Freitag, 9. November 2012

Presseschau zu Obamas Wiederwahl: "Kein Präsident, der in den Krieg zieht"

Die Zeitungen im Nahen Osten zwischen Algerien und Iran reagieren überwiegend positiv auf die Wiederwahl von Barack Obama. Der Präsident habe in seiner ersten Amtszeit zwar viele Erwartungen enttäuscht, Mitt Romney wäre nach Überzeugung der Kommentatoren jedoch das noch größere Übel geworden. Israelische Blätter fürchten eine weitere Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Obama und Benyamin Netanyahu. Auch in Bahrains Presse schwingt Skepsis gegenüber dem Demokraten mit. Dafür sind sich israelische Kommentatoren mit der syrischen Parteizeitung al-Baath in einem Punkt einig: Obama sei kein Präsident, der einen Krieg im Nahen Osten wolle.

Eine Presseschau von Christoph Dinkelaker, Lea Frehse, Amina Nolte, Dominik Peters, Friedrich Schulze, Bodo Straub und Christoph Sydow

 Youssef al-Kuweilit äußert in seinem Kommentar für al-Riyadh aus Saudi-Arabien zunächst einmal seine Verwunderung darüber, dass Obama für eine zweite Amtszeit gewählt wurde - „trotz der Aufregung und Zweifel an seinem Glauben, seiner Kindheit, seines Geburtsorts und darüber, ob er vom islamischen Glauben seines Vaters beeinflusst wurde“. Der Präsident habe sich aber seine Wiederwahl durch seine Erfolge in Irak, Afghanistan und Libyen verdient. Kuweilit hebt auch hervor, dass sich Obama in seiner ersten Amtszeit „den wiederholten Erpressungen Israels“ widersetzt habe. Gleichwohl habe er gegenüber dem israelischen Siedlungsbau zu nachlässig gehandelt. Dennoch ist der Kommentator überzeugt: „Für die Länder zwischen Maghreb und Mashreq bleibt Obama der beste Präsident, auch wenn er Versprechungen gebrochen hat. Aber er hat viele Erfahrungen gesammelt und bleibt moderat im Vergleich zum Extremismus der Republikaner“.

Ibrahim Eissa, Kommentator der oppositionellen ägyptischen Tageszeitung al-Tahrir, sieht durch Obamas Wiederwahl schwierige Zeiten auf Ägyptens Präsidenten Mohammed Mursi zukommen. Die USA hätten den Muslimbrüdern zwar den Weg zur Macht am Nil geebnet, nun aber werde Washington dafür einen Preis verlangen. Das informelle Abkommen zwischen Obama und Mursi sah demnach so aus: „Die Muslimbrüder garantieren Israels Sicherheit und bändigen die Hamas. Sie verpflichten sich, sich für Amerikas Interessen einzusetzen und unter dem Banner des sunnitischen Islams in die Phalanx gegen Iran und die Schiiten einzutreten.“ Gleichzeitig habe Obama zugesichert, das Machtmonopol der Muslimbrüder nicht zu brechen. Dafür werde er in seiner zweiten Amtszeit aber eine Gegenleistung verlangen: Die Wiederherstellung von Ordnung auf dem Sinai, ein Ende der dortigen Präsenz von al-Qaida und anderen extremistischen Gruppen. „Dies wird Mursi Ärger mit seinen Freunden in Gaza einhandeln und den Zorn der Jihadisten auf dem Sinai entfachen“, ist Eissa überzeugt. Mursi werde deshalb Bedenken äußern. Die wichtigste Frage sei daher: „Wie geduldig wird Obama sein?“

"Obama will politische Lösung der Syrien-Krise"

Der Leitartikel der syrischen Staatszeitung al-Baath wartet am Donnerstag mit einer Überraschung auf: Es sei zu erwarten, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit eine politische Lösung der Krise in Syrien suche, so das Blatt. Das liege zum einen an der Standfestigkeit des syrischen Volkes und der Armee und zum zweiten am Unwillen des US-Präsidenten, sein Land in einen neuen Krieg zu führen. „Ein Präsident, der in seiner Siegesrede sagt: 'Ein Jahrzehnt des Krieges ist zu Ende gegangen', der nach dem Rückzug seiner Armee aus dem Irak erleichtert aufatmet und der jetzt hart daran arbeitet, die US-Armee aus dem Sumpf in Afghanistan herauszuziehen, der denkt nicht an ein militärisches Abenteuer in Syrien, das die ganze Region in Brand setzen kann.“ Die USA steckten in einer schweren Wirtschaftskrise und hätten begriffen, dass sie nicht länger die einzige Weltmacht seien. Daher strebe Washington eine internationale Einigung auf eine politische Lösung der syrischen Krise an. „Schließlich kann die US-Regierung nicht länger die große Rolle der Qaida-Gruppen in Syrien übersehen, besonders nach dem er den Geschmack des Terrors in Bengasi selbst schmecken musste.“

