Dienstag, 10. August 2010

Mordfall Hariri – Sherlock Nasrallah und die israelischen Drohnen

Hassan Nasrallah hatte Beweise versprochen. Auf einer Pressekonferenz am Montag Abend wollte der Hizbullah-Generalsekretär „zwingende Beweise“ dafür vorlegen, dass Israel für den Mord am ehemaligen libanesischen Premierminister Rafiq al-Hariri verantwortlich ist. Die hat er nicht vorgebracht. Und dennoch ist es Nasrallah gelungen, in der libanesischen Öffentlichkeit weitere Zweifel am Sondertribunal für den Libanon (STL) zu säen, das den Hariri-Mord aufklären soll.


Mehr als zweieinhalb Stunden lang bot der Hizbullah-Chef großes politisches Theater, garniert mit pixeligen Videoaufnahmen und unterlegt mit dramatischer Musik. Im Mittelpunkt der Präsentation standen Aufnahmen unbemannter israelischer Aufklärungsdrohnen. Mitte der 1990er Jahre habe seine Miliz die Fähigkeit erlangt, sich in die Liveübertragungen der israelischen Drohnenkameras zu hacken. Damit hatte die Hizbullah Kenntnisse über Gebiete, die besonders im Fokus der israelischen Armee standen. Dadurch war es der Hizbullah bereits 1997 gelungen, ein israelisches Kommando nahe des Dorfes Ansariyeh in einen Hinterhalt zu locken. Durch die Aufnahmen der israelischen Drohnen war die Miliz zu dem Schluss gelangt, dass die Israelis in diesem Ort eine Kommandoaktion planten – die Hizbullah hatte Recht, die israelische Einheit wurde in einen Hinterhalt gelockt, bei dem zwölf israelische Soldaten getötet wurden.

Des weiteren führte Nasrallah angebliche Aufnahmen israelischer Drohnen vor, auf denen unter anderem das Zentrum Beiruts, der Ort des Hariri-Anschlags, Hariris Residenzen und Fahrtwege zu sehen sind. Die Bilder sollen aus den Tagen vor dem Attentat am 14. Februar 2005 stammen. Die Drohnenflüge dienten der Vorbereitung des Mordes, argumentiert Nasrallah. Schließlich wohne in den betreffenden Gegenden kein einziger Hizbullah-Funktionär.

Daneben fußt Nasrallahs Argumentation auf den Aussagen angeblicher israelischer Spione. So habe bereits in den 1990er ein libanesischer Agent der Israelis – ein Mann namens Ahmad Nasrallah, der nicht mit dem Hizbullah-Generalsekretär verwandt ist – Rafiq Hariris Sicherheitskräfte informiert, dass der Militärchef der Schiitenmiliz, Imad Mughniyeh, die Ermordung des damaligen libanesischen Premiers geplant habe. Ziel der Israelis sei es gewesen, Misstrauen und konfessionelle Spannungen im Libanon zu säen. Ein anderer angeblicher israelischer Agent habe Informationen über die Residenz des libanesischen Präsidenten und die Yacht des Armeechefs geliefert. Und schließlich habe ein weiterer enttarnter Spion für Israel ausgesagt, dass auch ein Attentat auf den libanesischen Parlamentspräsidenten Nabih Berri, einen schiitischen Verbündeten der Hizbullah geplant gewesen sei, um den Libanon ins Chaos zu stürzen.

Ein weiterer Kollaborateur habe sich am Tag vor dem Hariri-Attentat am Tatort aufgehalten. Genau aus diesem Grund hätten sich auch Hizbullah-Mitglieder dort aufgehalten, um die Spuren des Agenten zu verfolgen. Offenbar geht Nasrallah davon aus, dass das Tribunal Beweise für den Aufenthalt von Hizbullah-Milizionären am Tatort hat. Mit dieser Erklärung versucht er diesen zu begründen und gleichzeitig Israel für den Mord verantwortlich zu machen.

Am Ende seines Vortrags, der auf fast allen libanesischen TV-Sendern und den wichtigsten arabischen Nachrichtenkanälen in voller Länge übertragen wurde, räumte Hassan Nasrallah ein, dass die vorgelegten Videos und angeblichen Geständnisse israelischer Agenten keine direkten Beweise für Israels Täterschaft, wohl aber „Hinweise“ seien. Sollten tatsächlich Hizbullah-Mitglieder vom Gericht in Leidschendam bei Den Haag angeklagt werden, habe man weitere Indizien gegen Israel in der Hinterhand.

Tatsächlich lieferte Nasrallahs Pressekonferenz wenig Neues. Dass Israel weite Teile des Libanon mit Flugzeugen und Drohnen überwacht ist seit langem bekannt. Aus Videoschnipseln von Aufnahmen, die über einen Zeitraum von zehn Jahren gemacht wurden, kann man da kaum einen zwingenden Beweis extrahieren. Für Aufsehen sorgt eher die Tatsache, dass die Hizbullah offenbar seit 15 Jahren in der Lage ist, teilweise ohne Zeitverzögerung auf die Bilder israelischer Überwachungsdrohnen zugreifen zu können.

