Samstag, 10. Februar 2007

Die Schiiten im politischen System des Libanon - Teil 3

Unabhängig von den Forderungen der Hizbollah in dem aktuellen Konflikt mit der libanesischen Regierung ist es ein Faktum, dass die Schiiten im libanesischen Parlament unterrepräsentiert sind.

Wenn die Schiiten 40% der Libanesen stellen, sollten ihnen in dem nach Konfessionen aufgeteilten Parlament auch 40% der Abgeordnetenmandate zustehen. Es gehört zu den demokratischen Grundsätzen, dass im Parlament die verschiedenen Bevölkerungsgruppen angemessen repräsentiert werden. Aus diesem Grund ist diese Forderung "absolut legitim", sprich nach demokratischen und moralischen Grundsätzen gerechtfertigt. Mit welcher Begründung sollte man den Schiiten dieses Recht verwähren?

Wem die Schiiten dann bei künftigen Wahlen ihre Stimmen geben, sollte allein ihnen überlassen bleiben, schließlich können auch Hariri, Geagea oder Joumblatt schiitische Kandidaten aufstellen.

Natürlich geht es der Hizbollah in dem gegenwärtigen Konflikt um mehr Macht. Ihr Ziel ist es, dass in Zukunft kein politischer Akteur im Libanon an ihr vorbei Entscheidungen treffen kann. Wie erwähnt liegt es dann jedoch am libanesischen Wähler wem er seine Stimme gibt.

Es kann nicht im Sinne der Demokratie sein, den schiitischen Anteil im Parlament gegen die demographischen Realitäten künstlich klein zu halten, mit der Begründung damit ein Erstarken der Hizbollah zu verhindern. Der Glaubwürdigkeit der Demokratie im Libanon würde man damit einen Bärendienst erweisen. Vielmehr besteht dadurch die Gefahr einer Radikalisierung unter den schiitischen Libanesen. Wie soll sich deren Verhältnis zum Staat entwickeln, wenn ihre Stimme bei Wahlen weniger wert ist als die eines Christen oder Sunniten?

Da auf absehbare Zeit eine neue Volkszählung im Libanon nicht realistisch ist und am Widerstand der christlichen Minderheit scheitert, wird am Ende ein Kompromiss stehen müssen. Nach diesem wird der Anteil der Schiiten in Parlament und Regierung größer sein, an der Aufteilung der Ämter des Staatspräsidenten, Regierungschefs und Parlamentssprechers unter den Konfessionen wird nicht gerüttelt.

Dass bei einem solchen Kompromiss auch die Hizbollah Zugeständnisse wird machen müssen liegt auf der Hand. Solange jedoch die Hizbollah über die Schia im Libanon hinaus als "Widerstandsbewegung" begriffen wird, ist es bis zu einer Entwaffnung der Hizbollah ein weiter Weg.

Vor diesem Hintergrung sind auch Elie Khourys Ansaetze zwar durchaus interessant, werden so jedoch nie in die Tat umgesetzt. Bezueglich der in meinem letzten Beitrag erbetenen Begriffsdefinition erfährt man von ihm wenig Neues. Die Anhänger des "14. Maerz" sind die "Gemäßigten", alle anderen in Abstufungen mehr oder weniger "radikal".

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Wie erwaehnt liegt es dann jedoch am libanesischen Waehler wem er seine Stimme gibt."

Eben nicht.
Ist das so schwer zu begreifen?
Ein Christ oder ein Sunnit oder ein Druse hat praktisch gar keine Möglichkeit pro oder contra Hisbollah abzustimmen. Diese Möglichkeit ist explizit den Shiiten vorenthalten!
Hallo?
Gerechtigkeit ick hör' dir trapsen oder wie?

Anonym hat gesagt…

Warum kommt die Frage nach der Verteilung von Parlamentssitzen jetzt auf und nicht zur Zeit der syrischen Besatzung?
Es wäre doch leicht gewesen unter syrischem Einfluss die Verteilung der Macht neu zu regeln oder nicht?
Der Sommerkrieg zeigt, dass die Hisbollah keine demokratischen Grundsätze bzw. keine staatliche Autorität im Libanon respektiert.
Es gibt in der Geschichte einige Beispiele in denen eine Demokratie, mit Hilfe von demokratischen Mitteln, ausser Kraft gesetzt wurde.

Aus diesem Grunde gibt es das demokratische Recht politische Parteien, die der Demokratie schaden, zu verbieten.
Welche Kompromisse ist die Hisbollah in der Vergangenheit denn eingegangen?

