Donnerstag, 11. Juni 2009

Analyse zu den Wahlen im Libanon

Wie versprochen folgt mit einigem Abstand eine detailliertere Analyse zu den Wahlergebnissen im Libanon. Hier einige Rückschlüsse, die sich aus den Ergebnissen sowie Wählerbefragungen vom Wahltag ziehen lassen:

1. Das Bündnis March 14 hat zwar die Mehrheit der Parlamentssitze errungen, die Mehrheit der Wählerstimmen entfielen jedoch auf Kandidaten von March 8.

Die libanesische Zeitung "al-Akhbar" veröffentlichte am Dienstag eine Statistik, nach der die Listen der Opposition landesweit 54% der Stimmen erhielten, die Kandidaten von March 14 45%. Nach einer anderen Rechnung gewann March 8 mit 50 zu 46 Prozent der abgegebenen Stimmen. Der Rest entfiel demnach auf unabhängige Bewerber sowie leere Stimmzettel.

Man sollte davon nicht ohne weiteres ableiten, dass March 8 landesweit beliebter ist als das Regierungslager. In vielen Wahlkreisen, etwa in Beirut II, Tripoli oder dem Süden standen die Wahlsieger nämlich praktisch schon vor dem Wahltag fest. Daher sind dort auch viele Wähler zu Hause geblieben, die bei einem knapperen Rennen in den jeweiligen Bezirken möglicherweise zur Wahl gegangen wären. Dennoch würde das Parlament bei Wahlen nach dem Verhältniswahlrecht vermutlich deutlich anders aussehen.

2. Die Popularität von Hizbollah und Amal unter Libanons Schiiten ist ungebrochen.

In Nabatieh, einem fast ausschließlich schiitischen Wahlbezirk, erhielt die gemeinsame Liste beider Parteien 95% der Stimmen. Im Qaza Baalbek-Hermel im nördlichen Bekaa-Tal stimmten ebenfalls über 90% der Schiiten für Amal und Hizbollah. Versuche von March 14 die "Lebanese Option Group" als schiitische Alternative zur Hizbollah aufzubauen, scheinen vorerst gescheitert. Als Indikator für eine größere Beliebtheit der Hizbollah gegenüber der Amal kann das Wahlergebnis in Jezzine gedeutet werden. Hier war die Opposition mit zwei Listen angetreten - eine wurde von Hizbollahs Bündnispartner Michel Aoun zusammengestellt, eine zweite von der Amal-Bewegung. Hier setzten sich Aouns Kandidaten mit Unterstützung der Hizbollah-Anhänger durch.

3. Saad Hariri hat seine Unterstützung unter Libanons Sunniten in den letzten Monaten deutlich gefestigt.

L' Orient-le Jour veröffentlichte eine Statistik nach der landesweit im Schnitt 75 Prozent der Sunniten für March 14 stimmten. Selbst alt eingesessene Notabeln, die für die Opposition ins Rennen gingen, wie Oussama Saad in Saida oder Omar Karameh in Tripoli erhielten nur jede vierte sunnitische Stimme. Besonders hervorzuheben ist, dass es Hariri gelang die sunnitische Wählerschaft in bislang nicht gekanntem Maße zu mobilisieren. Besonders auffällig war dies im Qaza Zahle. Hier waren es die sunnitischen Wähler, die in unerwartet hoher Zahl an die Urnen strömten und für die Liste von March 14 stimmten.

Bereits am 14. Februar 2009 anlässlich des 4. Todestages von Ex-Premier Rafiq al-Hariri bildeten die in zahlreichen Bussen herangekarrten Sunniten aus dem Norden und der Bekaa-Ebene das Gros der Demonstranten. Nicht erst seit Bekanntgabe der Wahlergebnisse halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach Hariris Partei zahlreiche Stimmen gekauft oder zumindest Flüge für loyale Auslandslibanesen bezahlt habe – auch so ist die hohe Wahlbeteiligung in Zahle erklären. Diese Faktoren waren letztendlich wahlentscheidend. Hätte die Opposition den Wahlkreis Zahle gewonnen, gäbe es ein Patt im Parlament von 64-64 Sitzen.