Einen ganz anderen Aspekt beleuchtet al-Khabar aus Algerien. „Die Amerikaner wissen seit Mittwoch, dass Obama bis Anfang 2017 regieren wird. Sie brauchen keine Politiker oder Experten, die mit den Geheimnissen des Weißen Hauses vertraut sind, und die ihnen sagen, ob Obama die Verfassung ändern oder sein Amt aufgeben und irgendeinem ausgesuchten Nachfolger übergeben will.“ Ganz anders sei das in Algerien, kritisiert die Zeitung in ihrem Leitartikel. Niemand wisse ob Präsident Abdelaziz Bouteflika möglicherweise noch einmal die Verfassung ändern, und sich damit eine weitere Amtszeit sichern werde. Es sei ja noch nicht einmal klar, wie es um die gesundheitliche Verfassung des Staatschefs bestellt ist. Niemand gebe Auskunft darüber, warum der Präsident lange verschwinde und dann plötzlich wieder auftauche. In diesem politischen Klima zeige auch keiner der möglichen Nachfolgekandidaten seine wahren Absichten, in diesem algerischen System komme der am weitesten, „der seine politischen Ambitionen am besten versteckt.“

"Obamas Wiederwahl spaltet den Nahen Osten in zwei Lager"

In der Jordan Times schaut man vor allem enttäuscht auf die erste Amtsperiode des Präsidenten zurück: „Obama hat hohe Erwartungen geschürt, als er in den ersten Monaten seines Antritts Kairo und Istanbul besucht hat, um der arabischen Welt seine guten Absichten hinsichtlich des Israel-Palästina Konflikts und die guten amerikanischen Beziehungen mit den Muslimen zu bekräftigen. Aber wie ein Sprichwort sagt: 'Der Weg zur Hölle ist mit guten Intentionen gepflastert', so hat Obama seine guten Absichten nach seiner Rückkehr in die USA fallen gelassen, angeblich weil die Pro-Israel-Lobby und ihre Unterstützer sich weigerten, seine Absichten zu unterstützen. Deswegen ist Obamas Popularität in der arabischen und muslimischen Welt drastisch abgesunken, vor allem nach dem er Israel als „Verbündeten“ bezeichnet hatte und Netanyahu in seinem Konflikt mit Iran Unterstützung zusagte."

Auch in Bahrain wird die Wiederwahl Obamas mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die arabischen Länder bewerteten die Wiederwahl sehr unterschiedlich, schreibt Kassim Hussain für al-Wasat: "Die Wiederwahl Barack Obamas spaltete den Nahen Osten in zwei Lager: Während ein Lager versucht mit Schwierigkeit seine Freude zu verbergen, versucht das andere Lager sein Leid zu verbergen."

Diese Unterscheidung, so Hussain, verlaufe entlang der amerikanischen Einteilung des Nahen Ostens in eine „Achse des Bösen“ und eine „Achse der Guten“. Paradoxerweise begrüßten die Länder der „Achse des Bösen“ die Wiederwahl Obamas, die Länder der „Achse der Guten“ seien darüber eher enttäuscht. Den Grund sieht er in der eher milden Haltung Obamas gegenüber jenen Länden, denen Bush Junior noch Krieg angedroht habe. In Anspielung auf die NATO-Intervention in Libyen schreibt er:„Die Region, die vom arabischen Frühling erschüttert wurde, ist noch immer in zwei Lager gespalten: Regierungen, die von der Wiederwahl Obamas enttäuscht sind und Menschen die an der Idee festhalten, das es sich bewahrheitet dass die Amerikaner ihre Einstellung gegenüber den Menschenrechten ändern, wenn auch nur ein einziges Mal, und nicht ein weiteres Mal Menschenleben gegen Öl eintauschen“.

"Die Apokalypse wird morgen nicht eintreten. Das Paradies auch nicht."