C.Sydow hat gesagt…

Zitat: "Ein Christ oder ein Sunnit oder ein Druse hat praktisch gar keine Möglichkeit pro oder contra Hisbollah abzustimmen.Diese Möglichkeit ist explizit den Shiiten vorenthalten!"

Das ist nicht richtig. Zwar ist jeder Konfession eine bestimmte Anzahl an Mandaten zugewiesen, doch vertreten die Mandatstraeger nicht nur die Mitglieder ihrer Konfessionen sondern alle Waehler ihres Wahlkreises.

Wenn also in einem Wahlkreis ein schiitischer Parlamentssitz vergeben wird, dann erhalten alle Waehler - unabhaengig von ihrer Konfession - den gleichen Stimmzettel mit den gleichen Bewerbern. Der Kandidat hat also nur Konkurrenten seiner eigenen Konfession, benoetigt aber gerade in den vielen "gemischten Wahlbezirken" die Stimmen von Waehlern anderer Konfessionen. Somit haben Christen, Sunniten oder Drusen sehr wohl die Moeglichkeit pro oder contra Hisbollah abzustimmen.

Zitat: "Welche Kompromisse ist die Hisbollah in der Vergangenheit denn eingegangen?"

Die Zustimmung zur Stationierung der libanesischen Armee im Suedlibanon ist hier zu nennen.

Wenn sich eine Mehrheit im Libanon fuer das Verbot der Hisbollah findet, oder ein libanesisches Gericht befindet, dass die Partei gegen libanesische Gesetze verstoesst, sollte diese Partei natuerlich verboten werden. Beides erscheint fuer absehbare Zeit unwahrscheinlich.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Das ist nicht richtig. Zwar ist jeder Konfession eine bestimmte Anzahl an Mandaten zugewiesen, doch vertreten die Mandatstraeger nicht nur die Mitglieder ihrer Konfessionen sondern alle Waehler ihres Wahlkreises."

Normalerweise schätze ich euer Blog wirklich sehr. Ich mag den nüchternen und sachlichen Ton. Warum nun aber derart partout etwas offensichtlich ungerechtes als Lösung aller Probleme verkauft werden soll, verstehe ich nicht.
Es ist schon klar daß alle Wähler eines Wahlkreises über den Kandidaten abstimmen. Nur werden diese Kandidaten nach Konfessionen ausgewählt und nach Konfessionen zugeordnet. Das heißt in einem Wahlkreis in dem hauptsächlich Shiiten leben wird es auch shiitische Kandidaten geben. Wie viel ist denn dann die Stimme der sagen wir mal 3 % Christen und 4 % Sunniten noch wert, die ebenfalls in diesem Washlkreis leben?
Es sind also so gut wie ausschließlich Shiiten die über die Hisbollah abstimmen. Den Mist den die dann aber anrichtet, müssen alle ausbaden.
Das verstehst du unter Gerechtigkeit?
Also ich weiß nicht....
Meiner bescheidenen Meinung nach solltest du die ein paar weniger Reden von Nasrallah anhören. Der hat dich schon ganz schön eigewickelt mit seinen Sermon...!

C.Sydow hat gesagt…

Offenbar ist an dieser ein kleiner Exkurs zum libanesischen Wahlsystem noetig.:

Nehmen wir als Beispiel einmal den Wahlkreis in dem ich momentan wohne, Beirut II. Hier werden 11 Mandate vergeben, also hat jeder Waehler 11 Stimmen. Es werden 1 armenisch-orthodoxer Abgeordneter gewaehlt, 1 griechisch-orthodoxer, 2 Schiiten, 6 Sunniten und 1 fuer andere Minderheiten. Es entscheiden also schiitische Waehler auch ueber die sunnitischen oder armenisch-orthodoxen Abgeordneten und umgekehrt. Es ist also einfach nicht richtig und irrefuehrend, wenn du behauptest, dass "so gut wie ausschließlich Shiiten die über die Hisbollah abstimmen."

Im Uebrigen bilden die Parteien unterschiedlicher Konfessionen Wahlbuendnisse. Der Waehler weiss, dass er die Hizbollah unterstuetzt, wenn er einem christlichen Kandidaten der Aoun-Bewegung oder einem sunnitischen Kandidaten der syrischen Nationalisten die Stimme gibt.

Genauso weiss er, dass er das Hariri-lager unterstuetzt, wenn er fuer einen drusischen Kandidaten der PSP oder einen Christen der LF stimmt.