Auch die Aussagen angeblicher israelischer Agenten sollten mit Vorbehalt bewertet werden. Von den Kollaborateuren, die seit 2009 enttarnt wurden, ist bisher kein einziger vor Gericht gestellt und verurteilt worden. Man kann zudem davon ausgehen, dass Geständnisse zumindest mit der Androhung körperlicher Gewalt erpresst wurden. Wie glaubwürdig diese tatsächlich sind, kann bislang nicht bewertet werden. Jedenfalls sei die Enttarnung der israelischen Agentenringe auch der Grund, warum die Hizbullah erst jetzt mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehe.

Hassan Nasrallahs Ziel war es aber ohnehin nicht, der arabischen Öffentlichkeit die Schuld Israels zu beweisen, sondern die Zweifel am Sondertribunal für den Libanon zu verstärken. Auch wenn seine angeblichen Beweise nicht zwingend sind, fragen sich viele im Libanon und außerhalb, ob das STL gegen die Hizbullah mehr in der Hand hat. Und noch mehr rückt jetzt die Frage in den Mittelpunkt: „Warum wurde nie gegen Israel ermittelt? Warum wurden zwielichtige Zeugen verhört und für glaubwürdig befunden? Warum wurden vier hochrangige libanesische Sicherheitsbeamte vier Jahre lang aufgrund eine dünnen Beweislage inhaftiert und schließlich doch freigelassen während die israelische Überwachung des libanesischen Luftraums dabei vollkommen außer Acht gelassen wurde?“ Nasrallah versucht das Tribunal als amerikanisch-israelische Verschwörung gegen den Libanon und die Hizbullah zu diskreditieren. Jetzt ist das Gericht unter Zugzwang Beweise vorzulegen, die nach Ansicht der libanesischen Öffentlichkeit überzeugender sind.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Klare Sache: Die Täter kundschaften das spätere Opfer aus. Um sich rein zu waschen, werden Kollaborateure benutzt, Mittäter ausgeschaltet und die Schuld anderen in die Schuhe geschoben. Ziel: Neutralisierung des Gegners und Konkurenten, Syrien zum Abzug zwingen, strategischen Vorteil erlangen, Chaos in der Gesellschaft verursachen, die libanesische wirtschaft schwächen und die Hisbollah ausschalten. Wer könnte noch diese Motive verfolgen?

Anonym hat gesagt…

Ist doch lächerlich, das war nur eine billige PR-Show, eine große Ankündigung, folgte nur der Verkauf von heißer Luft und nichts wurde bewiesen. Dass Syrien aus Libanon abgezogen ist, war ein klarer Vorteil, denn Syrien hat den Libanon nur ausgeraubt und für ihre Interesse ausgenutzt. Es weint keiner den Syrern hinterher bis auf ein paar dumme Lakaien. Es wäre gut für den Libanon, wenn Hisbollah auch von der Bildfläche verschwindet. Sie haben immerhin schon einmal Waffen gegen Libanesen gerichtet. Je früher Hisbollah vom Fenster ist, desto besser. Wenn Hisbollah schuldig ist an dem Mord von Rafic Hariri, dann müssen sie auch verurteilt werden. Alles andere ist Heuchelei.

M.A. hat gesagt…

"Man kann zudem davon ausgehen, dass Geständnisse zumindest mit der Androhung körperlicher Gewalt erpresst wurden."

Worauf stützt sich diese Aussage im Bezug auf die Spione?

Ansonsten zur Konferenz Hassan Nasrallahs: Nimmt man es ganz genau, ist tatsälich hauptsächlich nur eins unbestreitbar bewiesen worden: Dass das Sondertribunal eine unglaublich voreingenommene Fahndungsrichtung eingeschlagen hat. Jeder Fahnder bei der Kripo hat spätestens nach seinem dritten Fall seinen Job verloren, wenn er nicht wenigstens das Individuum verhört, das am meisten von einem Verbrechen profitiert hat. Genauso ignoriert das Sondertribunal jegliche mögliche Involvierungen Israels. Sehr unprofessionell!

Anonym hat gesagt…

Ein von Vorurteilen nur so strotzender Artikel.Kein Wunder das die Hisbollah dem Tribunal und alles was aus dem Westen kommt nicht traut.Schon der Titel Sherlock Nasrallah.Der Klassiker angebliche Spione,alle Spione aus Israel sind narürlich nur angebliche.Die Video Sequenzen rechtfertigen alle mal das man dieser Spur nachgeht.Den Ort St.Georges aus allen Ecken zu filmen ist schon verdächtig weil damals dort nichts war.Eine Schande wer den Artikel so vorurteilhaft schreibt.

