Mittwoch, 12. September 2012

Kampf um Aleppo: "Die Menschen müssen erst 75 oder 90 Prozent selbst erkämpfen"

Ein Interview von Natalia Gorzawski

Ich treffe Ahmed in den Vereinigten Arabischen Emiraten, nachdem er ein paar Tage zuvor aus Syrien zurückgekehrt ist um mit ihm über die Kämpfe zwischen Opposition und Regime in der syrischen Handelsmetropole Aleppo zu sprechen. Er ist ruhig und überlegt und formuliert jede Antwort sehr konzentriert und präzise. Aus einem Gespräch zur Generierung von Hintergrundinformationen für meinen Artikel entwickelt sich ein fast eineinhalbstündiges Interview, das viele Details über die Entstehung und Organisation der bewaffneten Opposition preisgibt und im Folgenden in Ausschnitten zu lesen ist. 

Ahmed hat die Anfänge der Revolution in Syrien miterlebt, ist dann aber, wie so viele andere auch im Herbst letzten Jahres ins Ausland geflüchtet. Ein Jahr später hat er sein Land nun noch einmal besucht. Sein Aussehen und Verhalten suggerieren eine besonders strikte und konservative religiöse Auffassung, wie ich sie in Syrien selten erlebt habe. So zitiert er manchmal den islamischen Gelehrten Ibn Taimiya der als geistiger Inspirator des Islamismus und Wahhabismus gilt und von allen meinen muslimischen Freunden als extremistisch abgelehnt wird. Gleichzeitig erlebe ich ihn aber immer als aufgeschlossenen Menschen, der an anderen Sichtweisen interessiert ist, gerne zuhört und die eigene Meinung immer wieder revidiert und überdenkt. Nach einem längeren Besuch in Istanbul  erzählte er mir einmal, er wünsche sich für Syrien ein ähnliches politisches System wie in der Türkei.

Deine Heimatstadt liegt in einem der Gebiete, die inzwischen von der Opposition kontrolliert werden. Wie kam es dort zu der Ausbildung einer bewaffneten Opposition?

Wie fast überall gab es zu Anfang friedliche Demonstrationen und Proteste in meiner Stadt. Das Regime hat daraufhin immer wieder nächtliche Razzien durchgeführt und Menschen festgenommen. Normalerweise sind sie in etwa sieben oder acht Häuser pro Nacht eingedrungen. Dabei handelte es sich bei den Festnahmen meist nicht einmal um Aktivisten oder Demonstranten. Mein Cousin wurde zweimal für jeweils einen Monat ins Gefängnis gesteckt. Dabei war es nicht er, sondern sein Bruder, der gesucht wurde. Das zweite Mal haben sie dann übrigens auch den Vater mitgenommen. Im Herbst letzten Jahres fingen die Menschen vor Ort dann an, sich zu organisieren und zu bewaffnen um solch willkürliche Festnahmen zu verhindern.


Wer waren die Menschen, die sich zuerst in einer bewaffneten Gegenwehr organisiert haben?

Der wohl wichtigste Kämpfer aus meiner Stadt ist inzwischen einer der Führungspersonen im Kampf in Aleppo. Sie nennen ihn Haji. Die Anführer der Kämpfer werden immer nach ihrer Stadt benannt. Normalerweise Haji „von dieser oder jener Stadt“.  Unser Haji hat also eine bewaffnete Gruppierung organisiert und mehr und mehr Menschen haben sich ihm angeschlossen. Mit der Zeit haben praktisch alle, die Führungsqualitäten besitzen, angefangen bewaffnete Gruppierungen zu organisieren. Später wurden all diese Gruppierungen in der sogenannten Tawhid-Brigade zusammengefasst. Aber davor gab es viele verschiedene, die relativ unabhängig voneinander geplant und operiert haben. Irgendwann haben sie angefangen, gezielt gegen das Regime zu kämpfen. Zuerst wurden Operationen zur Befreiung meiner Heimatstadt durchgeführt. Danach wurde der Kampf auf nahe gelegene Gebiete ausgeweitet. Sie haben wohl vor allem Polizeistationen angegriffen.