Im Nordlibanon sicherte Hariri seine Mehrheit durch Bündnisse mit lokalen Eliten. In Tripoli traten die beiden Milliardäre Najib Miqati und Mohammed Safadi für March 14 an und sorgten für einen klaren Erfolg des Regierungslagers. Derartige Bündnisse sind jedoch sehr fragil. Sollte Miqati und Safadi bei den kommenden Wahlen gegen March 14 antreten, könnte Hariri eine böse Überraschung erwarten.

Ebenso zahlte sich für Hariri die Integration der sunnitischen Islamisten in Tripoli und der unterentwickelten Region Akkar im äußersten Norden aus. In Beirut garantierte er dem Kandidaten der Jama’a Islamiya Imad al-Hout einen sicheren Sitz im Parlament. Im Gegenzug konnte er sich der Unterstützung der islamistischen Wähler im Norden sicher sein.

4. Libanons Drusen stehen nach wie vor fest hinter Walid Jumblatt.

Der von L'Orient - Le Jour veröffentlichten Wählernachfrage zufolge stimmten etwa 70% der drusischen Wähler für den Chef der PSP. Der wichtigste drusische Politiker der Opposition ,Talal Arslan, zog auf Jumblatts Liste ins Parlament ein, weil die Politiker - beide Sprösse traditioneller Feudalfamilien – die innerdrusische Aussöhnung über die momentane Lagerbildung in der libanesischen Politik stellten.

5. Michel Aouns FPM bleibt stärkste Kraft unter Libanons Christen, hat seit 2005 jedoch deutlich an Unterstützung verloren.

Bei den Wahlen 2005 stimmten schätzungsweise 70% der christlichen Wähler für Aouns Bewegung. Damals verhinderte das alte Wahlgesetz mit größeren Wahlkreisen einen deutlicheren Erfolg für die FPM. In diesem Jahr musste Aoun in einigen christlichen Wahlbezirken, etwa in Ostbeirut oder Batroun deutliche Niederlagen einstecken. Auch in seinem eigenen Wahlkreis Kesrouan fiel Aouns Erfolg mit etwa 2500 Stimmen Vorsprung deutlich knapper aus, als erwartet.

Gleiches gilt für seinen Bündnispartner Sleiman Frangieh, der in seinem Heimatbezirk Zghorta deutlich knapper siegte als vor den Wahlen erwartet. Die Gründe für den schwindenden Rückhalt Aouns sind vielfältig. Zum Einen hat einige Wähler offenbar das Bündnis mit der Hizbollah abgeschreckt, sowie seine Annäherung an den Iran und Syrien die durch Besuche in beiden Ländern im vergangenen Jahr dokumentiert wurde. Außerdem liefert sich Aoun seit Jahren öffentliche Auseinandersetzungen mit dem Oberhaupt der maronitischen Kirche, Patriarch Nasrallah Boutros Sfeir, die ihm ebenfalls Stimmen gekostet haben dürften. Dennoch konnte die christliche Fraktion innerhalb des March 8-Lagers, bestehend aus Aouns FPM, Frangiehs Marada und der armenischen Tashnaq, die Zahl ihrer Sitze von 21 auf 27 erhöhen – wiederum ein Resultat der neu zugeschnittenen Wahlkreise.

6. Unabhängige Kandidaten ohne Unterstützung einer der beiden nationalen Allianzen und der lokalen Notabeln waren bei den Wahlen chancenlos.

Einige Politiker, die bei den letzten Wahlen noch von Saad Hariri unterstützt worden waren, aus wahltaktischen Erwägungen diesmal jedoch außen vor gelassen wurden, verpassten deutlich den Einzug ins Parlament. Prominentes Beispiel hierfür ist etwa der junge Hoffnungsträger Mesbah Ahdab, der 2005 für March 14 in die Nationalversammlung einzog, diesmal als eigenständiger Bewerber antrat, jedoch keine Chance gegen die von Hariri nominierte Liste hatte. In den bisherigen Wahlen nach dem Bürgerkrieg, war es zumindest einzelnen Unabhängigen gelungen ins Parlament einzuziehen, so etwa der linke Intellektuelle und Querdenker Najah Wakim in Beirut.

7. Die führenden politischen Familien, die die Geschicke des Landes über Generationen hinweg bestimmen, haben ihre Stellung weiter gefestigt.