Unter der Überschrift „Ein amerikanischer Traum“ stellt der Leitartikler des libanesischen L'Orient le Jour fest: „2008 haben die Amerikaner einen Traumfabrikanten ins Weiße Haus geschickt – was man ihnen nicht unbedingt zum Vorwurf machen kann – der es vier Jahre später immer noch nicht geschafft hat, diesen Traum zu verwirklichen, was nicht auf eine strahlende Zukunft schließen lässt. Weise oder nicht, sie haben sich für den amtierenden Präsidenten entschieden, den sie wenigstens schon kennen, anstelle eines Gegners, der sein Können bisher lediglich bei olympischen Winterspielen unter Beweis gestellt hat.“

Dieses Mal hätten sie Obama eine neue Aufgabe mit auf den Weg gegeben: Die Reihen zu schließen, die nie zuvor so gespalten waren. Angesichts der Mehrheit der Grand Old Party im Repräsentantenhaus sei jedoch zu bezweifeln, dass Obama dafür in naher Zukunft eine Lösung finde, ebenso wie für die Wirtschaftsprobleme oder die Arbeitslosigkeit. Die Reform des Gesundheitssystems sei bereits enorm in einem Land, in dem jeder nur auf sich gestellt ist. Der Leitartikel endet mit der lapidaren Feststellung: „Die Vereinigten Staaten schrammen immer am Abgrund entlang, ohne jemals hineinzufallen. Die Apokalypse wird morgen nicht eintreten. Das Paradies auch nicht.“

Osama bin Laden, für den Bush noch sämtliche Berge von Tora Bora durchkämmte, habe Barack Obama die Wahl gerettet, meint der Kommentator der algerischen Tageszeitung El Watan. „‘Forward!‘ proklamiert Obama, selbst wenn seine internationale Bilanz alles andere als rosig aussieht. Seine Versprechen einer besseren Welt haben sich vier Jahre später nicht unbedingt als wahr erwiesen. Zwar hat seine Rede in Kairo die Herzen der Araber und der Muslime berührt. Aber letztendlich waren das nur schöne Worte, magische Formeln eines Mannes, der zu reden und zu respektieren versteht.“ Auch die Palästinenser sähen heute die Kluft zwischen Obamas Versprechen eines unabhängigen Staates und der Wirklichkeit. Er habe Gaza 2009 ebenso wenig verhindern können wie den israelischen Siedlungsbau, und als Friedensnobelpreisträger führe er weiterhin Krieg im Irak und in Afghanistan. „Trotz allem: Die Tatsache, dass er wiedergewählt wurde, ist mit Sicherheit eine gute Nachricht für die ganze Welt. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die Mehrheit der Amerikaner seinen Willen teilt, die Dinge zu ändern und sein Land menschlicher zu machen. Nachdem er nun seine Landsleute überzeugt hat, dass er ihr Präsident in den vier kommenden Jahren sein darf, bleibt es seine Aufgabe, die Welt und vor allem die Araber und die Muslime zu überzeugen, dass sie nicht nur sein liebster Zeitvertreib sind.“

 "Wir gratulieren Ihnen zur Wahl"

Die Wiederwahl Barack Obamas wurde in den palästinensischen Medien mit Erleichterung, jedoch sehr nüchtern aufgenommen. Der Tenor der wenigen Meinungsartikel lautet, dass eine Regierung Romney sich "noch einseitiger" im Nahostkonflikt zugunsten Israels positioniert hätte. Der renommierte Politikwissenschaftler Oraib Rantawi befindet etwa in der Jerusalemer Zeitung al-Quds: "Mitt Romneys Wahl hätte einen Albtraum für Präsident Abbas und für das palästinensische Streben nach Selbstbestimmung bedeutet, obwohl auch Obama Abbas enttäuschte und im Stich ließ."

Zudem hätte Romney anders als Obama mit seinem konfrontativen Auftreten die globalen Machtverhältnisse destabilisiert: "Obamas Tür ist für Lösungen und politische Kompromisse - wenn auch unausgewogen - geöffnet, während Romneys Tür geschlossen bleibt, weil er Russland als militärische, China als wirtschaftliche und Iran als terroristische Bedrohung wahrnimmt"