Wie kam es im Verlauf dessen zu dem Zusammenschluss dieser Gruppierungen in der Tawhid-Brigade?

Im Laufe der Zeit kam es zu Problemen. Manche Gruppierungen haben ihre Waffengewalt genutzt, um den Kampf gegen das Regime auf persönliche Auseinandersetzungen oder zur Profitanreicherung auszuweiten. Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen, wurde die Tawhid-Brigade gegründet, in der alle kleineren Gruppierungen der Region in einer klar organisierten Struktur zusammengefasst wurden. So konnten diese Entwicklungen gestoppt werden. Vor etwa zwei Monaten haben sie sich dann dazu entschlossen den Kampf auf Aleppo auszuweiten. Es gibt dazu ein Statement auf Youtube, in dem dies offiziell erklärt wird.

Wie steht die Bevölkerung zu den Entwicklungen?

Denjenigen, die von Anfang an auf Seiten der Revolution standen ist es egal. Natürlich sehen auch sie die Schwierigkeiten, die mit dieser Situation verbunden sind, aber sie nehmen das in Kauf. Es gibt aber auch andere, die sich beschweren. Ein paar sind natürlich unzufrieden mit der Situation und ich glaube niemand kann ihnen Vorwürfe machen. Es macht ihnen auch niemand einen Vorwurf. Es ist wirklich schwierig geworden. Aber es scheint, dass dies der einzige Weg war. Irgendwie muss diese Situation zu einem Ende kommen und friedlich hat es ganz offensichtlich nicht funktioniert.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Menschen in deiner Heimatstadt zu kämpfen?

Mit den Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens. Alles ist unglaublich teuer geworden. Ich war ein Jahr lang nicht in Syrien und alle Preise haben sich verdoppelt, meist sogar verdreifacht. Ein Brathühnchen hat z.B. 200 Syrische Pfund (SYP) gekostet, jetzt kostet es 500 SYP. Die Dieselpreise haben sich verfünffacht. Benzin vervierfacht und die Preise für Gas zum Kochen sind um das siebenfache gestiegen. Es gibt außerdem gravierende Versorgungsengpässe. Als ich da war, gab es fast keine Früchte. Das lokal angebaute Gemüse und die Früchte sind nicht viele, da vorher fast alles über Aleppo geliefert wurde. Als ich da war, hat sich eine klare Versorgungskrise angedeutet. Anscheinend sind jetzt aber Hilfsgüter geliefert worden. Wahrscheinlich über die Türkei. Inzwischen hat das Regime auch angefangen die Gebiete vermehrt zu bombardieren. In Azaz wurden so um die 40 Menschen getötet und auch in meiner Stadt kommt es fast täglich zu einzelnen Luftangriffen. Die Situation wird ernster und die Menschen fliehen vermehrt Richtung Türkei. Viele warten schon jetzt an der Grenze darauf, dass sie rüber können. Aber die türkische Seite muss erst ein Flüchtlingslager fertigstellen. Anscheinend sind Tausende dort. Die von der FSA kontrollierten Gebiete in Aleppo sind inzwischen fast ganz verlassen. Die meisten Menschen sind ins Umland oder auch Richtung Türkei geflüchtet. Irgendwann wird es wohl niemanden mehr geben, der sich beschweren kann.

Wer kontrolliert inzwischen die Stadt und wie organisiert sie sich?

