Donnerstag, 18. Juni 2009

Studie zur arabischen Blogosphäre

Forscher der Harvard-Universität haben die arabische Blogosphäre wissenschaftlich untersucht. Herausgekommen ist ein interessanter Bericht, der die subjektiven Eindrücke vieler regelmäßiger Leser arabischer Blogs bestätigen dürfte.

Etwa 35000 aktive arabisch-sprachige Blogs gibt es derzeit, 4000 von ihnen wurden von den Wissenschaftlern eingehend untersucht. Ägypten stellt die größte Gruppe von Bloggern aus den arabischen Ländern, gefolgt von Saudi-Arabien. Dahinter folgt überraschender Weise die Gruppe kuwaitischer Blogger, noch vor den Bloggern aus der Levante und Syrien. Blogger aus diesen Ländern nehmen eine wichtige Brückenfunktion ein, da viele von ihnen zweisprachig - auf arabisch und englisch - bloggen. Ähnliches lässt sich über die Blogger aus dem Maghrebraum sagen - sie schreiben häufig in einer Mischung aus arabisch und französisch.

Die meisten arabischen Blogger sind jung, männlich und ziehen es vor anonym zu bleiben. Eine Ausnahme bildet Ägypten wo fast die Hälfte der Blogs von Frauen betrieben werden. Vorrangig bloggen sie über ihr persönliches Leben und berichten von ihrem Alltag. Wenn arabische Blogger überhaupt über Politik schreiben, dann über innenpolitische Entwicklungen, die sie direkt betreffen. Das einzige politische Thema, das das Interesse vieler arabischer Blogger zwischen Casablanca und Kuwait immer wieder weckt, ist die Lage in Palästina. Dies sei besonders während der israelischen Militäroffensive im Gazastreifen zum Jahreswechsel zu beobachten gewesen, so die Forscher.

In der ägyptischen Blogosphäre seien die Muslimbrüder eine besonders aktive Gruppe. In den Blogs gebe es eine öffentliche Debatte über die Ziele und die Ausrichtung der Gemeinschaft. Online laufe eine lebhafte Diskussion zwischen konservativen und reform-orientierten Muslimbrüdern, stellen die Wissenschaftler fest. Diese Entwicklung ist auch eine Konsequenz der staatlichen Verfolgung der Muslimbrüder, die in der "Offline-Öffentlichkeit" in Ägypten praktisch nicht in Erscheinung treten dürfen.

Religion sei ebenfalls ein sehr beliebtes Thema und den Bloggern im Nahen Osten. Dabei gehe es weniger um politische oder theologische Aspekte der Religion, sondern um persönliche Erfahrungen und Einstellungen zum Glauben. Eine Minderheit unter den Bloggern vertrete sehr konservative Standpunkte und kritisiere andere Glaubensrichtungen.

Auch Menschenrechte und Kultur seien für arabische Blogger ein wichtiges Thema. Poesie und Literatur stünden dabei eher im Mittelpunkt als die Popkultur, wie etwa Musik oder TV-Shows.

Die wichtigste Quelle aus den Mainstream-Medien für die Blogger sei al-Jazeera, vor BBC und al-Arabiya, so die Untersuchung.

Als Fazit halten die Forscher fest, dass Blogs besonders für junge Menschen im Nahen Osten eine wertvolle "Enklave" für freie Diskussionen seien - aber nicht die Wichtigste. Weitaus beliebter seien Foren, Chatrooms und soziale Netzwerke wie Facebook. Besonders auffallend sei, dass bei der Untersuchung von Verlinkungen "nationale Cluster" deutlich geworden seien, die Blogger eines Landes also überwiegend unter sich blieben. Eine pan-arabische Blogosphäre gibt es in dem Sinne nicht.

Zudem warnt die Studie davor, den Einfluss von Blogs zu überschätzen. Man dürfe nicht vergessen, dass viele Menschen im Nahen Osten, nach wie vor keinen Zugang zum Internet haben. Hinzu kommen staatliche Zensur, das Sperren kritischer Seiten, sowie Festnahmen kritischer Blogger. Die Verbreitung des Internet sei keine Einbahnstraße in Richtung eines politischen Liberalismus.

Kommentare:

Maximilian Felsch hat gesagt…

Mehr noch als in arabischen Ländern wird im Iran gebloggt. Und nicht erst seit den Tumulten um die Präsidentschaftswahl werden die Blogs als Medium für Oppositionelle genutzt. Auch viele Journalisten veröffentlichen ihre Texte auf Blogs, die in Zeitungen zensiert werden. Schon 2006 berichtete Spiegel-Online über einen 25-jährigen Iraner, der den Revolutionsführer in einem Blog beleidigt haben soll und daraufhin zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Er beging schließlich Selbstmord in seiner Zelle.
Nun wird das revolutionäre Potential der Blogs im Iran deutlich. Das Internet lässt sich schwer kontrollieren; Seiten die gesperrt werden, lassen sich leicht unter neuer Domain wieder öffnen. In einem Land wie dem Iran, indem die traditionellen Medien einer Zensur unterliegen und in dem zugleich eine politisierte Jugend nach Veränderungen strebt, bieten Blogs als politisches Forum ganz neue Möglichkeiten. Zur Zeit greifen auch westliche Medien auf die private Aufnahmen von Bloggern zurück, weil es Ihnen untersagt wurde, selbst die Demonstrationen der Opposition zu filmen. Die politische Führung Irans reagierte daher auch schon mit einem extremen Verlangsamen bzw. Abschalten des Internets.

C.Sydow hat gesagt…

Die persische Blogosphäre wurde übrigens schon im letzten Jahr von den Harvard-Wissenschaftlern untersucht. Hier ist die Studie: Klick

Im Iran gibt es demnach fast doppelt soviele Blogs als in allen arabischen Staaten zusammen.

Im Iran scheint derzeit Twitter aber eine noch wichtigere Rolle zu spielen als die Blogs, etwa bei der Organisation von Protesten und der Weitergabe von Informationen. Der Zugang zu Twitter ist für die iranischen Behörden offenbar viel schwieriger zu stoppen als der zu den zahlreichen Blogs.