In vielen Meinungsbeiträgen schwingt bittere Enttäuschung angesichts Obamas bisheriger Nahostpolitik mit, in die zahlreiche Palästinenserinnen und Palästinenser nach seiner Rede in Kairo große Hoffnungen gesetzt hatte. Ein anonymer Leserbrief fasst diese Gefühlslage zusammen: "Von Beginn seiner ersten Amtszeit richtete sich Präsident Obama an die internationale Öffentlichkeit und machte viele Versprechungen. Seine Rede an der Universität von Kairo war ein Durchbruch und verbreitete Optimismus unter vielen Palästinensern. Doch peu à peu wendete sich das Blatt und Obama gelang es nicht, auf der politischen Ebene etwas für die palästinensische Sache zu erreichen. Im Gegenteil nahm er fortan blind, einseitig israelische Positionen an. Er konnte den Siedlungsbau nicht stoppen und wandte sich stattdessen gehen die palästinensischen Bestrebungen im Sicherheitsrat."

Prominente Persönlichkeiten wie der Multi-Milliardär Munib al-Masri aus Nablus nutzen die palästinensischen Medien wiederum, um Obama zu beglückwünschen und gleichzeitig Erwartungen an die zwei Amtszeit zu formulieren. al-Masri, der sich auch politisch engagiert und mehrfach für das Amt des Ministerpräsidenten im Gespräch war, schreibt ebenfalls in der Zeitung al-Quds: "Wir gratulieren Ihnen zur Wahl (...) und hoffen, dass Sie diese Amtszeit mit innen- und außenpolitischen Erfolgen füllen, insbesondere im Hinblick auf die Beendigung des arabisch-israelischen Konflikts. Dies ist die Grundlage für ein Ende der Besatzung der arabischen Gebiete, die Errichtung eines unabhängigen Staates in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt und die Rückkehr der Flüchtlinge in Übereinstimmung mit der UN-Resolution 194."

Al-Masri appeliert in dem Schreiben an internationale und insbesondere amerikanische Werte. Die Besatzung und Annexion, verbunden mit der Inbesitznahme von Land durch die Sperranlage und den Ausbau von Siedlungen verletze "alle Normen, internationale Gesetze und die in der US-Verfassungen verankerten Prinzipien der Gerichtigkeit".

"Wir brauchen einen Führer, der Israel mit harter Hand führt"

Dass das US-Votum enorme Auswirkungen auf die israelische Parlamentswahl haben würde, war spätestens
dann klar, als Ehud Olmert und Tzipi Livni vor wenigen Tagen verkündet hatten, sie würden die Entscheidung über eine Rückkehr in den Jerusalemer Polit-Zirkus vom Ergebnis – und damit einem Sieg Obamas – zwischen New York und L.A. abhängig machen. Besonders dieses Verhalten stößt vielerorts in den israelischen Medien auf Unverständnis.

Da ist Ruthi Blum, für die die Wiederwahl Barack Obamas, in dem sie einen Sozialisten zu erkennen glaubt, ein Schock ist. Im Massenblatt Israel Hajom schreibt sie: „Mit einem weniger als freundlichen Commander-in-chief im Oval Office, ist es umso bedeutender, dass wir in Jerusalem einen Führer haben, der Israel mit eiserner Faust führt.“

Paroli bietet Blum Lynette Nusbacher. In der Times of Israel erklärt sie: „Wenn die weitere Existenz Israels davon abhängt, dass wir einen Likudnik im Weißen Haus sitzen haben, dann ist Israel kein richtiger Staat“ – und hält eben jenen Befürwortern dieser Strategie vor, sie würden aus Israel ein zweites Süd-Vietnam machen wollen, dass nicht mehr gewesen sei, als ein „Hubschrauberlandeplatz, eine Puppe oder Schoßhündchen“.

Eli Avidar kommentiert für das vor dem Bankrott stehende Traditionsblatt Maariv, dass Israel durch die Wiederwahl von Barack Obama vor vier sehr komplexen Jahren stehe. Nicht deshalb, weil der neue und alte US-Präsident und Benjamin Netanjahu offenkundig keine innige Beziehung zueinander haben, so Avidar, denn persönliche Befindlichkeiten spielten hierbei keine Rolle. Vielmehr gehe es darum, den Analytiker Obama mit Fakten zu beeindrucken. "Der Ministerpräsident wird noch härter arbeiten müssen", denn "Obama hat bereits gezeigt, dass er kein Präsident ist, der in den Krieg zieht, sondern seine Soldaten nach Hause bringt. Israel wird deshalb große diplomatische Anstrengungen unternehmen müssen, wenn es nicht eines Tages mit einer Atombombe in den Händen Irans aufwachen möchte."

