Freitag, 9. Februar 2007

"Der Text macht einen sprachlos" - Eine Erwiderung

Auf meinen gestrigen Beitrag Libanon - Wege aus der Krise erwiderte ein anonymer Leser dieses Blogs Folgendes.:

"Der Text macht einen sprachlos. Eine Umverteilung der politischen Macht nach dem vorgestellten Modell stärkt die radikalen, nicht-staatstragenden Kräfte. Was kommt danach? Der islamische Gottesstaat? Diese Perspektive führt zur Auswanderung der gemäßigten Libanesen. Man könnte dagegen aber auch das Wahlrecht für Auslandslibanesen fordern. Dann sähe die Verteilung im Parlament anders aus. Aber die Radikalen boykottieren diese Forderung. Vielleicht ist eine Separation des Staates die bessere Alternative. Die Gemäßigten zahlen schon seit langem einen zu hohen Preis für die Koexistenz mit Radikalen."

Fakt ist, dass die Schiiten als zahlenmäßig größte Konfessionsgruppe im Libanon im Parlament unterrepräsentiert sind. Es ist daher absolut legitim, dass diese Gruppe nun eine Vertretung im Parlament für sich beansprucht, die anteilsmäßig den demographischen Realitäten im Land Rechnung trägt. Dies ist ein demokratisches Grundrecht.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass nur eine Minderheit der Schiiten im Libanon "radikal" und nicht jeder Schiit Hizbollah-Anhänger ist. Es ist vielmehr die Ausgrenzung und Benachteiligung der Schiiten in vielen Bereichen von Politik und Gesellschaft, die die radikalen Kräfte innerhalb der Religionsgemeinschaft stärkt. Eine angemessene Repräsentation der Schiiten in der Nationalversammlung wäre der erste Schritt zu einer wirklichen Integration der Schiiten in den libanesischen Staat. Gegenwärtig sind 27 von 128 Abgeordneten Schiiten. Will man an dem konfessionellen Wahlsystem festhalten, ist das schlicht zu wenig.

Vom Ideal eines Gottesstaats hat sich die Hizbollah im Übrigen längst verabschiedet, wenn es dieses überhaupt je entschieden verfochten hat. Die Partei ist sich durchaus bewusst, dass auch die Schiiten nur eine der 18 religiösen Minderheiten im Land sind, die den anderen Konfessionen nicht ihr Staatsideal aufzwingen kann.

Das Wahlrecht fuer Auslandslibanesen ist in der Tat ein brisantes Thema. Sollten die etwa 1,2 Millionen Exil-Libanesen der zweiten Generation tatsächlich das Wahlrecht bekommen, würde dies natürlich die Zusammensetzung des Parlaments beeinflussen, da etwa drei Viertel von ihnen christlichen Glaubens sind. Gleichwohl muss die Frage erlaubt sein, wie demokratisch ein Wahlsystem ist, in dem dann ein Drittel der Wähler im Ausland lebt und von den politischen Entscheidungen im Libanon nur sehr mittelbar betroffen ist.

Eine Aufspaltung des Libanons entlang der Konfessionen ist erstens nicht praktikabel, da nur wenige Teile des Landes ausschließlich von einer Konfessionsgruppe bewohnt werden und ein solcher Schritt nur zun noch mehr Tod und Vertreibung führen wuerde. Das libanesische Volk wird über kurz oder lang einen Modus Vivendi finden müssen, in dem sich die religiöse Vielfalt des Landes angemessen widerspiegelt.

Zum Abschluss eine Aufgabe für die Leserschaft: Gesucht werden Definitionen für die Begriffe "radikaler Libanese" und "gemäßigter Libanese".

Kommentare:

jolly rogers hat gesagt…

ich kenne nur "roter libanese".

scherz beiseite: vor etwas mehr als 200 jahren war die parole "no taxation without representation" in einem bestimmten land zu hören. kurz darauf brach eine revolution los, die mit der machtübernahme der parolenschreier endete.

heute nennt man dieses land den hort der demokratie.