So gesehen ist dieses Wahlsystem zwar ziemlich unuebersichtlich jedoch nicht wirklich ungerecht. Ungerecht ist lediglich, dass die schiitischen Abgeordneten im Parlament unterrepraesentiert sind.

Die brauchst dir Uebrigens keine Sorgen ueber meinen Geisteszustand zu machen. Ich bin klar bei Verstand und habe mich auch von Nasrallah nicht einwickeln lassen.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Ungerecht ist lediglich, dass die schiitischen Abgeordneten im Parlament unterrepraesentiert sind."

Bevor du dich hier weiter über die angeblichen oder tatsächlichen Ungerechtigkeiten des libanesischen Wahlsystems ausbreitest, könntest du doch vorher mal die Grundlagen eben dieses Wahlsystems erläutern.
Im Unterschied zu dir studiere ich nicht Islamwissenschaften, sondern verwende die Artikel von Wikipedia oder eurem Blog zur Bewußtseinsbildung!
Im vorais beanstandet sei aber. daß sih die Hisbollah oofensichtlich einen Privatkrieg mit Israel leistet.
Wenn du zum Bsp. in einem anderen Zusammenhang schreibst, daß es keinen Beschluß (...Wenn sich eine Mehrheit im Libanon fuer das Verbot der Hisbollah findet, oder ein libanesisches Gericht befindet, dass die Partei gegen libanesische Gesetze verstoesst, sollte diese Partei natuerlich verboten werden. Beides erscheint fuer absehbare Zeit unwahrscheinlich....), des libanesischen Parlaments für ein Verbot der "Partei Gottes" gibt, so ist das nur die halbe Wahfuer absehbare Zeit unwahrscheinlich.rheit. Jeder libanesische Parlamentsabgeordnete weiß, daß ein entsprechender Beschluß schlimmstenfalls einen Bürgerkrieg nach sich ziehen würde, insofern ist ein entsprechender Parlamentsbeschluss nicht wirklich zu erwarten. Insofern ist das wie du richtig bemerkst "fuer absehbare Zeit unwahrscheinlich." Nur eben aus einer anderen Motivlage heraus, als die die du angibst.
Aber wiegesagt, damit wir hier uns mal auf einer gemeinsamen Basis bewegen, wäre es sinnvoll wenn du mal eine Definitionen des libanesischen Wahlrechts angeben könntest.
Ansonsten kann ich als Jude euch nur mitteilen, daß ich euer Blog nicht allzu schlecht finde.

Anonym hat gesagt…

Ich möchte mich auch für das schlechte Deutsch in meinem letzten Beitrag entschuldigen.
Leider spreche ich Deutsch nur als Fremdsprache!

C.Sydow hat gesagt…

Tut mir Leid, ich dachte ich haette die Grundlagen des Wahlsystems in den vorherigen Beitraegen ausfuehrlich genung erlaeutert.

Hier ein erneuter Versuch. Im libanesischen Wahlrecht ist die konfessionelle Zusammensetzung des Parlaments in Vorhinein festgelegt, d.h. schon vor den Wahlen steht fest, dass z.B. 27 der 128 Abgeordneten Schiiten sein werden.

Pro Wahlkreis werden mehrere Abgeordnete der verschiedenen Konfessionen gewaehlt, ich habe das in einem vorigen Kommentar zu diesem Artikel an Hand eines Wahlkreises erlaeutert. Alle Waehler bestimmen dabei den Abgeordneten jeder Konfession, die in dem betreffenden Wahlkreis zur Wahl steht, also waehlen auch Christen muslimische Abgeordnete und umgekehrt. Dieses System ist in meinen Augen auch nicht wirklich ungerecht sondern einfach nur ziemlich kompliziert.

Gleichwohl sind im libanesischen Parlament die Schiiten unterrepraesentiert. Schaetzungen zu Folge bilden sie etwa 40% der libanesischen Bevoelkerung. Im Parlament sitzen nach dem gegenwaertigen Wahlrecht jedoch nur 27 schiitische Abgeordnete. Dies entspricht einem Anteil von etwa 21%. Gleichzeitig ist nach jetzigem Recht die Haelfte der Abgeordneten christlichen Glaubens obwohl die Christen im Libanon nur noch maximal ein Drittel der Waehler stellen.

Die Tatsache, dass die schiitische Bevoelkerungsgruppe im Parlament also deutlich unterrepraesentiert ist, ist in meinen Augen ungerecht.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Die Tatsache, dass die schiitische Bevoelkerungsgruppe im Parlament also deutlich unterrepraesentiert ist, ist in meinen Augen ungerecht."