In meiner Stadt gibt es sieben oder acht Kommandostellen der FSA. Sie treffen sich dort und viele schlafen auch dort. Außerdem ist die Medienzentrale dort angesiedelt. Bei manchem weiß ich nicht genau wie es funktioniert, aber grundsätzlich sind fast alle aus meiner Stadt auf Demonstrationen gegangen oder haben diese unterstützt. Das heißt auch diejenigen, die für die Stadt gearbeitet haben. Sie haben dann nach der sogenannten Befreiung ihren Job fortgeführt. Die Wasserversorgung zum Beispiel. Es gibt nicht die ganze Zeit fließend Wasser- im Sommer normalerweise nur etwa 3-4 Stunden alle zwei Tage. Aber es sind die gleichen Arbeiter die dafür sorgen, dass wir Wasser haben. Ähnlich läuft es mit der Müllabfuhr. Der Müllwagen ist ja immer noch da, der Platz zur Lagerung auch und so übernehmen eben die gleichen Arbeiter diesen Job. Bei der Elektrizität bin ich mir nicht sicher. Ich weiß nicht, ob das Regime die Versorgung komplett zerstören kann. Als ich da war gab es jeweils für drei bis vier Stunden Elektrizität und dann wieder für drei bis vier Stunden keine. Ich weiß auch nicht, was mit den Schulen passiert. Derzeit sind Sommerferien und ich glaube nicht, dass sie danach öffnen werden. Ich glaube, dass die fehlenden Gehälter mit der Zeit von der FSA ausgezahlt werden. Die Kämpfer bekommen schon jetzt einen kleinen Lohn. Nicht viel, aber es reicht zum Überleben und ich denke, wenn die Stadtangestellten Gehälter brauchen um ihre Arbeit fortzuführen, wird die FSA vermehrt dafür aufkommen. Es gibt außerdem ein Gefängnis für diejenigen die während der Kämpfe gefangen genommen werden, für Shabihas (Anm: die sogenannten Shabiha sind eine regimegetreue Miliz, die zur Unterdrückung der Proteste eingesetzt wurde) aber auch einfach Leute, die Probleme machen. Dabei gibt es ein Komitee, bestehend aus drei Personen. Einer davon ist eine religiöse Persönlichkeit und einer ein Anwalt. Dieses Komitee fällt dann ein Urteil über die Gefangenen. Ich glaube das ist auch ein Zeichen dafür, dass in den Köpfen der Menschen immer noch der Kampf für ein gerechtes demokratisches System gegenwärtig ist. Auch wenn die Rechtssprechung eine gewisse religiöse Grundlage nutzt.

Wie setzt sich die Tawhid-Brigade zusammen und wie ist sie strukturiert?

Die Tawhid-Brigade ist vornehmlich ein Zusammenschluss der bewaffneten Gruppierungen aus den nördlichen Vororten Aleppos und bildet die Freie Syrische Armee (FSA) in diesen Gebieten. Die meisten sind aus der Region, aber es gibt auch einige desertierte Soldaten. Ich habe welche aus Homs, Daraa und Deir al-Zour getroffen. Die Führung liegt bei jemandem mit dem Namen Abu Juma. Er ist der Führer des Revolutionskomitees in Aleppo und den ländlichen Gebieten um Aleppo herum. Er ist so um die 50, aber es gibt auch Jüngere in der Führungsrige.  Die meisten sind weithin respektierte Persönlichkeiten der Region. Es gibt aber auch welche, die nicht besonders respektiert sind, die organisatorischen Strukturen sind jedoch so aufgebaut, dass sie durch höhergestellte Anführer kontrolliert werden. Und Abu Juma ist nicht auf einen persönlichen Gewinn aus, er ist einfach überzeugt, dass er etwas gegen dieses Regime unternehmen muss.

Wie groß ist die Tawhid-Brigade?


Ich weiß nicht genau wieviele Kämpfer es sind, aber aus meiner Stadt gibt es ca. 500. Außerdem gibt es viele, die sich dem Kampf anschließen wollen. Allerdings gibt es einfach nicht genügend Kalaschnikows. In meiner Stadt warten derzeit knapp 700 Männer darauf, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen, um in Aleppo mitzuhelfen. Wer schon dort ist, arbeitet in Schichten. Das heißt, die Einheiten in Aleppo wechseln sich ab, kommen immer wieder zu den Stützpunkten in ihren Heimatorten zurück, während andere ihre Posten übernehmen. Grundsätzlich heißt es inzwischen, wenn du eine Waffe besorgen kannst, wirst du aufgenommen.

Gibt es eine Koordination mit anderen Brigaden der Freien Syrischen Armee und bewaffneten Gruppierungen der Opposition?