"Der Nahe Osten wird ihn verfolgen"

In der liberalen israelischen Tageszeitung Ha’aretz reflektiert Akiva Eldar einen möglichen Wandel der amerikanischen Nahostpolitik in Obamas zweiter Amtszeit. Während Obama zu Beginn seiner ersten Präsidentschaft durch politische Impulse positive Erwartungen geweckt habe, sehe er sich nun einem “neuen Nahen Osten” gegenüber, der die USA vor “neue Herausforderungen und neue Spielregeln” stelle.

Noch 2009 habe sich Obama in Kairo für einen eigenständigen palästinensischen Staat ausgesprochen. Doch sei die US-Regierung danach nicht bereit gewesen den nötigen Druck auf Israel auszuüben und habe die Palästinenser damit sehr enttäuscht. Mit Spannung werde nun Obamas Position zum palästinensischen Antrag auf den Status eines staatlichen nicht-Mitglieds der Vereinten Nationen erwartet. „Angenommen Abbas kriegt keine kalten Füße, wird Obama gezwungen sein sich entweder hinter Abbas oder Netanjahu zu stellen. Beide Optionen haben ihren Preis.” Lasse man Abbas scheitern, bedeute das seinen Rücktritt und womöglich die Dritte Intifada. Unterstützten die USA Abbas, riskiere man israelische Sanktionen und in der Folge ebenfalls den erneuten gewaltsamen Aufstand.

Sollte Obama seine Kairoer Versprechen brechen und den Palästinensern die Unterstützung vor den Vereinten Nationen verweigern, sollte er also, so Eldar, “dem Nahen Osten den Rücken kehren wollen, wird der Nahe Osten ihn verfolgen”.

„Netanjahu hat riskant gespielt, wir werden dafür bezahlen“, kommentiert Sima Kadmon in den israelischen YnetNews die US-Präsidentschaftswahlen. Der israelische Premier hatte sich im Vorfeld der Wahlen klar auf die Seite von Obamas Rivalen Mitt Romney geschlagen und Obama mehrere Male offen brüskiert. „Netanjahus Verhalten wird für uns alle Folgen haben. Israels Außenpolitik und unsere Beziehungen mit den Vereinigten Staaten sind nicht Netanjahus Privatangelegenheit sondern existenzielles Kapital des Staates Israel. Netanjahu hätte dieses Kapital niemals aufs Spiel setzen dürfen.“ Kadmon befürchtet nun Amerikas Rache: „Ohne Zweifel werden die USA weiterhin Israels Sicherheit und Existenz verpflichtet bleiben. Die USA werden Israel nicht für Netanjahus Verhalten in Geiselhaft nehmen. Doch in allem, was über essentielle Sicherheitsbelange hinausgeht, erwartet uns die kalte Schulter.“

"Eine Wahl gegen Romney"

Die reformorientierte Zeitung Etemad aus Teheran lieferte eine breite Berichterstattung unter der Schlagzeile „Obamas iranische Herausforderung“ mit mehreren Meinungsbildern und einem zentralen Interview mit Hossein Daheshyar, einem langjährigen US-Kommentator, der allerdings seit den Wahlunruhen von 2009 keine weiteren Interviews gegeben hatte.

Zu Beginn des Interviews äußert Daheshyar seine Verwunderung darüber, dass Obama die Wahl gewann. „Noch nie hat ein amerikanischer Präsident unter solch schlechten Wirtschaftsbedingungen eine Wahl gewonnen. Die Wirtschaftslage war seit der letzten Großen Depression in den dreißiger noch nie so schlecht“. Obama habe die Schuld auch nicht auf seinen Vorgänger Mitt Romney abwälzen können „Die Amerikaner haben diese Ausrede auch nicht akzeptiert, sondern wollten einfach Romney nicht“. Daraus schlussfolgert er, dass die Wahl „eigentlich keine Wahl für Obama, sondern eine Wahl gegen Romney war“. "Die Außenpolitik hatte überhaupt keinen Einfluss", analysiert Daheshyar.