Ich finde trotzdem, daß du das Problem ausschließlich von einer einzigen Seite aus betrachtest. Die Angelegenheit ist aber viel vielschichtiger. Erstmal ist es zwar richtig, daß die Shiiten im Parlament unterrepräsentiert sind, dies ist aber eine Tatsache die sich erst mit der Zeit so ergeben hat. Man findet hier also einen grundsätzlichen Nachteil des ganzen Wahlsystems. Ein Wahlsystem bei dem alle paar Jahre wenn mal die eine oder die andere Konfession ein paar mehr oder weniger Kinder hat, Großdemos veranstaltet werden müssen und ein Bürgerkrieg droht um diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen, ist ziemlich ineffizient.
Das ist aber gar nicht mein Haupteinwnd. Mein Haupteinwand, auf den du leider überhaupt nicht eingehst ist, daß die Hisbollah ein Staat im Staat ist. Die Hisbollah weigert sich ihre Waffen abzugeben und entscheidet ALLEIN ob sie Raketen auf Israel abfeuern soll oder nicht. Wenn Israel dann aber zurück schießt, dann müssen das ALLE Libanesen ausbaden. Die Hisbollah nimmt den Libanon also in Geiselhaft. Und sie fragt dabei weder Sunniten noch Drusen oder Christen ob die das was du Kampf nennst (ich würde es eher Terror nennen) wollen oder nicht. Eben diese Organisation die sich einen feuchten Kehricht darum schert ob das Parlament ihre Entwaffnung beschließt oder nicht, die sich also demokratischen Mehrheitsbeschlüssen sowieso nicht beugt, willst du nun belohnen indem du ihr de facto mehr Stimmen und mehr Einfluss gibst. Dabei versteifst du dich allein auf das demographische Argument und behauptest eine angebliche oder tatsächliche Ungerechtigkeit.
Ich stimme dir zu - im derzeitigen System sind die Shiiten unterrepräsentiert. Die Hisbollah ist aber keineswegs eine demokratische Partei. Du behauptest die Hisbollah würde niemanden ihren Willen aufzwingen und bspw. Bücher verbieten. Wen hat die Hisbollah denn gefragt ob sie über zehn Jahre hinweg völlig ohne Grund Raketen auf Israel schießen und dabei in zehn Jahren 9000 Menschen töten soll?

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Wenn sich eine Mehrheit im Libanon fuer das Verbot der Hisbollah findet, oder ein libanesisches Gericht befindet, dass die Partei gegen libanesische Gesetze verstoesst, sollte diese Partei natuerlich verboten werden. Beides erscheint fuer absehbare Zeit unwahrscheinlich."

Das ist Zynismus und euphemistisch. Wenn die Hisbollah verboten werden würde, dann würde es einen Bürgerkrieg geben. Das weißt du, das weiß ich, das weiß die Hisbollah, das wissen auch die Richter und Politiker im Libanon.
Wie legal (oder legitim) ist denn wohl eine Organisation die gane Straßenzüge und Stadtviertel in Beirut und anderswo kontrolliert, die sich weigert ihre Waffen abzugeben. Die selbständig darüber entscheidet ob sie Krieg oder Frieden forciert.
Was du nicht begreifen willst, ist doch ganz einfach die Tatsache, daß die Hisbollah dem Libanon einen Krieg aufgezwungen hat. Und zwar ohne jemanden zu fragen. Christen, Sunniten usw. müssen stillhalten weil sonst ein Bürgerkrieg droht.
Das einzige was dich interessiert sind aber "demographisch bedingte Ungerechtigkeiten im Wahlsystem".
Im Libanon sind noch viel viel mehr Dinge ungerecht.

Anonym hat gesagt…

Entschuldigung aber heißt das dann nicht, etwas derbe ausgedrückt: Ficken für die absolute Mehrheit? Die massive Unterdrückung der Frau als Weg zur Mehrheit?

Insha'Allah

C.Sydow hat gesagt…

Es geht mir nicht um eine Belohnung der Hizbollah. Der jetzige Machtkampf zwischen Regierung und Opposition laesst sich jedoch nur durch einen Kompromiss loesen, bei dem keine Seite ihr Gesicht verliert und zumindest Teilforderungen durchsetzen kann.

Eine Hauptforderung der Regierung und ihrer Anhaenger, die uebrigens auch heute auf der Demo zum 2.Jahrestag des Hariri-Attentats immer wieder zu hoeren war, ist die Einsetzung eines internationalen Tribunals, das den Mord an Hariri und den anderen "Maertyrern des 14.Maerz" aufklaeren soll. Die Opposition lehnt dieses Tribunal ab, der mir der Opposition verbuendete Praesident Emile Lahoud weigert sich einen entsprechenden Kabinettsbeschluss, der nach dem Ruecktritt der sechs oppositionellen Regierungsmitglieder getroffen wurde, zu unterzeichnen.