Inwieweit es eine Koordination mit anderen Städten gibt weiß ich nicht. Aber es gibt wohl einen anderen Offizier, der Kämpfe in Aleppo koordiniert. Ein ehemaliger Offizier, der zur Opposition übergelaufen ist. Und soweit ich weiß gibt es eine Koordination zwischen ihm und der Tawhid-Brigade. Außerdem gibt es eine klare Organisations- und Koordinationsstruktur zwischen den Kämpfern in den nördlichen und den Kämpfern in den westlichen Gebieten um und in Aleppo. So wurden z.B. Trainingscamps für diejenigen eingerichtet, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten, sich aber der Freien Syrischen Armee anschließen wollen. Zu diesem Trainingscamp sind dann auch viele aus anderen Gebieten geschickt worden. Ansonsten gibt es ja auch immer Sprecher der Brigaden, die sich über Skype, Facebook etc. austauschen. Die Koordination innerhalb der Tawhid-Brigade findet vornehmlich über türkische Internet- und Telefonanbieter statt. Ich denke Aleppo ist in der Hinsicht ein ziemlich luxuriöser Standort, da die Stadt nahe der Grenze gelegen ist und die Türkei eindeutig die Revolution unterstützt. In Homs z.B. ist das schwieriger. Es gibt kaum Informationen, obwohl die Stadt seit knapp 80 Tagen belagert ist. Der Fokus der Medien richtet sich inzwischen auf Damaskus und Aleppo. Dabei gibt es immer noch Familien in Homs, auch wenn viele die Stadt verlassen haben. Aber es gibt noch ein paar - und natürlich Kämpfer.     

Wie sieht es in den Gebieten Aleppos aus, die inzwischen von der FSA kontrolliert werden?

Sie kontrollieren einen großen Teil Aleppos. Anscheinend den größten Teil. Sie haben Checkpoints in den Straßen und organisieren das Zusammenleben der dort Verbliebenen. Zum Beispiel die Schlangen vor den Bäckereien. Gleichzeitig geraten sie immer wieder unter Beschuss. Gegen die Luftangriffe des Regimes sind sie machtlos.

Wie sieht es in den umkämpften Gebieten derzeit aus?


In anderen Gebieten gibt es noch Sicherheitsleute des Regimes und dort kommt es dann immer wieder zu Gefechten. Sie haben außerdem angefangen und es soweit ich weiß auch größtenteils geschafft, die Shabiha-Miliz zu beseitigen. Es gibt dieses Video, in dem eine wichtige Shabiha-Gruppierung umgebracht wird. Sie wurden für die Art und Weise heftig kritisiert. Es gab außerdem noch weitere Zwischenfälle. Es heißt, dass sie es geschafft haben den Großteil der Shabiha umzubringen.

In den Medien wird immer wieder von ausländischen Extremisten berichtet, die nach Aleppo ziehen um den Kampf dort zu unterstützen. Hast du davon etwas mitbekommen?

Die meisten Kämpfer kommen aus dem Umland Aleppos, aber es gibt auch desertierte Soldaten aus anderen Städten. Ich selbst habe keine Ausländer getroffen, aber von einem gehört. Ein Russe, der wohl unerfahrene Kämpfer im Umgang mit der Waffe geschult hat. Aber ich glaube nicht, dass viele da sind. Ich denke auch eher, dass sie als Individuen kommen. Bei meinen Besuchen der FSA-Stützpunkte habe ich aber weder von welchen gehört, noch welche gesehen.

Wie stehen die Menschen zu diesen ausländischen Kämpfern?

Es wird nicht wirklich darüber geredet oder diskutiert. Die Menschen haben bisher keinen Kontakt zu ihnen gehabt.

Glaubst du, dass sie Syrien wieder verlassen werden, wenn das Regime gestürzt ist?

Ja, auf jeden Fall. Sie kommen für den Djihad, um ihre Brüder und die Menschen zu unterstützen und dabei zu helfen, das Regime zu stürzen. So wie eben auch Syrer in den Irak gezogen sind um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Ich kenne zwei aus Aleppo, aber auch aus meiner Heimatstadt ist damals jemand in den Irak gezogen. 

Wie organisieren sich die Kämpfer in Aleppo? Wie werden sie versorgt?