C.Sydow hat gesagt…

@M.A.:

Nach Angaben internationaler und libanesischer Menschenrechtsgruppen (HRW, Amnesty, etc.) ist Folter in libanesischen Gefängnissen an der Tagesordnung. Dazu hier ein Bericht der Menschenrechtsorganisation al-Karama vom Oktober 2009:

Klick

Ich denke nicht, dass man mit mutmaßlichen israelischen Spionen besonders pfleglich umgeht. Dies gilt umso mehr, wenn man davon ausgeht, dass ein Teil der im Südlibanon hochgenommenen Agenten zuerst von der Hizbullah verhört wurden. Ich habe mich jedoch, da dies in dem konkreten Fall nicht bewiesen ist, extra vorsichtig ausgedrückt und davon gesprochen, dass man zumindest von Gewaltandrohungen ausgehen kann.

Anonym hat gesagt…

Diejenigen Leute, die behaupten, dass von der STL nicht nach Spuren in Israel gesucht wurde, soll diese Behauptung beweisen. Leute, die eine solche Behauptung aufstellen, scheinen mehr zu wissen, diese Informationen zu unterschlagen ist kriminell.
Keine Staatsanwaltschaft oder Kommissar lässt sich während der Ermittlungsarbeit ,,in die Karten'' schauen, allein schon um unabhängig zu bleiben. Der Vorwurf, dass das Sondertribunal von Israel und den USA gelenkt ist, ist auch so eine unbewiesene Behauptung. Ich würde es mal so formulieren, wenn man unschuldig ist, dann hat man auch nichts zu verbergen und zu verlieren durch eine Anklage. Wer aber so eine Show abzieht wie Hassan Nasrallah und das Land mit Waffengewalt bedroht und unbewiesene Verdächtigungen gegen Israel ausstößt, um unberechtigte Zweifel, speziell bei den Arabern, an dem Sondertribunal zu säen, der erscheint mir auf dem ersten Blick verdächtigt.


Der Begriff ''Miliz'' für Hisbollah, wie er im Artikel verwendet wurde, finde ich unangebracht. Es gibt keinen Bürgerkrieg (noch nicht oder nicht mehr) im Libanon, deshalb ist der Begriff ungeeignet. Zudem ist Hisbollah international tätig. Für solche Gruppen gibt es passendere Bezeichnungen.

Anonym hat gesagt…

Dank Sherlock Sydow wissen wir jetzt
dass nichts Wahres daran ist.
Nasrallah lügt wie immer und Israel ist unschuldig.

C.Sydow hat gesagt…

@ Anonym 12:04

Es ist richtig, dass über den genauen Verlauf der STL-Ermittlungen bisher wenig Offizielles verlautbart wurde. Es ist aber bekannt, dass die Ermittler libanesische und syrische Geheimdienstler und Offizielle befragt haben. Im Fall israelischer Offizieller ist dies nach meinem Kenntnisstand bisher nicht geschehen.

Anonym hat gesagt…

@ C. Sydow

Man kann nicht immer davon ausgehen, dass man, selbst im Informationszeitalter, in den Besitz aller Informationen kommt, auch wenn dies manchmal wünschenswert ist. Es wäre aber geschickter gewesen, wenn dass Sondertribunal verlautbart hätte, sie hätten auch israelische und westliche Offizielle vernommen. Dann hätte Hassan Nasrallah letzten Montag weniger Wind in den Segel gehabt. Da Israel doch recht viel Material im Libanon sammelt, wäre die Herausgabe von relevantem Informationsmaterial wichtig. Ich glaube, dass Israel auch ein Interesse daran haben kann, dass die Attentäter festgenommen werden, sofern sie keine Israelis sind. Ob dies Herausgabe erfolgt ist, wird man höchstwahrscheinlich erst nach der Eröffnung des Gerichtsprozesses erfahren.

Man darf nicht vergessen, dass Rafik Hariri kurz vor seinem Tod, sich immer mehr kritisch gegenüber Syrien geäußert hat und sich antisyrischen Kräften im Libanon angenähert hat. Dass Syrien das Attentat nicht selbst durchgeführt, hat erst einmal nichts zu bedeuten. Syrien weiß auch Proxies zu nutzen. Auffällig ist, dass einige ranghohe syrische Verantwortlichen, Träger von vertraulichem Informationen, seit dem Attentat durch widrige Umstände verstorben sind. Wenn Syrien nicht für das Attentat verantwortlich ist, dann zumindest, dafür das ihre Dienste geschlafen haben oder das Attentat wissentlich oder unwissentlich nicht verhindert haben. Damit war auch Syriens Schutzrolle im Libanon passé und sie tragen eine Mitschuld. Dies verhält sich genauso wie bei einem Innenminister, der ein großes Attentat nicht verhindert hat.