Will man die Opposition jedoch zur Zustimmung zum Tribunal bewegen, muss man ihr eine Gegenleistung anbieten. Eine moegliche Gegenleistung koennte eine Umverteilung der konfessionellen Zusammensetzung sein, wie sie von mir skizziert wurde, mit gleichen Anteilen fuer Christen, Sunniten und Schiiten.

Soll der gegenwaertige Machtkampf im Libanon friedlich geloest werden, wird man der Hizbollah Zugestaendnisse machen muessen.

Anonym hat gesagt…

Soweit die positiven Aspekte.
Ich will deine Argumentation auch gar nicht großartig in Frage stellen, möchte aber auch auf mögliche negative Auswirkungen hinweisen.
So ist es wohl kein Zufall, daß die Hisbollah ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt "entdeckt" daß die Shiiten skandalöserweise im Parlament unterrepräsentiert sind. Der Krieg zwischen Hisbollah und Israel bei dem insgesamt 2000 Menschen starben (1000 im Libanon, 1000 auf israelischer Seite in den vergangen 10 Jahren) ist ja kaum ein halbes Jahr her.
Könnte es vielleicht sein, daß die Hisbollah über die Großdemos und eine Veränderung des Wahlsystems zu ihren Gunsten nachträglich versucht die Auseinandersetzung mit Israel als Sieg zu verkaufen?
Wäre die Strahlkraft Nasrallahs und seiner Terrorgruppe - Verzeihung, politisch korrekt natürlich Partei, nicht um ein Vielfaches größer würde er aus der aktuellen Auseinandersetzung als Sieger hervorgehen?
Wie wären die Auswirkungen auf einen möglichen Friedensprozess zwischen dem Libanon und Israel im Fall einer massiven Stärkung der Hisbollah?
Kleiner Tip: schau mal in den Gazastreifen und in's Westjordanland, was dort nach der Regierungsbeteiligung der Hamas los ist.
Wie würde sich ein Sieg der Hisbollah auf den Atomstreit mit dem Iran auswirken?
Wären die Wahabiten in Saudi Arabien möglicherweise noch "besorgter" als sie es ohnehin schon sind?

Wie gesagt, deine Argumentation fand ich diesmal gar nicht übel. Jedenfalls besser als das ständige und ausschließliche Pochen auf "demographische Verhältnisse".
Trotzdem bin ich noch nicht davon überzeugt, daß eine de facto Stärkung der Hisbollah die Lage im Nahen Osten verbessert.
Fakt ist jedenfalls, daß es nicht um Gerechtigkeit geht sondern allein um Macht.

Womit ich auch noch ein Problem habe, ist die Reihenfolge deiner Prioritäten. Ich gehe mal davon aus, daß du der Ansicht bist, daß sich die Hisbollah entwaffnen sollte und sich zu einer rein politischen Partei wandeln sollte. Du hast das zwar nicht explizit erwähnt, ich setze es aber mal voraus. Der Libanon ist schließlich nicht mehr besetzt. Für Waffen gibt es also keinen Grund.
Wenn es dir nun also so sehr um Gerechtigkeit geht, wie du schreibst, so stellt sich mir die Frage warum du nicht forderst, daß die Hisbollah ZUERST ihre Waffen abgibt und DANN eine Veränderung im Wahlsystem herbei geführt wird?
Wie wahrscheinlich ist es denn, daß sich die Hisbollah zu einer normalen Partei wandelt, wenn man ihre Position erst stärkt und danach Forderungen stellt?

C.Sydow hat gesagt…

Im Nahen Osten hat Gerechtigkeit selten eine Role gespielt, es ging und geht immer zuerst um Macht.

Es ist keineswegs so, dass die Hizbollah erst seit kurzem eine Reform des Wahlrechts anstrebt, seit einigen Monaten wird das Thema jedoch mit groesserer Vehemenz vertreten.

Umfragen direkt nach dem Krieg haben gezeigt, dass die Hizbollah von der Mehrheit der Libanesen die Hizbollah als Gewinner des Kriegs mit Israel sieht. Dazu auch mein Artikel hier: http://alsharq.blogspot.com/2006/08/umfrage-im-libanon-hizbollah-hat.html

Nur dadurch konnte sich die Hizbollah ueber die Schia hinaus diese Strahlkraft erarbeiten um das Kraftemessen mit dem Hariri-Lager ueberhaupt zu wagen.