Anonym hat gesagt…

gemäßigter, radikaler, egal. hin oder her - mir scheint, keiner ist bereit, endlich ruhe zu geben und einfach mal friedlich zu leben. und damit meine ich nich nur die libanesen. fertig aus.

ilja hat gesagt…

zahlen die nichtausreichend repräsentierten schiiten etwa keine steuern?
ich versteh den ersten kommentar von roger nich ...
wär nett, wenn du mir mal sagen könntest, was du damit sagen wolltest :D

ansonsten seh ich das prinzipiell schon als fortschritt, wenn man die sitzverteilung im parlament gemäß der interessenverteilung im land gestaltet. das wird aber immer dann legitimationslos, wenn hier nur geschätzt oder gemutmaßt wird, wie viele schiiten, christen uns. es gibt.
also entweder ne neue volkszählung oder mal ne wahl ... so ganz innovativ :D

vielleicht gibt es dann auch mal die möglichkeit, dass sich eine machtgruppe entwickelt, die konfessionsübergreifend frieden und sicherheit anstrebt!?!?
im moment seh ich das n bissl arg erschwert, wenn man nur gekoppelt über seine religion wählen darf...

ich denke, dasses auch in D christen gibt die für atomkraft und dagegen sind. genauso wie es hier auch juden gibt die für und welche die gegen den irakkrieg sind ....

bin gespannt ...

Yvonne hat gesagt…

Ein "radikaler Libanese" moechte eine radikale Veraenderung in der Machtverteilung (was es zweifellos waere).
Ein "gemaessigter Libanese" hat eher einen harmoniebeduerftigen Charakter und wuenscht sich den im letzten Buergerkrieg so heiss begehrten Landfrieden gefestigt.
Das sind keine negativ besetzten Begriffe. Wo liegt also das Problem?
Es ist total menschlich und existiert in der einen oder anderen Form in jedem Land, in jedem Menschen.

Anonym hat gesagt…

Eine der ersten Schritten zur wirklichen Integration der Schiiten in den Libanesischen Staat erfolgte durch Präsident Charles Helou, welcher die Einrichtung des Obersten Islam-Schiitischen Rates ermöglichte. Dadurch wurde die politische Autonomie der Schiiten, die vorher unter der Sunnitischen Vorherrschaft (oder war es eine Bevormundung?) lebten erst geschaffen.

Welche demokratische Standards werden zugrunde gelegt, wenn ein Generalsekretär einer Partei (die 3 Hisbollah Minister und etwa 14 Hisbollah Abgeordnete stellt) und der gleichzeitig schiitischer Geistlicher ist (der aber keine demokratische Legitimierung besitzt im Namen des Libanons zu agieren), gegen die Mehrheit der gewählten Politiker (im Parlament und in der Regierung) einen Krieg gegen ein Nachbarland führt? Wie kann nach diesem Krieg die Forderung dieser Partei, die als einzige Waffen besitzen darf, nach mehr Parlamentssitzen (Begründung: 'demokratischen Grundrechte' bzw. 'Anpassung der demographischen Realität') interpretiert werden?

Noch ein Hinweis auf ein Interview mit Elie Khoury, in welchem er eine theoretische Lösung des aktuellen politischen Problems darstellt
www.michaeltotten.com/archives/001380.html

Vielleicht helfen seine Ausführung bei der Begriffsdefinition?

PS:Was bedeutet 'absolut legitim'?

Anonym hat gesagt…

Das ist mal wieder ganz typisches Studentengewäsch, bar jeder Vernunft. Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass man nicht Kräfte die Soldaten eines Nachbarlandes entführen, dadurch einen Krieg anzetteln der zu massiven Zerstörungen im Libanon führt, stärken muß. Auch der Dümmste muß doch irgendwann mal zur Kentniss nehmen, dass jegliche Zugeständnisse sofort als Schwäche ausgelegt werden.

Anonym hat gesagt…

Ziemlich schwache Argumentation von sydow.
Stellt sich doch vor allem mal die Frage warum überhaupt nach Konfessionen gewählt werden muß?
Was soll denn so demokratisch daran sein wenn bspw. 2/3 Shiiten den Rest dominieren?
Da wäre es sehr wohl wesentlich demokratischer das Land gleich nach Konfessionen aufzuteilen und Punkt.

Daß die Hisbollah keinen Gottesstaat wollen ist wohl der Witz des Tages.
Hätte nicht gedacht daß sydow sich so leicht einwickeln läßt. Bisschen naiv oder?

C.Sydow hat gesagt…

Ginge es nach mir, muesste nicht nach Konfessionen gewaehlt werden sondern nach dem System wie es etwa in Deutschland praktiziert wird. One WoMan - One Vote.

