Mittwoch, 6. Mai 2009

Entscheiden Stimmenkäufe die libanesischen Wahlen?

Wenn am 7. Juni im Libanon die Parlamentswahlen stattfinden, werden zahlreiche Stimmen erkauft sein. Dies hat im Libanon jahrzehntelange Tradition, obwohl wichtige religiöse Autoritäten wie der Schiit Muhammad Hussein Fadlallah sowie der maronitische Patriarch Sfeir Nasrallah die Praxis wiederholt verurteilt haben. Dabei findet "Vote-Buying" in unterschiedlichen Formen statt. Häufig treten Mittelsmänner der Kandidaten an das Oberhaupt einer Großfamilie heran und bieten eine bestimmte Summe für die Zusage, dass sämtliche Familienmitglieder für den Kandidaten stimmen werden. Nehmen wir das Beispiel eines Freundes, Elie (Name geändert), im heiß umkämpften Wahlbezirk Metn. Elies Vater wurde von verschiedenen Seiten Geld angeboten. Im Endeffekt hat er sich für das mit 1000 $ höchste Angebot des ehemaligen Ministers Michel Murr plus der Zusage, dass der verlorene Personalausweis Elies neu ausgestellt wird, entschieden, obwohl er seit Jahren mit einer anderen politischen Bewegung sympathisiert. Angesichts eines Monatlohnes unter 1000 $ mag dieser Pragmatismus wenig verwundern. Die Praxis des Stimmenkaufs seitens der Kandidaten stellt eine lukrative Einkunft dar und hat dazu geführt, dass Bestechungsversuche von Teilen der Bevölkerung sogar erwartet werden.

Eine etwas subtilere Strategie, um Stimmen zu "erkaufen", wendet der Kandidat Henry Chedid im Distrikt West Bekaa-Rachaya an. Chedid, der von Michel Aouns Free Patriotic Movement (FPM) unterstützt wird, besitzt einen luxuriösen Country Club mit Swimming Pools, einer Pferderanch und anderen Vergnügungsangeboten. Bis zum Wahltag dürfen die Bewohner des Wahlkreises den Country Club kostenlos besuchen...
Darüber hinaus versuchen die politischen Bewegungen möglichst viele Stimmen der zahlreichen wahlberechtigten Auslandslibanesen zu ergattern, indem kostenlose Flüge in den Libanon zur Zeit der Wahlen angeboten werden. Die Unsummen, die für den "Wahlkampf" ausgegeben werden, stammen nicht nur aus dem Libanon. Vor allem Saudi-Arabien und Iran unterstützen ihre jeweiligen Verbündeten im Zedernstaat mit großen Summen. Entgegen der bisherigen Handhabung, solche Behauptungen zurückzuweisen, gab in diesem Jahr ein Parlamentsanwärter erstmals offen zu, vom saudischen Königreich gesponsert zu werden.

Voraussichtlich werden die Wahlen in den mehrheitlich von Christen bewohnten Distrikten Metn, Jbeil, Zahle und Kisrouan entschieden. Gespräche mit Personen aus diesen Wahlkreisen bestätigen, dass Stimmenkäufe hier besonders weit verbreitet sind. Ob die Wähler am 7. Juni jedoch tatsächlich für den Kandidaten stimmen werden, der ihnen Geld zukommen ließ, ist eine andere Frage. Michael Aoun hatte etwa bereits kurz nach seiner Rückkehr aus dem französischen Exil 2005 seinen Anhängern geraten, Geld von anderen Kandidaten anzunehmen und nichtsdestotrotz für den Chef der FPM zu stimmen.

Kommentare:

Raphaelth hat gesagt…

"Ob die Wähler am 7. Juni jedoch tatsächlich für den Kandidaten stimmen werden, der ihnen Geld zukommen ließ, ist eine andere Frage. Michael Aoun hatte etwa bereits kurz nach seiner Rückkehr aus dem französischen Exil 2005 seinen Anhängern geraten, Geld von anderen Kandidaten anzunehmen und nichtsdestotrotz für den Chef der FPM zu stimmen."

Soweit ich weiß verteilen die einzelnen Parteien ihre eigenen Wahlzettel, wodurch man nach der Wahl feststellen kann, ob jeder auch so gewählt hat, wie er es versprochen hat.
Selbstverständlich kann man sich zwar immer noch von der einen Seite bestechen lassen und für die andere Wählen, nur der Konsequenzen muss man sich dann bewusst sein.

Christoph hat gesagt…

Das ist richtig. Leider wurde der Vorschlag,im Juni einheitliche Wahlzettel zu verwenden, nicht in die Tat umgesetzt. Ich werde mich erkundigen, ob es nur vorgefertigte "Parteiwahlzettel" oder auch neutrale Exemplare gibt.

Diana N. hat gesagt…

Die Wahlen sind trotzdem geheim. Man bekommt zwar einen Wahlzettel, aber man kann heimlich einen anderen mitnehmen und einwerfen.

Future Movement (Hariri) bietet den Suniten hier in Deutschland (auch weltweit) Flugtickts an. Sogar minderjährige bekommen Tickts um mit den Eltern zu fliegen. Dauer 1 Monat - Urlaub 2009 gerettet und gleich noch Herrn Hariri gewählt.
In Saudi Arabien werden genze Flüge nach Beirut für Hariri Anhänger gebucht!

In Australien durften mehrere Libanesen den Flug nicht antreten, weil diese am Schalter feststellen mussten, dass Ihre Online-Ticktes nicht bezahlt wurden (Gesamt 8 Millionen austr. $ verteilt auf mehrere Flüge vor den Wahlen)

Sunitische Familien, die gegen Future Movement sind, erhalten keine Ticktes ;-) Möchten wir auch nicht!
Bin gespannt, ob die Bundesagentur für Arbeit diese "Wähler" erwischt, dass sie hier Hartz 4 erhalten und 1 Monat im Libanon Urlaub auf unsere Kosten machen!