicht alles gesehen! Männer, Frauen, vor allem junge Burschen, Schulkinder, die in Gruppen und Blocks antreten (mussten), Blocks von staatlichen (?) Angestellten. Es war voll. Aber nun nicht so, als dass man sagen könnte, es waren die Massen auf den Straßen. Damaskus hat sehr viel mehr Bewohner.

Ich zog also mitten hinein, auf den Umayyaden-Platz, einem großen Verkehrsknotenpunkt, einem großen Stern vergleichbar. Es wurde laut Musik gespielt und Bässe dröhnten. Dazu tanzten vereinzelt Jugendliche; es war eine Spaßveranstaltung – irgendwie. Man unterstützte das Vaterland. Und dabei amüsierte man sich. Ob die wirklich verstanden, was dort hinter den politischen Kulissen gespielt wurde, das wage ich sehr stark zu bezweifeln! Mein Eindruck war, das waren zu einem großen Teil Unmündige, die nicht verstanden, warum sie dort sind und was sie da machen – und warum sie teilweise dort hingeschafft bzw. hinbeordert wurden. Wiederum sah man auch kleine Jungs – waren sie älter als 10?! – die mit einer Körperhaltung und Gestik Zigaretten rauchten, als wären sie jahrelang erprobt und weit über 30!

Es gab Ansprachen, unter anderem von „der türkischen Delegation“ auf Türkisch (mit verkürzender [?] Übersetzung), wo versucht wurde, einen Keil zwischen Erdogan und dem türkischen Volk zu treiben: Erdogan repräsentiere nicht das türkische Volk und seinen Willen, nur die türkische Politik – so in etwa. Es war alles so schlecht und platt inszeniert, meinem Geschmack nach. Aber durchaus überzeugend! – wenn man das glauben will, was man glauben will. Darum geht es ja gerade, den Menschen – mich und uns alle mit eingeschlossen – dahin zu bringen, dass man von alleine denkt und dabei denkt, dass man denkt; nur was denkt man? Mit welchen Prämissen?

Dann drehte ich mich auf dem Platz um und blickte auf die al-Assad-Bibliothek! Was ich da sah, würde mich jetzt nicht mehr erstaunen, aber damals war ich fast wie vom Hocker gerissen: Eine riesengroße (!), längliche Fahne jeweils von Russland und von China, die die ebenso riesige Fahne Syriens flankierten, und vom Dach der Bibliothek länglich herabhingen! Die Koalition war geschmiedet: Syrien klammerte sich an Russland und China! Hinzu kamen noch ein größeres Banner irgendwo auf dem Platz mit Dankesworten an die zehn (?) Staaten, die Syrien „unterstützen“ – u. a. Venezuela, Südafrika, Brasilien, Indien, Iran, Libanon, China, Russland... ; also eher die Staaten, die damals im Oktober eine Resolution gegen Syrien verhindert hatten. Ein Meer von syrischen Fahnen, welche den Platz schmückten oder aber von den ihn Schmückenden getragen wurden (=also von den Menschen), nationale Musik und die in der Vergangenheit verkrusteten Ansprachen. Unter anderem auch ein Grußwort aus Venezuela.

In der Vergangenheit verkrusteten Ansprachen deswegen, weil es einfach nur abgedroschene Rhetorik war: So wurde eine lange Rede gehalten über die Errungenschaften vom „Ewigen Führer“, Hafez al-Assad, und der Ba‘th-Partei, ihr Kampf gegen Imperialismus und Kolonialismus sowie gegen das „zionistische Gebilde“, wie es oftmals in der Presse genannt wird (gemeint ist natürlich der Staat Israel, den Syrien als Staat nicht anerkennt), ihre Bemühungen für die Palästinenser-Frage und der Pan-Arabismus, der „Sieg“ (!) 1973 gegen Israel (gemeint ist der Jom Kippur-Krieg mit den anfänglichen Erfolgen für die arabischen Staaten), für all das „stand und steht und wird Hafez al-Assad stehen, Unser Ewiger Führer, und Sein Sohn, der Ehrenhafte Genosse Doktor Baschar al-Assad“. Allein ein Blick auf eine etwas nüchternere Geschichtsanalyse offenbart einige Zweifel an einem wirklichen Einsetzen des syrischen Regimes für die Palästinenser und den Willen für die Rückeroberung des Golan. Wieso hat Hafez al-Assad als Verteidigungsminister damals den Golan preisgegeben, indem er einige Tage vor Ankunft der israelischen Truppen Quneitara geräumt hatte? Na ja, so die Propaganda-Rede die ganze Zeit – und das Interessante daran war die Geschichtsverfälschung; besser sollte ich sagen, die eine bestimmte Perspektive, die die Ba‘th-Partei-Rhetorik auf die Geschichte offenlegte. Wie in vielen anderen Staaten ja auch – Türkei, FYROM...