Da wuerden dann in jedem Wahlkreis Vertreter verschiedener Konfessionen gegeneinander kandidieren. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint sich unter den politischen Fuehrern des Landes hierfuer jedoch keine Mehrheit zu finden. Mit Sicherheit waere dieses System gerechter als die bisherige Fassung. Hauptprofiteur einer Reform waere uebrigens vermutlich die Hizbollah, da die Schiiten dann deutlich mehr als die bisherigen 21% der Parlamentssitze besetzen wuerden.

Wenn man jedoch an dem konfessionellen System festhaelt, sollte man die Rolle der Schiiten staerken. Ob das automatisch die Rolle der Hizbollah staerkt, liegt dann in der Hand des Waehlers.

Der sprirituelle Fuherer der Hizbollah Fadlallah hat bereits 1995 erklaert, dass man das Ziel der Errichtung eines islamisch Gottesstaats aufgegeben habe.
Nasrallah selbst sagte 2004:

"We believe the requirement for an Islamic state is to have an overwhelming popular desire, and we're not talking about fifty percent plus one, but a large majority. And this is not available in Lebanon and probably never will be."

http://www.nybooks.com/articles/17060

Fakt ist, dass viele Frauen in der Bewegung aktiv sind und die Hisbollah nie versucht hat Buecher zu verbieten oder die Sharia einzufuehren, auch nicht in Gebieten die faktisch unter ihrer Kontrolle stehen.

Vielleicht weisst du mehr, Anonymous?

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Fakt ist, dass viele Frauen in der Bewegung aktiv sind und die Hisbollah nie versucht hat Buecher zu verbieten oder die Sharia einzufuehren, auch nicht in Gebieten die faktisch unter ihrer Kontrolle stehen."

Ich finde diese Haltung nur etwas naiv.
Die Hisbollah hat faktisch keine Mehrheit und auch nicht die Aussicht diese in absehbarer Zeit zu bekommen.
Die Hisbollah ist aber keine nationalistische Bewegung, sondern eine islamische. Folglich kann man wohl davon ausgehen, daß sie auch die gemeinsamen Interessen mit Iran oder den Shiiten im Irak im Blick hat.
Kurz und knapp: Nasrallah wäre doch dumm wenn er großsprecherisch etwas fordern würde, von dem er genau weiß, daß es sich doch nicht durchsetzen läßt.
Nur sollte man doch nicht so naiv sein alles zu glauben.
Wenn die SPD vor der Wahl verkündet, die Steuern nach der Wahl nicht zu erhöhen, glaubst du das bestimmt auch oder was?
Glaubst du die Hisbollah unterscheidet sich in ihren Lügenmärchen von stinknormalen säkularen Parteien?

C.Sydow hat gesagt…

urhZitat: "Die Hisbollah hat faktisch keine Mehrheit und auch nicht die Aussicht diese in absehbarer Zeit zu bekommen."

Wenn dem so ist, spricht doch ueberhaupt nichts gegen eine Staerkung der Schiiten im Parlament.

Letztendlich muss sich jede Partei an ihrem Programm und ihre Realpolitik messen lassen.

Fakt ist, dass die Hizbollah die Errichtung einer Islamischen Republik im Libanon nicht als Parteiziel in ihrem Programm festgeschrieben hat und, dass sie in den Gebieten die weitestgehend unter ihrer Kontrolle stehen in den letzten 20 Jahren keine Anstalten unternommen hat, ein islamisches System zu errichten.

Von daher frage ich mich halt einfach was dich so sicher macht, dass die Hizbollah eine Islamische Republik anstrebt.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Letztendlich muss sich jede Partei an ihrem Programm und ihre Realpolitik messen lassen."

Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: Die "Realpolitik" der Hisbollah besteht darin, über zehn Jahre hinweg Israel (ich bin Israeli!) angegriffen zu haben und das gesamte libanesische Volk dafür in Sippenhaft genommen zu haben!!!!
Ist dir das noch nicht aufgefallen!!????
Hallo???!!!????

C.Sydow hat gesagt…

Selbstverstaendlich ist mir das aufgefallen. Nur hat der Kampf gegen Israel nichts mit der Errichtung eines Islamischen Staatswesens im Libanon gemein.

Wenn man sich die innenpolitische Agenda der Hizbollah anschaut, finden sich dort nunmal keine Hinweise darauf, dass die Hizbollah dem Libanon einen Islamischen Staat aufzwingen will.