Zu einem moeglichen Friedensprozess zwischen Libanon und Israel sei nur an die Aussagen von Fuad Siniora erinnert.: "Der Libanon wird das letzte Land sein, das Frieden mit Israel schliesst."

Der syrische Einfluss auf den Libanon ist noch immer zu gross, als das irgendeine politische Kraft im Libanon ein Friedensabkommen mit Israel anstreben koennte, bevor Syrien seinen Frieden mit Israel gemacht hat.

Ueber die Auswirkungen einer gestaerken Hizbollah auf den Nahen und Mittleren Osten kann man nur spekulieren. Die Hizbollah strebt keinesfalls nach der Machtuebernahme im Libanon sondern nur an einer staerkeren Beteiligung an einer "Regierung der Nationalen Einheit" in der auch weiterhin alle Bevoelkerungsgruppen vertreten sein sollen.

Natuerlich bin ich fuer die Umwandlung der Hizbollah in eine ausschliesslich politische Partei. Ebenso verurteile ich den Raketen-Beschuss ziviler israelischer Siedlungen als Terrorakte auch wenn mir unklar ist, wie du auf die Zahlen von 9000 bzw 1000 Toten auf israelischer Seite kommst.

Langfristig wird es zu einer Eingliederung der Hizbollah in die libanesische Armee kommen, solange diese jedoch derart miserabel ausgestattet ist wie monetan (keine flugtuechtigen Bomber, nur knapp ueber 300 Kampfpanzer) wird die Hizbollah weiterhin behaupten koennen, fuer die Verteidigung des Landes notwendig zu sein, weil die Armee dies nicht leisten kann.

Letztendlich sind es nicht die Saudis oder Iraner, sondern die Libanesen die mit dem Kompromiss der hoffentlich moeglichst bald geschlossen wird, leben muessen.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "....mir unklar ist, wie du auf die Zahlen von 9000 bzw 1000 Toten auf israelischer Seite kommst."

Ich habe mich vertippt. Ich meinte 900 Tote. Zu entnehmen waren diese Zahlen einem Artikel in der ZEIT, der sich mit der Mission der Bundeswehr im Libanon beschäftigte. Der Artikel sprach von (grob gerundet) 900 Toten in den vergangenen 10 Jahren auf israelischer Seite durch Raketenbeschuss und knapp 100 Toten während des Julikrieges. Zusammen also 1000 Tote auf israelischer Seite.

Zitat: "Umfragen direkt nach dem Krieg haben gezeigt, dass die Hizbollah von der Mehrheit der Libanesen die Hizbollah als Gewinner des Kriegs mit Israel sieht."

Vor gar nicht langer Zeit hat der italienische Ministerpräsident Berlusconi einen Europaparlamentarier der SPD als "Kapo" verunglimpft, darüber waren wohl ungefähr 95 % aller Deutschen empört. Trotzdem kann man daraus nicht schließen, daß 95 % aller Deutschen SPD Anhänger sind.
Das gleiche gilt für den Libanon und die Hisbollah. Im Grunde genommen sahen die Libanesen wohl einfach den Libanon als Sieger und keineswegs die Hisbollah.

Zitat: "Nur dadurch konnte sich die Hizbollah ueber die Schia hinaus diese Strahlkraft erarbeiten um das Kraftemessen mit dem Hariri-Lager ueberhaupt zu wagen."

Du sagst es doch selbst: die Hisbollah hat die Auseinandersetzung mit Israel herbeigezwungen um ihre eigene Position weiter ausbauen zu können. Gleichzeitig behauptest du kruderweise weiterhin, die Hisbollah strebe weder nach einer Mehrheit noch wolle sie jemanden ihren Willen aufzwingen. Was denn nun? Den Krieg mit Israel hat die Hisbollah nicht gesucht weil sie sich eingebildet hat Israel besiegen zu können, sondern weil sie wußte daß ihre Legitimität und ihr Einfluß damit steigen würde.

Preisfrage: was wird die Hisbollah tun, wenn ihre Rechnung aufgeht und sie mehr Einfluß erlangt? Wird sie
a.) ihre Waffen abgeben und in Zukunft brav und friedlich im Parlament mitarbeiten.
b.) weiterhin Raketen abfeuern, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt (die Bundeswehr wird wohl nicht ewig dort bleiben).