Sie bekommen etwas lokale Unterstützung. Aber am wichtigsten ist wohl, dass die kontrollierten Gebiete an die Zufahrtsstraße in die ländlichen Gebiete angrenzen. So können die Kämpfer mit Essen und anderen Gütern aus den befreiten Gebieten versorgt werden. Es gibt wohl auch einige, die wirklich aus Aleppo sind. Aber die meisten, die den Kampf unterstützen sind ursprünglich aus den Städtchen und Dörfern der Umgebung. Sogar die wenigen Demonstrationen, die es zuvor in Aleppo gab, waren vornehmlich von diesen Bewohnern organisiert. 

Warum gab oder gibt es bisher keine großflächige Unterstützung für die Revolution durch die  Bewohner Aleppos?

Ich weiß es nicht genau. Ahmad Zaidan, ein Aljazeera-Korrespondent der in Aleppo war, hat berichtet, dass es dort 170.000 Shabiha gab, und dass deren Anwesenheit die Menschen davon abgehalten hat auf die Straße zu gehen. Das ist ja eine recht große Anzahl und ich weiß nicht, wie er auf die genau kommt. Lassen sich ja schwer zählen. Aber es stimmt, dass sie Shabiha zu den wichtigen Moscheen geschickt haben. Die Ummayaden-Moschee in Aleppo zum Beispiel. Dort sollen so um die 400 gewesen sein. Ich war selbst einmal auf einer Demonstration in Aleppo. Das war im Mai letzten Jahres. Ich bin mit fünf oder sechs meiner Cousins hingefahren. Der Protest war vorher abgesprochen und so koordiniert, dass es nach dem Abendgebet eine Demonstration in einer Wohngegend namens Midan geben sollte. Wir haben also gebetet, sind dann raus ins Dunkel und haben angefangen zu rufen. Das ging etwa fünf Minuten, dann ist ein Truck voller Shabiha gekommen. Sie hatten Schlagstöcke, Messer und so weiter und wir sind alle weggerannt. Sie haben drei oder vier geschnappt, aber die haben natürlich geleugnet, wegen der Demonstration dort gewesen zu sein. Ein Freund von mir hat gesagt, er wäre dort gewesen um seinen Videorekorder nach einer Reparatur abzuholen. Grundsätzlich hat das Regime also schon verstärkt versucht Proteste und Demonstrationen in Aleppo zu unterbinden. Ich glaube ein anderer wichtiger Punkt ist die gesellschaftliche Struktur in so großen Städten wie Aleppo und Damaskus. Die Menschen dort kennen sich nicht besonders gut. Das macht eine Koordination schwieriger und die Menschen haben mehr Angst. In jener Nacht in Aleppo habe ich niemanden um mich herum gekannt und natürlich fühlt man sich da weniger sicher. In kleinen Städten oder tribal geprägten Gebieten ist das anders.

Was will die bewaffnete Opposition in Aleppo oder mit der Eroberung Aleppos erreichen?


Aleppo ist eine bedeutende Stadt. Sie wollen Aleppo befreien, um dann von dort aus den Kampf um andere Städte in Syrien zu organisieren. Das Problem ist, dass die internationale Gemeinschaft, die UN, Amerika oder Europa. nicht gewillt ist, irgendwas zu unternehmen. Die Menschen müssen erst 75 oder 90 Prozent selbst erkämpfen. Inzwischen interessiert es die Revolutionäre und Kämpfer auch gar nicht mehr, was auf internationaler Ebene passiert. Sie denken nicht darüber nach, was Amerika tut oder nicht tut, sie wollen nicht einmal mehr etwas davon hören. Ansonsten haben sie versucht, die Kontrolle über Sicherheitsstationen in Aleppo zu erhalten und die Shabiha auszumerzen. Sie wollten Aleppo sozusagen intern „säubern“. Also der grundlegende Gedanke war glaube ich erstmal, Aleppo zu einem sicheren Ort für die Revolutionäre zu machen.   

Wie siehst du die Kämpfe in Aleppo?