Die US-Bürger hätten Obama vor allem wegen des Glaubens gewählt, den er verbreite. „Obama präsentierte sich selbst als jemand, der Abraham Lincoln, Franklin Roosevelt und Ronald Reagan folgt. Alles Politiker, die eine besondere Rolle in der amerikanischen Gesellschaft einnehmen und als ,Veränderer‘ gelten. Mit seiner Wiederwahl besitzt er nun auch die Chance als „Veränderer“ in die Geschichte einzugehen“. Allerdings habe Obama zu wenig unternommen, um die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden. „Daher halte ich es für unwahrscheinlich, dass man ihn nach den vier Jahren in der Reihe dieser Präsidenten sehen wird. Er versuchte im Wahlkampf ja auch nicht einmal, Personen in den republikanischen Reihen zu überzeugen“.

Dariush Soleymani, Experte für Internationale Beziehungen, merkt in seinem Kommentar für Etemad an, dass die geschichtliche Erfahrung zeige, dass Republikaner vor allem „nach einem Erstarken der Wirtschaft den Präsidenten stellten“. Trotz der enttäuschten Erwartungen an Obama gebe es einige „nennenswerte Veränderungen“ in der Politik gegenüber seinem Vorgänger. Dazu gehöre „der Rückzug vom Krieg in der Außenpolitik mit den dazu verbundenen Kürzungen im Militärbudget des Landes und die Konzentration Obamas auf die Lösung der eigenen Wirtschaftskrise“.

"Vier weitere Jahre ohne Veränderung"

Die Zeitung Keyhan, die den Sicherheitsorganen der IRI nahe stehen und mit ihrem Chefredakteur Hossein Shariatmadari einen direkten Draht zum Revolutionsführer Ali Khamenei haben soll, titelte: „Der ,Herr der Veränderung‘ schaffte es wieder - vier weitere Jahre ohne Veränderung“. Die Keyhan stellt heraus, dass Obama mit „etwa 50% der Stimmen die Wahlen gewinnen konnte“ und dabei „sechs bis acht Milliarden Dollar“ ausgegeben wurden. Anschließend wird das amerikanische Wahlsystem erklärt, und darauf hingewiesen, dass „Obama Sieger wurde, obwohl er im Vergleich etwa zehn Millionen Stimmen verloren hat“. Eine lange Liste an Gratulationswünsche folgt, bei denen unteren anderem Mahmud Abbas als „Präsident der Selbstständigen Palästinenser“ und Benyamin Netanyahu als „Präsident des zionistischem Regimes“ vorgestellt werden.

Ebenso würde George Soros, „zionistischer amerikanischer Milliardär“ und Präsident der Soros-Stiftung Obama zum Wahlsieg gratulieren. Keyhan greift dazu eine "Reuters"-Quelle auf und zitiert: „Der berühmte amerikanische Milliardär sagte, dass der Erfolg Obamas gegen Mitt Romney bedeute, dass eine vernünftigere und bessere Politik fortgesetzt wird. Er würde sich freuen“. Nachdem kurz einige Ziele Obamas genannt werden, wird auf die US-Wahlkritik von Jürgen Klimke, einem OSZE-Wahlbeobachter eingegangen. „Nach Berichten der deutschen Zeitung Die Welt war er sehr unzufrieden mit der Durchführung der US-Wahl. Herr Klimke sagte, dass er nicht frei arbeiten konnte und bezeichnete die Durchführung der Wahl als „unlogisch“ und dass die Wahlzählung in dem Sinne „merkwürdig“ war, dass die „Registrierung zur Wahl nicht mal nach den Standards wie in anderen Ländern verlief“ und ihm als Wahlbeobachter nicht einmal Kameras oder Handys erlaubt waren. So erging es allen etwa 80 Wahlbeobachtern“.

Die Keyhan hebt ebenso die „schwache Wahlbeteiligung hervor, die in der „Unfähigkeit Obamas Verantwortung zu übernehmen“ und „dem Taifun Sandy“ verschuldet war. Zudem hätten „die unabhängigen Kandidaten der Wahl, aufgrund der Anspannungen und großen Probleme unter denen das Land leidet, keine Chance gehabt, sich der amerikanischen Bevölkerung vorzustellen. So ist die Bevölkerung gezwungen entweder den republikanischen oder demokratischen Kandidaten zu wählen“.

Abschließend nennt die Keyhan „einen weiteren interessanten Aspekt der Präsidentschaftswahlen“, da „Romney aus Michigan stammt und trotz allem dort weniger Stimmen als Obama holen konnte“. Zweifellos eine Anspielung auf die oft als unglaubwürdig kritisierten Wahlergebnisse 2009, bei denen beispielsweise Ahmadinejad mehr Stimmen im Heimatort seines Konkurrenten Mousavi erlangen konnte.

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