Montag, 18. Januar 2010

Richtungsstreit unter somalischen Islamisten

Am 3. Dezember 2009, wenige Tage nach unserem Bericht über die prekäre sicherheitspolitische Lage in Somalia, ereignete sich in Mogadischu der blutigste Anschlag des Jahres: Ein Selbstmordattentäter tötete auf einer studentischen Abschlusszeremonie in der Hauptstadt Mogadischu vier somalische Minister und dutzende Zivilisten.

Alles schien auf die islamistische Al-Shabab-Miliz als Verantwortliche hinzudeuten. Doch diese bestritt energisch, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben, was gar nicht zu der Bewegung passt, die sich sonst gerne mit ihren blutigen Aktionen brüstet. Auch die zweite große Islamistenmiliz des Landes, die Hisbul-Islam, die einst an der Seite der Al-Shabab, nun aber gegen sie kämpft, ist dieser Anschlag eher nicht zuzutrauen. Diese Art von Selbstmordanschlägen, die ohne Rücksicht auf zivile Opfer durchgeführt werden, trägt viel mehr die Handschrift Al-Qaidas bzw. ihr nahe stehender ausländischer Jihadisten, die von den anarchischen Zuständen in Somalia massenweise angezogen werden.


Nun mehren sich die Anzeichen, dass die Kooperation mit Al-Qaida auch innerhalb der Al-Shabab-Führung umstritten ist. Ende Dezember wurde mehrfach von Differenzen, gar von einem Bruch innerhalb der Al-Shabab berichtet. Die dezentrale Führungsstruktur der Al-Shabab begünstigt ideologische und strategische Differenzen zwischen regionalen Milizenchefs der Bewegung. Ahmed Abdi Godane, Chef der Bewegung seitdem der Al-Shabab-Gründer Aden Hashi Ayro im Mai 2008 von den USA getötet wurde, fühlt sich dem globalen Jihadismus verpflichtet. Er sieht in Somalia ein Terrain für den unaufhörlichen globalen Kampf gegen die Ungläubigen und will weiter eng mit Al-Qaida kooperieren. Seinem Lager gegenüber stehen regionale Shabab-Chefs, die für eine nationale Agenda einstehen, ein islamisches Kalifat in Somalia errichten wollen und denen daher die Akzeptanz der Bevölkerung nicht völlig egal ist.

Trotz der Differenzen konnte Al-Shabab vor kurzem noch militärische Erfolge vermelden. Zuletzt brachte sie die Stadt Dusamareb nach Kämpfen mit der regierungsnahen und moderat-islamistischen Ahlu-Sunna-Miliz unter ihre Kontrolle. Im Dezember 2008 hatte Al-Shabab diese strategisch bedeutsame Provinzhauptstadt an die Ahlu-Sunna verloren.

Dennoch gerät die Al-Shabab nun zunehmend unter Druck: Im von der Al-Shabab kontrollierten Südsomalia haben sich lokale Politiker-Größen und Stammesführer zusammengefunden, um einen autonomen Teilstaat im Süden zu errichten. Weil die somalische Regierung hier schon lange nicht mehr präsent ist und weil der herrschenden Shabab-Miliz die Akzeptanz der Bevölkerung aufgrund der häufigen Selbstmordanschläge und der vielen zivilen Opfer verloren ging, ergreifen sie nun die Initiative. Sicherlich wird man auch mit internationaler Hilfe rechnen, zumal die USA erklärt haben, dass der Kampf gegen den internationalen Terrorismus verstärkt in Somalia und Jemen geführt werden muss. Aber Al-Shabab wird das nicht tatenlos hinnehmen. Hier im Süden hat sie ihre Hochburg und trainiert in ihren Camps Hunderte ausländische Islamisten.

Auch die Regierung unter Scheich Ahmad Scharif gab sich nach dem verheerenden Anschlag vom 3. Dezember entschlossen. Scharif sagte, es sei an der Zeit, das Land von der Milizenherrschaft der Al-Shabab zu befreien. Zugleich richtet sich die internationale Aufmerksamkeit wieder auf Somalia, da es wie der Jemen als Rückzugs-, Aktions- und Trainingsgebiet für Al-Qaida immer mehr an Bedeutung gewinnt. Auch die Kooperation zwischen jemenitischen und somalischen Jihadisten wird immer enger. Somalias Verteidigungsminister Sheik Yusuf Mohamed Siad Indha Adde warf Islamisten aus dem Jemen vor, der Al-Shabaab Waffen zu liefern. Zugleich mehren sich Berichte, wonach Shabab-Kämpfer auch im Jemen aktiv sind.

Dadurch verschiebt sich der Kampf gegen den internationalen Terrorismus immer mehr auf diese beiden Staaten. Die USA werden es nicht mehr dabei belassen, nur mit unbemannten Drohnen einzelne Islamistenführer zu eliminieren. In beiden Staaten werden verstärkt der Aufbau von Spezialkommandos und der Küstenwacht finanziert. Selbst ein kurzzeitiges direktes Eingreifen der US-Armee scheint nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Zur Entschlossenheit beigetragen hat letztlich auch der knapp gescheiterte Anschlag eines nigeranischen Islamisten zu Weihnachten auf ein amerikanisches Passagierflugzeug in Detroit. Die Aktion, so Barack Obama, sei von Al-Qaida im Jemen geplant worden.

Doch ob die Al-Shabab militärisch zu zerschlagen sind ist eher fraglich, wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand und geringem Erfolg die Taliban in Afghanistan bekämpft werden und welche Probleme der Jemen hat, der islamistischen Herausforderung Herr zu werden. In Somalia sind die Bedingungen noch weitaus schwieriger: Hier gibt es seit 1991 kaum noch staatliche Strukturen, stattdessen haben kontinuierlich militante Islamisten die Macht erobert. Will man auf eine groß angelegte Offensive verzichten, sollte man bei den Differenzen zwischen den Islamistengruppen sowie der Al-Shabab selbst ansetzen und die Moderaten unter ihnen in eine nationale Wiederaufbaustrategie einbeziehen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der Attentäter über Detroit war Nigerianer.

Maximilian Felsch hat gesagt…

Sie haben völlig Recht, der Attentäter von Detroit ist Nigerianer und kein Jemenit. Die Verbindung des Attentäters zum Jemen wird hier beschrieben: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/northamerica/usa/6901977/Detroit-terror-attack-There-are-many-more-like-me-bomber-warns.html
Ich habe den Fehler korrigiert, vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.