Grundsätzlich läuft es ganz gut, außer natürlich die Zerstörung der Wohngebiete durch die Angriffe des Regimes. Es stimmt, dass die Freie Syrische Armee in die Gebiete gegangen ist um die Kontrolle zu übernehmen, aber ich glaube trotzdem dass die Hauptschuld beim Regime liegt. Es kann doch nicht sein, dass sie reagieren, indem sie Wohnhäuser und Menschenschlangen vor Bäckereien bombardieren.

Glaubst du, dass die Bewohner Aleppos die Freie Syrische Armee großflächig unterstützen werden oder zumindest akzeptieren, sollten sie die Vorherrschaft über Aleppo erlangen?

Ich glaube, das hängt davon ab wie sich die Dinge entwickeln. Ich habe heute gehört, dass es ein Treffen zwischen der Türkei und den USA gab, bei dem über die Einrichtung einer Flugverbotszone diskutiert wurde. In einem solchen Fall würde sich Aleppo zu einem Rückzugsort oder einer militärischen Basis entwickeln, von der aus Operationen und Angriffe geplant und durchgeführt werden könnten. In diesem Fall gäbe es ja eine internationale oder zumindest regionale Unterstützung und eine aktive Unterstützung dieser Gebiete wäre nicht mehr so wichtig.

Es wird immer mehr von einem Konflikt zwischen Sunniten und Alawiten gesprochen. Wie gestalten sich diese religiösen Auseinandersetzungen in und um Aleppo herum?

In Aleppo gibt es praktisch keine Alawiten. Wir haben allerdings zwei schiitische Dörfer an der Straße zwischen Aleppo und Azaz. Die stehen auf Seiten des Regimes und wurden mit Waffen versorgt, noch bevor die Revolutionäre sich bewaffnet haben. Soweit ich weiß, haben einige von ihnen dem Regime bei der Unterdrückung von Demonstrationen und Protesten in Aleppo und dem Umland geholfen. Ich weiß nicht, was mit ihnen passieren wird. Theoretisch kann das aber von den Führern der Tawhid-Brigade kontrolliert werden. Wenn sie eine bestimmt Richtung vorgeben, würden die Menschen sich dem unterwerfen.

Kommentare:

g.c. hat gesagt…

Herzlichen Dank für das wirklich sehr aufschlussreiche Interview. Gut, auch mal von einem Oppositionellen zu lesen, dass eben nicht alle Sunniten sofort Feuer und Flamme für die Revolutionäre sind.

Eine Frage an die Interviewerin: Du schreibst, dass Ahmed öfter Ibn Taimiyya zitiert. Aus dem Interview wird nicht klar, in welchem Zusammenhang er das tut. Geht es da um Ressentiments gegenüber Schiiten, Alawiten etc.? Es wäre schön, wenn du das etwas näher erläutern könntest.

natalia hat gesagt…

Vielen Dank erstmal für das Lob. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass Ahmed sicherlich in vielen Punkten eine eher extremistische religiöse Auffassung vertritt und nach dieser lebt, dabei jedoch nicht engstirnig denkt. Ein Freund von mir hat ihn mal scherzhaft als intellektuellen, friedlichen Salafisten bezeichnet. Ich erinnere mich an ein Zitat von Ibn Taimiyya, in dem es um die Schiiten ging. Er meinte im Anschluss: „Ich sage nicht, dass wir das so tun sollen…“.

Anonym hat gesagt…

Ein bisschen mehr Kritik an diesem üblen Haufen hätte ich aber schon erwartet.
Das Gericht, von dem der Kämpfer spricht ("Dabei gibt es ein Komitee, bestehend aus drei Personen. Einer davon ist eine religiöse Persönlichkeit und einer ein Anwalt.") ist eines jener Scharia-Gerichte, die in vielen "befreiten" Gebieten entstanden sind. Wie man das den verschiedenen Minderheiten vermitteln möchte ? Abgesehen von denjenigen, die als Feinde der Revolution abgestempelt werden, oder Kriegsgefangene, die ebenso einfach über die Klinge springen müssen. Ich empfehle, nur mal den Namen der Gruppe bei youtube einzugeben, da findet man unglaubliches. So geht nach eigenem Bekunden, die ERschießung der Milizionäre es Birri-Clans auf ihre Rechnung,auch das heldenhafte Vorgehen gegen den Alkoholverkauf,…