Zum Einen wurden Politiker, die seit Jahrzehnten im Parlament sitzen, bestätigt – etwa Walid Jumblatt, Dory Chamoun, Nabih Berri oder Abd al-Latif Zein – der 79-jährige zog schon vor 50 Jahren ins Parlament ein und hat bereits angekündigt auch 2013 wieder zu kandidieren. Zum anderen betraten die Kinder und Enkel bekannter Politdynastien die Bühne und zogen erstmals ins Parlament ein. Ihre Wahlkampfkampagnen inszenierten sie explizit als Erben ihrer berühmten Väter und Großväter – am deutlichsten zeigte sich das bei Nadim Gemayel und seinem Cousin Sami Gemayel – Söhne der beiden Ex-Präsidenten Bashir bzw. Amin Gemayel. Auch wenn Nayla Toueni versuchte sich als politisch unabhängige Kandidatin zu positionieren, wurde sie in erster Linie als politische Erbin ihres 2005 ermordeten Vaters Gebran Toueni gewählt. Zudem genoss die erst 26-Jährige die mediale Unterstützung der auflagenstärksten libanesischen Zeitung An-Nahar, die von ihrem Großvater gegründet wurde und sich nach wie vor in Familienbesitz befindet.

Zusammen mit Nayla Toueni zogen lediglich 2 weitere Frauen ins 128-köpfige Parlament ein. Bahia Hariri ist die Schwester des ermordeten Ex-Premiers Rafiq Hariri, Strida Geagea ist die Frau des Vorsitzenden der Lebanese Forces Samir Geagea. Andere Kandidatinnen wurden von den beiden Blöcken erst gar nicht nominiert, während die wenigen unabhängigen Kandidatinnen chancenlos blieben.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für die erste gute und ausführliche Wahlanalyse, die ich auf Deutsch im Internet gefunden habe!

Maximilian Felsch hat gesagt…

Lieber Christoph, einen Herzlichen Dank auch von mir für Deine ausführliche Wahlanalyse! Dennoch melde ich mich mit einer kleinen Kritik, denn leider wird immer wieder Deine Präferenz für das Lager von March8 deutlich, und ich kann nicht nachvollziehen warum.

Das Spektakuläre am Wahlausgang war doch, dass, obwohl für alle Experten ein deutlicher Wahlsieg für March8 schon lange feststand, es Hariri und seiner Allianz gelungen ist, wieder eine komfortable Parlamentsmehrheit zu erringen.

Du hast völlig richtig geschlussfolgert, dass Hariri die Sunniten in allen Landesteilen mobilisieren konnte und wieder einmal in der Lage war, auch radikale Kräfte mit einzubinden. Das muss man überhaupt nicht negativ beurteilen. Stimmenkauf ist ein generellen Problem am Wahlprozess im Libanon, aber dafür solltest Du nicht allein Hariri beschuldigen. Richtig auch, dass die schiitischen Parteien der March8-Bewegung ebenfalls ihre Gemeinschaft mobilisieren konnten – das war aber keine Überraschung.

Entscheidend war, dass „General“ Aoun, der sich selbst gern als DEN Führer ALLER Christen des Libanon darstellt, dieser Rolle nicht gerecht werden konnte. Seine merkwürdige Allianz mit der Hisbollah konnte nicht überzeugen. Sie spiegelt eher Aouns persönliche Ambitionen und Eitelkeiten wider, als das Interesse der libanesischen Christen.

Die Hisbollah ist weiterhin finanziell abhängig vom Iran und vertritt daher nicht nur libanesische, sondern vor allem iranische Interessen. Ihre Miliz ist inakzeptabel für jeden, der für einen souveränen und demokratischen Libanon einsteht. Wegen dieser Miliz kam es 2006 zu einem verheerenden Krieg. Und im Mai 2008 folgte der Tabubruch, als die Hisbollah ihre Waffen gegen ihre politischen Gegner einsetzte und schließlich ein Vetorecht erpresste (siehe Doha-Vereinbarung).

Es ist daher zu begrüßen, dass es dem Bündnis der Hisbollah nicht gelungen ist, die Mehrheit im Parlament zu gewinnen. Dennoch bin ich dafür, dass die libanesische Tradition des Konsensprinzips beibehalten und wieder eine Einheitsregierung gebildet wird. Doch im „nationalen Dialog“ muss die überfällige Entwaffnung wieder auf die Tagesordnung. Und Aoun sollte hier klar Stellung beziehen.

Christoph Dinkelaker hat gesagt…

Lieber Maximilian,

das Mobilisierungspotential Hariris haben wir nicht grundsätzlich negativ beurteilt.