Letztendlich benutzt die Hisbollah ihre inszenierte und grundlose Auseinandersetzung mit Israel um ihren Einfluss im Libanon auch auf andere Konfessionsgruppen hinaus auszudehnen. Die Hisbollah strebt auf diese zynische und völlig ilegitime und undemokratische Weise also nach der Mehrheit oder nach wachsendem Einfluss.
Erkennst du das nicht?
Was nützt es denn wenn Nasrallah etwas gegenteiliges versichert? Seine Handlungen sprechen eine deutliche Sprache.

Zitat: "Zu einem moeglichen Friedensprozess zwischen Libanon und Israel sei nur an die Aussagen von Fuad Siniora erinnert.: "Der Libanon wird das letzte Land sein, das Frieden mit Israel schliesst."

Glücklicherweise besteht der Libanon aber nicht nur aus dem von dir (vermutlich genüsslich) zitierten Siniora, nicht war?
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war der Libanon neben Nassers Ägypten der liberalste Staat im Nahen Osten. Zumindest der mit der größten und vielfältigsten Presselandschaft. Das war nicht zuletzt dem großen christlichen Bevölkerungsanteil zu verdanken. Die Christen hatten einfach weniger Berührungsängste mit Dingen die aus dem (christlichen) Europa herüberschwappten.
Die bosnischen Muslime auf dem Balkan gehörten vor dem Balkankrieg ebenfalls zu den liberaleren ihrer Art. Während des Balkankriegs versuchten sowohl der Iran als auch Saudi Arabien mit ihren Ölmillionen Einfluss zu gewinnen. Das Ergebnis besteht darin, daß bosnische Muslime heute wesentlich radikaler sind als noch vor 20 Jahren.
Die Hisbollah ist im Grunde auch nur ein Versuch der iranischen Führung unter den libanesischen Shiiten Fuß zu fassen. Der einstmals so liberale Libanon würde sich weiter radikalisieren.

Zitat: "solange diese jedoch derart miserabel ausgestattet ist wie monetan (keine flugtuechtigen Bomber, nur knapp ueber 300 Kampfpanzer) wird die Hizbollah weiterhin behaupten koennen, fuer die Verteidigung des Landes notwendig zu sein, weil die Armee dies nicht leisten kann."

Totzdem ist es Sache des Parlaments dieses Problem zu lösen. Ich kann nicht einfach eine Privatarmee aufmachen, nur weil ich der Meinung bin die Bunbdeswehr sei zu schlecht ausgestattet. Geschweige denn einen Privatkrieg anfangen.
Von Verteidigung kann schließlich schon lange keine Rede mehr sein. Die Hisbollah "kämpft" allein aus religiös-ideologischen Gründen weiter gegen Israel.

C.Sydow hat gesagt…

dErstmal Entschuldigung dafuer, dass ich deinen letzten Kommentar so lange unkommentiert liess. Mir fehlte in den letzten tagen die Zeit dafuer.

Ich habe nicht behauptet, dass die Hizbollah allein die Mehrheit der Libanesen hinter sich weiss, trotzdem hat die von mir angegebene Umfrage gezeigt, dass die Mehrzahl der Libanesen die Hizbolah als Sieger des Julikriegs gesehen hat, nur darum ging es mir.

Zitat: "Den Krieg mit Israel hat die Hisbollah nicht gesucht weil sie sich eingebildet hat Israel besiegen zu können, sondern weil sie wußte daß ihre Legitimität und ihr Einfluß damit steigen würde."

Ich glaube noch immer, dass die Hizbollah nicht damit gerechnet hat, dass sich die israelische Fuehrung auf einen Krieg einlassen wuerde, den sie gar nicht gewinnen kann. Der Hizbollah ging es darum die Soldaten als Faustpfand zu bekommen, umso die libanesischen Gefangenen aus den Gefaengnissen freizupressen.

Die Hizbollah hat auch in der Vergangenheit brav und konstruktiv im Parlament mitgearbeitet und arbeitet als moderne islamistische Partei innenpolitisch daran, was man im Englischen als "Good Governance" bezeichnet, Korruptionsbekaempfung, Investitionen in Bildung, etc.

So lange sich das syrisch-israelische Verhaeltnis nicht aendert und Israel der Hizbollah mit Verletzungen des israelischen Luftraums etc. immer wieder Vorwaende liefert werden Hizbollah-Angriffe auf Israel weiterhin wahrscheinlich sein.