Einst ging ich Ende Oktober/ Anfang November an einem Mittwoch in die Uni – in die Fakultät der Literaturwissenschaften. Ich hörte gerade noch ein paar Stimmen und Rufe, als ich am Eingangsgitter war – war da eine Demo? Bald vergaß ich das schon wieder; auffällig waren nur die verstärkten Kontrollen am Gittertor und dass die Ausweise der syrischen Studenten, die eintraten, dort abgenommen wurden (die sie beim Herausgehen wohl wieder bekamen). Als ich drin war, gab es eine Pro-Präsidenten-Demonstration! Abgedroschen und aufgesetzt, mit ein paar Mänicken, 20–30 lass es gewesen sein. Wir standen da herum, ein Mädel telephonierte, und ein junger Mann aus der Kundgebung sprang auf sie zu, riss ihr das Handy vom Ohr, schaute auf den Display, ließ ihre Hand wieder los und sprang dann Parolen brüllend zurück in die Mini-Manifestation. Was diese Aktion sollte, weiß ich bis heute noch nicht! Aber damit hat er sich wohl als Mitglied der Sicherheitsorgane entlarvt. Besonders wahrgenommen wurde diese Spontan-Manifestation von den anderen Studenten nicht – ein Großteil ließ sie ungeachtet links liegen.

Ich ging meines Weges und sah im Augenwinkel hinter mir ein hübsches Mädchen, das mit einem nicht so wirklich attraktiven Mann in den 30ern in einem weißen Sportanzug Seite an Seite lief. Ich dachte mir nur: Na ja, mal wieder typisch, kein Geschmack (vom Mädel)... – doch dann stellte ich fest, dass er sie zwar unauffällig aber fest am Handgelenk packte und wegführte. Nach 50 m ging auch das Eisentor auf, sie wurde in ein Gebäude geführt, und sobald die Metallkette wieder verschlossen war, ließ er sie auch los. Sie war ja nun eingesperrt. Die Arme, was sie nun erwartet, das wird bestimmt nicht leicht für die Zukunft: Exmatrikulation? Verweis? Strafe? Ich nehme an, dass sie an der kurz zuvor für kurze Zeit auf dem Uni-Gelände entbrannten Demo gegen den Präsidenten teilgenommen hatte und dabei gefasst wurde.

Sozusagen als Auf-Wiedersehens-Gruß beim meinem Flug ab Damaskus, mit der Syrian Arab Airlines, war da dieser Mann... Der war mir schon beim Einsteigen wegen seiner Lederjacke aufgefallen. Bei der Zwischenlandung stand er dann wirklich auch ganz familiär mit einem der Stewards und plauschte und dieser machte den beiden Nescafé. Ist es denn möglich, dass selbst auf Syrian-Airlines-Flügen Sicherheitspersonal mitfliegt? Entweder war es einfaches (bewaffnetes) Sicherheitspersonal (sind sie so gefährdet?) – oder er war vom Geheimdienst! Aber dass der da so durch Zufall, so typisch auffällig unauffällig (Lederjacke!) herumstand – das mag ich kaum glauben. Später hörte ich, er sei wohl vom bewaffneten Board-Personal gewesen. Auf jeden Fall dachte ich bei mir: Gruß aus Syrien!

Kommentare:

M.A. hat gesagt…

Ich habe großen Respekt für jeden Freiheitsliebenden Menschen auf der Welt. Aber Menschen, die für Assad demonstrieren Unmündigkeit zu unterstellen, nur weil man nicht mit denen einer Meinung ist, ist ziemlich tiefes Niveau. Es gibt genügend Gründe für den Präsidenten zu sein und eine Mehrheit der Syrer ist es auch noch. Es wirft ja auch niemand dem Autor vor, durch den Konsum der in seinem eigenen Text zitierten Drogen unter Verfolgungswahn zu leiden, er will (und soll) schließlich auch mit legitimen Sorgen um sein Heimatland ernst genommen werden.

Anonym hat gesagt…

Syrian Arab Airlines hat einen eigenen Sicherheitsdienst, der auf Flügen Bewaffnete mitschickt. Dies gilt für ausnahmslos alle Flüge und das schon lange vor der Einführung von sog. Skymarshalls bei anderen Airlines. Ursprünglich sollten Sie verhindern, dass sich die Mannschaft mit der Maschine absetzt. Heute schüchtern Sie gerne Fluggäste ein, belästigen Alleinreisende Frauen und genießen die First Class.