Die Kritik bezüglich Stimmenkäufe kann ich nachvollziehen. Stimmen wurden sicherlich nicht ausschließlich von Hariri erkauft (wir berichteten).

Aufgrund zahlreicher Berichte vor und nach der Wahl, die Hariri des Stimmenkaufs bezichtigten, sowie aufgrund von Berichten von Bekannten aus der Bekaa - keineswegs nur Anhänger der Opposition - hielten wir diese Vorwürfe in Bezug auf den Wahlbezirk Zahle dennoch für erwähnenswert. Schließlich wurden hier die Wahlen entschieden. Bewertet haben wir diese Vorwürfe nicht.

Noch ein paar spannende Zahlen zu Zahle --> http://elnashra.com/elections/vote
37.000 Sunniten gaben in Zahle ihre Stimme ab, denen aufgrund der (angeblichen) Bevölkerungsverteilung - wie Schiiten, Maroniten, Armenisch-Orthodoxen und Griechisch-Orthodoxen - ein Sitz im Parlament zusteht. Von anderen genannten Gruppen wählten 8.000 - 24.000 Personen in Zahle. Selbst von der mit zwei Parlamentssitzen vermeintlich größten Konfession, Griechisch-Orthodox, gingen lediglich 29.000 Personen zur Wahl. Angesichts der Euphorie in Zahle im Vorfeld der Wahl - der kleine Bezirk wurde von vielen Experten als entscheidender Swing Vote gehandelt - erscheint eine derart unterschiedliche Wahlbeteiligung unwahrscheinlich um nicht zu sagen unnatürlich.

Die These liegt nahe, dass ezüglich der Quantität an Stimmenkäufen und freien Flügen für loyale Auslandslibanesen scheint Hariri die Parteien schlichtweg deutlich übertroffen zu haben scheint.

Christoph Dinkelaker hat gesagt…

Hab gerade noch einige Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler bemerkt, pardon!

Außerdem ist mir ein inhaltlicher Fehler unterlaufen: die meisten Sitze im Parlament sind in Zahle für die griechisch-katholische und nicht für die griechisch-orthodoxe Konfession reserviert.

C.Sydow hat gesagt…

Lieber Max, danke für deinen Kommentar und den Anstoß zur Diskussion.

Dass March 8 und March 14 bei der Wählermobilierung und dem Kaufen von Stimmen die gleichen schmutzigen Tricks benutzt haben steht außer Frage. Wie der andere Christoph eben schon schrieb, haben wir diesen Aspekt bei der Betrachtung des Qazas Zahle besonders hervorgehoben, weil er (möglicherweise) wahlentscheidend war. Vielleicht hätten wir in einem Halbsatz zusätzlich erwähnen wollen, dass Vote-Buying von beiden Seiten an der Tagesordnung war.

Hinsichtlich Hariris Unterstützung bei den Sunniten, dem Rückhalt von Amal und Hizbollah bei den Schiiten und der schwindenden Unterstützung Aouns bei den Christen scheinen wir ja grundsätzlich einer Meinung zu sein.

Darum noch kurz etwas zu einem anderen Punkt: Natürlich wird die Hizbollah maßgeblich vom Iran finanziert. Gleichzeitig hat aber Saudi-Arabien zig Millionen Dollar in die Wahlkampagne von March 14 gepumpt. Newsweek berichtet von 715 Millionen US-Dollar, die Riyadh Hariris Koalition hat zukommen lassen. March 14 vertritt eben auch ausländische Interessen und ist keineswegs allein einem demokratischen und souveränen Libanon verpflichtet.

Wer einen demokratischen, selbstständigen Libanon will, in dem alle Bürger die gleichen Rechte genießen, ist meiner Meinung nach sowohl bei March 8 als auch bei March 14 an der falschen Adresse.

R. Chatterjee hat gesagt…

Ich schließe mich meinen Kollegen an. Eine Bemerkung zu den Stimmenkäufen und Flügen (also der unüblich hohen Mobilisierung). Es kommt m.E. nicht unbedingt auf die Höhe der ausländischen Gelder an, sondern darauf, wo sie eingesetzt wurden.

Von daher hat Future sehr gut austariert, welche Bezirke entscheidend werden würden und sich entsprechend darauf verlegt. So gesehen muss man Future Respekt zollen, strategisch so gut geplant zu haben (auch wenn man es nicht gutheißen kann).