Glaub mir, der Libanon ist im regionalen Kontext immer noch sehr liberal. Auch in Hizbollah-Hochburgen wie Dahiye, den suedlichen Vororten Beiruts, gibt es zuhauf unverschleierte Schiitinnen, um nur das auffaelligste Beispiel zu nennen. Im Uebrigen hat sich die Hizbollah, die in den 80ern sehr stark von Khomienis inspiriert war, ideologisch immer weiter aus der iranischen Umklammerung geloest.

Bestimmte Gruppen innerhalb der libanesischen Sunniten halte ich fuer das liberale Klima im Libanon fuer weitaus gefaehrlicher. Man muss dafuer nur mal nach Triploi fahren, wo bis vor einem Jahr noch der oeffentliche Alkoholausschank verboten war und praktisch keine Frau unverschleiert vor die Tuer tritt und in den letzten Jahren der Gesichtsschleier immer groessere Verbreitung findet. Uebrigens kommen auch die Kofferbomber im Ballack-Trikot von hier. Ein Freund aus einem Dorf in der Naehe von Tripoli erzaehlte mir unlaengst, dass in seinem Heimatort ein Kloster auf Druck der oertlichen Islamisten schliessen musste.

In der Politik der Hizbollah der vergangenen Jahre kann ich hingegen nichts erkennen, was zu einer groesseren Intoleranz im oeffentlichen Leben des Libanon gefuehrt haben soll.

Anonym hat gesagt…

Zitat: "Der Hizbollah ging es darum die Soldaten als Faustpfand zu bekommen, umso die libanesischen Gefangenen aus den Gefaengnissen freizupressen."

Ich meinte auch eher die seit zehn Jahren währenden Angriffe auf Israel mit Raketen. Daß die entführten Soldaten eher ein Vorwand für israelische Militärs waren, bestreite ich nicht.

Zu deinen restlichen Ausführungen möchte ich nichts mehr kommentieren. Du studierst schließlich Islamwissenschaften. Ich persönlich habe kein gutes Gefühl im Fall eines Machtzuwachses der Hisbollah, wenn die libanesische Bevölkerung das natürlich wirklich will, sollte man das letztendlich respektieren.
Hoffen wir, daß die Region für alle Beteiligten friedlicher wird.
Einen schönen Aufenthalt noch im Libanon!

Anonym hat gesagt…

Diese Tage bin ich durch Zufall auf eine ältere Seite dieses Blogs gestoßen. Es war der Brief an die Bundeskanzlerin. Dort wurde auch schon in den Kommentaren festgestellt, dass der Brief nicht ausgewogen genug sei. Die HB kam in der Schuldfrage des Sommerkrieges im Vergleich zu Israel zu gut weg. Auch wenn der Brief aus anderer Feder stammt, kann sich dieser Blog allein durch dessen Veröffentlichung nicht der Position entziehen, Ich mag den Beteuerungen, dass die Blogger noch eine ausreichende Distanz zu HB besitzen kaum noch glauben. Es ist traurig, dass Islamwissenschaftler zwischen Studienobjekt und deren Ideologie nicht ausreichend vermögen Distanz finden. Analogie zu der Zeit der 68er ist unübersehbar, als sich einige Sozialwissenschaftler sich dem Reiz der Studentenrevolution nicht entziehen konnten. Letztendlich werden zwei mögliche Ereignisse die wahre Identität der HB aufdecken. Dies sind Anschläge auf die UNIFIL. Hier wird sich zeigen, ob die HB wirklich mit dem Kompromiss der Stationierung der UNO Friedenstruppe leben kann. Hier könnte als Konsequenz von Attentate die HB auch als Terrororganisation in Europa eingestuft werden. Das zweite Ereignis wäre ein (gewalttätiger) Konflikt zwischen Iran und Israel. Wenn HB in diesen Konflikt, vom libanesischen Boden, eingreift, ist ihr Image als rein libanesische Partei zerstört. Es wird sich zeigen, ob die HB sich dem Iran mehr verpflichtet fühlt als den eigenen Landsleuten.
Hier noch ein interessanter Bericht zu HBs Aktivitäten
http://yalibnan.com/site/archives/2007/02/hezbollah_amass_1.php

Umso besser, dass sich die Autoren nun um die Eindrücke in den Beiruter Strassen kümmern. Was ist mit dem Beitrag vom 22. Feb passiert?

C.Sydow hat gesagt…

Wir stehen allen politischen Gruppierungen des Libanon gleichermaßen kritisch und distanziert gegenüber.

Der Beitrag vom 22.2. zur Lage im Libanon war aus mir unerklaerlichen Stunden verschwunden, ist jetzt aber wieder online.

Für konstruktive Kritik sind wir auch weiterhin stets dankbar.