Dabei muss man beachten, dass diese Partei erst seit 2005 existiert und quasi bei null angefangen hat. Anfangs sah sie sich auch durchaus auch als Partei neuen Typs (deshalb ja auch der Namen "Tayyar" für "Bewegung", anstatt "Hizb" für "Partei"). Nur erwies es sich schnell, dass man in diesem System nur erolgreich mobilisieren kann, wenn man 1. eine homogene, und damit verlässliche, Anhängerschaft aufbaut und 2. ein gut funktionierendes Klientelsystem und ausländische (finanzielle) Unterstützung sichert - kurzum sich also den anderen Parteien und ihrem System annähert (Gleiches gilt m.E. auch für Aouns FPM, auch hier "Tayyar" als selbstgewählter Anspruch, sich von den anderen zu unterscheiden).

Mir haben einige Future-Aktivisten bestätigt, dass sie sich organisatorisch an den Lebanese Forces orientieren und von denen auch eine Menge "Nachhilfe" in Sachen Wahlkampforganisation bekommen haben - das scheint sich auf jeden Fall ausgezahlt zu haben.

Kurz zu dem Vorwurf, dass wir mit March 8 sympathiseren würden: Ich denke, unsere differenzierte Berichterstattung hat deutlich werden lassen, dass wir beide großen Lager sehr kritisch betrachten. Was uns allerdings regelmäßig bitter aufstößt, ist die Notion des "pro-westlichen" Charakters, die March 14 in der internationalen, besonders auch der deutschen Berichterstattung zugeschrieben wird. Dieses Label wird von zu vielen Journalisten und vermeintlichen Experten unkritisch übernommen und kaum hinterfragt.

Insofern lehnen wir auch die sehr vorschnelle, oberflächliche und schlichtweg falsche Interpretation des Wahlergebnisses ab, wonach die Wahlen ein Plebiszit gegen die Waffen der Hizbullah und für Freiheit und Demokratie wären - so wie es etwa nahezu alle deutschen politischen Parteien in ihren Erklärungen darstellen. Das einzige positive an dieser Wahl war die relativ reibungslose und gewaltarme Durchführung - ansonsten - und das macht unsere Analyse deutlich - muss die Wahl und die offenbarten Wahlmuster als Rückschritt und Stärkung von Konfessionalismus und Klientelismus angesehen werden.

Maximilian Felsch hat gesagt…

Ich bin überwältigt von den umfangreichen Antworten.

Zunächst zum ersten Christoph: Die pro-syrische Zeitung Akhbar, die Du zitierst, hat auch eine Zahlen veröffentlicht, wonach 90.000 Emigranten für Mach8 stimmten und 120.000 für March14. Mir ist es weiterhin ein Rätsel, wie man so genau statistisch belegen möchte, welche Immigranten was gewählt haben. Dagegen fehlen Daten zur Anzahl der Immigranten, die gesponsert wurden und denen die eigenständig zur Stimmabgabe in ihre libanesische Heimat gereist sind. Wie auch immer, ich glaube, dass March14 eine Mehrheit unter den Auslandslibanesen sicher ist. Ansonsten finde ich es überhaupt nicht verwunderlich, dass die griechisch-orthodoxe Gemeinschaft von Zahle weniger motiviert war zu wählen, als die Sunniten, die noch dazu genau wussten, dass sie in einem umkämpften Wahlkreis abstimmen.

Zu Christoph Sydow: Ich bestreite überhaupt nicht, dass Saudi-Arabien sehr viel Geld an Hariri transferiert hat. Aber im Unterschied zum Iran (oder Syrien, oder Israel) war Saudi-Arabien nie militärisch im Libanon aktiv, hat auch nicht beim Aufbau einer libanesischen Miliz geholfen oder Kriege ausgelöst. Auch wenn Saudi-Arabien sicher kein erstrebenswertes politisches Modell verkörpert, so ist doch der saudische Einfluss auf den Libanon als moderat zu bezeichnen. Iran dagegen benutzt den Libanon als Kampfzone gegen Israel, mit katastrophalen Folgen für die gesamte Region. Die saudischen Interessen am Libanon dagegen sind vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Hariris in Saudi-Arabien Karriere gemacht haben und zudem die saudische Staatsbürgerschaft tragen. Hinzu kommt dann natürlich auch der Regionalkonflikt mit dem Iran. Daher ist Riadh nicht gewillt, einem wachsenden iranischen Einfluss im Libanon tatenlos zuzusehen. Du willst aber sicher nicht behaupten, die Saudis wollten ihr islamisches Gesellschaftsmodell auf den Libanon übertragen, oder etwa, dass Hariri für diese Ideologie anfällig sei. Ich finde es daher problematisch, die Abhängigkeit der Hisbollah vom Iran mit der Hariris von Saudi-Arabien gleichzusetzen. Außerdem glaube ich wirklich nicht, dass der Multimilliardär Hariri finanziell „abhängig“ ist vom saudischen Geld.

Übrigens hat auch Aoun einen Großteil seines Wahlkampfes mit Mitteln aus Saudi-Arabien finanziert, das von reichen Familien kam, die dem Hariri-Clan feindlich gegenüberstehen. Dazu gehört beispielsweise Walid Bin Talal.

Robert, Dir stimme ich zu, dass das gebräuchliche Attribut „pro-westlich“, das der March14-Bewegung in den deutschen Medien stets vorangestellt wird, irreführend ist. Ich finde es gut, dass Ihr auf diese Bezeichnung verzichtet, denn was soll schon westlich sein an diesem Bündnis, das so bunt daherkommt?

Grüße aus Münster

Christoph Dinkelaker hat gesagt…

hi max,

danke für die legitimen Fragen, die du aufwirfst.

1) ich habe al-akhbar nicht zitiert.

2) mir ist es ebenso ein Rätsel, woher die Zeitung Zahlen zum Wahlverhalten der Auslandslibanesen hat.

3)mir ist nicht klar, warum es nicht verwunderlich sein soll, dass die Wahlbeteiligung unter Sunniten mit großem Abstand am höchsten war. Meine Argumentation brauch ich nicht nochmals zu wiederholen.

Laß uns mal die ganze Geschichte persönlich diskutieren ;-) Grüße

ali.c. hat gesagt…

das problem an dieser diskussion ist lediglich, das maximilian total parteiisch ist.ist die hisbollazh als teil des 8 march lagers einzig und allein vertreter iranischer interessen und zugleich nur ursache für konflikte?...wenn du dieser meinung bist dann verdrängst du leider wesentliche kriterien.wobei cih mit den meisten deiner aussagen konform bin...grüsse.

Anonym hat gesagt…

Danke für die detaillierte Analyse und der ausführlichen Diskussion.

Der Begriff pro-westlich ist absolut irreführend, man sollte die Lager besser als pro-saudi-arabisch oder pro-syro-iranisch bezeichnen. Es ist schwierig als Aussenstehender neutral zu bleiben.
Die wirklich pro-westlichen Libanesen haben Schwierigkeiten mit beiden Lagern.

Bzgl. Zahle habe ich von einer Bewohnerin gehört, dass dorthin Sunnis aus anderen Gebieten des Libanons ihren Wohnsitz (ohne dort aber zu wohnen) gezielt in der jüngsten Vergangenheit umgemeldet haben. Dies wurde wahrscheinlich 'übergeordnet' geplant und erklärt den dortigen Sieg des March 14 Lagers.

Was mich wundert, ist die Aussage, dass die Force Libanaise den Future-Aktivisten 'Nachhilfe' in Sachen Wahlkampf gegeben haben soll, aber sie es selber nicht geschafft hat, mehr Wahlbezirke gegenüber Aoun zu gewinnen.

Anonym hat gesagt…

Die Link bei L´Orient-Le Jour ist nur für Abonnenten, ist die Info auch anderswo einzusehen?

R. Chatterjee hat gesagt…

Bezüglich der beiden politischen Lager denke ich, dass sie beide so heterogen und widersprüchlich zusammengesetzt sind, dass man sie schwerlich mit treffenden Labels zuordnen kann.

Zu den Sunniten in Zahle: Dieses Gerücht habe ich auch gehört. Nur, selbst wenn man den bewussten und ungewöhnlich starken Registrierungswechsel nach Zahle nachweisen kann (etwa durch Einsicht in die Melderegister), ist es schwierig damit auch den direkten Zusammenhang mit den Wahlen zu belegen (außer es gibt dementsprechende Angaben zu den Motiven der Umregistrierung), wenngleich der Verdacht naheliegt.

Zu der Nachhilfe der LF: Die LF gibts schon relativ lange, die verfügen über organisatorische Erfahrung seit knapp 30 Jahren, während des Krieges haben sie sogar faktische Regierungskontrolle über Teile der christlichen Gebiete des Libanongebirges übernommen.

Entscheidender noch, war diese Partei von 1994 bis 2005 offiziell verboten, ihr Führer im Gefängnis, so dass sie darauf angewiesen war, sich eine starke Basis zu erhalten, die sich unter diesen Bedingungen im öffentlichen Bewusstsein halten musste, um zu überleben.

Dies ist ihnen auch relativ gut gelungen, nur, darf auch nicht vergessen werden, dass Aouns Anhänger während der syrischen Hegemonie ganz ähnlichen Bedingungen unterworfen waren, und über ebenso große Erfahrung verfügen. Der gegenseitigen Abneigung (teilweise sogar offener Hass) beider christlichen Parteien tat dies allerdings keinen Abbruch - egal mit wem sie grad verbündet waren oder sind.

Dennoch, in der kurzen euphorischen Phase im März 2005 waren es eben diese Parteien, die die Zeltstadt und die Demonstrationen in Beirut auf die Beine stellten. Die Anhänger Hariris dagegen, das haben mir viele bestätigt, nahmen oft zum 1. Mal an solchen politischen Aktionen teil und waren nicht, wie der Großteil der LF und FPM-Aktivisten, bereits seit den Schüler- und Studententagen politisch aktiv.

Seit sich die March 14-Koalition in der heutigen Konstellation heraus kristallisiert hatte, unterstützten die Bündnispartner Future beim Aufbau von Parteistrukturen und -strategien. Das zeigte sich z.b. bei den jährlich stattfindenden Studentenwahlen, bei denen Future sukzessive besser und professioneller agierte. Meines Erachtens war die entscheidende Schnittstelle dabei die berühnte frankophone Université Saint-Joseph. Hier erhöhte sich der Anteil sunnitischer Future-Anhänger in den letzten 4 Jahren enorm - und hier profitierten sie am meisten von der Zusammenarbeit mit den LF. Man muss sich vor Augen halten, dass die studentischen Parteiorganisatoren am Ende ihrer Studienzeit über 4-5 Jahre praktischer Erfahrung in Sachen Mobilisierung und Rekrutierung verfügen und dementsprechend oft in die Wahlplanungsstäbe ihrer Parteien übernommen werden.

aknes hat gesagt…

Das Kopftuch ist die Flagge des islamischen Kreuzzuges. Diese islamistischen Kreuzzügler sind die Faschisten des 21. Jahrhunderts. (Alice Schwarzer)


Was soll das?

Anonym hat gesagt…

Danke für die Ausführungen bzgl. der 'Nachhilfe'. R. Hariri hat schon während des Krieges eine Organisation (eine Stiftung - nicht wenige lb. Studenten haben mit Hilfe der Stipendien im Ausland studiert- heute gibt es auch eine Alumni-Organisation der Stipendiaten) aufgebaut. R. Hariri war auch mehrmals MP und hatte ein großes Beratungsteam (welches er selber finanzierte) um sich. Sein Sohn Saad hat dieses Team übernommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Partei nach seinem Tod quasi bei Null anfing. Gewiss kann die eine oder andere Hilfe (z.B. Know-How-Transfer) erfolgt sein. Die Partei hat wahrscheinlich auch durch Finanzierungshilfen anderer Parteien Gegenleistungen erhalten.

Es würde mich interessieren, ob man an die Bevölkerungsstatistiken (Einwohnerentwicklung über die letzten Jahren aufgeschlüsselt nach Religionsgruppen) in Zahle herankommt. Wenn ja, dann könnte man beurteilen, ob es eine 'Zuwanderung' gab.

zu Felsch

Wie belegt man, ob ein Staat einen moderaten Einfluss in einem anderen Staat ausübt? Ich frage mich, wie die fundamentalistisch-militanten Sunni-Gruppen im Libanon sich finanzieren? Wer finanziert sie?

C.Sydow hat gesagt…

@aknes

In der Rubrik "Wort zum Tage" gibt es eine Zitatensammlung diverser Aussprüche, die im weitesten Sinne mit den Themen Islam, Naher Osten, etc. zu tun haben. Die wenigsten davon spiegeln unsere Ansichten wieder - so auch jenes von Frau Schwarzer. Nach dem Zufallsprinzip wird bei jedem Besuch ein Zitat ausgewählt, das dann oben rechts erscheint.