Donnerstag, 21. Januar 2010

Senegal - Zu den aktuellen Entwicklungen in der Casamance

von Björn Zimprich

Seit einigen Monaten mehren sich die Berichte über Spannungen in der zum Senegal gehörenden Casamance. Der letzte Höhepunkt im Konflikt zwischen der senegalesischen Staatsmacht und lokalen Rebellen wurde im Oktober 2009 erreicht, als bei Anschlägen und Gefechten mehrere Soldaten ums Leben kamen. Seit dem herrscht wieder der Ausnahmezustand im Südsenegal und in den Nachbarländern wächst die Sorge, selbst in Mitleidenschaft gezogen zu werden.


Der Beginn des bewaffneten Konflikts um die Casamance liegt bald schon 30 Jahre zurück. Im Dezember 1982 wurde die Führung der "Bewegung der demokratischen Kräfte der Casamance" (MFDC) nach einem Protestmarsch verhaftend. Teile der Gruppierung gingen darauf hin zum bewaffneten Kampf gegen die Regierung in Dakar über.

Hauptvorwurf der Rebellen war damals wie heute, dass die Zentralregierung den südlichen Landesteil vernachlässige. Dieser ist ohnehin stark von der Entwicklung des restlichen Landes abgeschnitten. Die koloniale Grenzziehung zwischen England und Frankreich führte dazu, dass der Senegal durch die britische Kolonie Gambia faktisch in zwei Teile geteilt wurde und nur im Osten des Landes eine Landverbindung zwischen allen Regionen besteht. Als wichtigste innersenegalesische Verkehrsverbindungen zwischen der Casamance und Dakar fungieren deshalb der Flugverkehr und der Seeweg. Die Casamance ist so verkehrsinfrastrukturell benachteiligt und der Zugang zum wirtschaftlichen Zentrum im Norden mit der pulsierenden Hauptstadt Dakar erschwert.

Mangelnde Entwicklung aufgrund der peripheren Lage und geringe Investitionen des Zentralstaats wirken als wichtige Triebkräfte des Konflikts, aber dieser hat auch eine ethnisch-religiöse Dimension. So gibt es in der Casamance eine Bevölkerungsmehrheit der Djola während der Norden und der Regierungsapparat durch Wolof dominiert werden. Der Nordsenegal ist zudem stärker durch den Islam geprägt, wobei es in der Casamance neben einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit auch signifikante Anteile an Christen (ca. 20%, insbesondere Katholiken) und Animisten gibt (ca. 8%). Die Bevölkerung der Casamance fühlt sich schon lange durch die Zentralregierung bevormundetet und befürchtet, nicht ganz unbegründet, eine Dominierung durch den Norden.

Während die grundlegende Konfliktsituation seit Jahren im wesentlichen unverändert ist und weiterhin auf einen fairen Ausgleich wartet, hängen die aktuellen Zusammenstöße wohl indirekt mit der unübersichtlichen Situation in Guinea-Bissau zusammen. Die Rebellen der MFDC finden im südlichen Nachbarland zur Zeit wieder Rückzugsmöglichkeiten nachdem Anfang letzten Jahres der dortige Generalstabschefs sowie der Präsidenten innerhalb kurzer Zeit getötet wurden. Mittlerweile wächst aber auch in Gambia, dem nördlichen Nachbarland der Casamance, die Sorge, dass die Rebellen ihre Aktivitäten auf gambisches Territorium ausdehnen. Als Reaktion wurden die Grenztruppen verstärkt und die Bevölkerung in der Grenzregion durch Behördenvertreter und das nationale Fernsehen dazu aufgerufen, ihre Ausweisdokumente zu erneuern und „subversive Aktivitäten“ zu melden.

Am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wird jedoch die Zivilbevölkerung der Casamance selber. So haben die vereinzelten Zusammenstöße im Herbst letzten Jahres ausgereicht, den Tourismus an der Küste vollständig zum Erliegen zu bringen. Die Hotels sind geschlossen, die traumhaften Strände menschenleer. Problematisch ist dabei, dass nicht nur die europäischen Touristen fernbleiben, sondern sich auch Reisende aus den Nachbarländern abschrecken lassen. Hinzu kommt, dass viele NGOs ihre Aktivitäten in der Region reduziert oder wie die amerikanischen und französischen Entwicklungsakteure vollständig eingestellt haben. Damit sind nur noch wenige Organisationen mit ihren Projekten in der Casamance aktiv, darunter die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und die Konrad Adenauer Stiftung (KAS) mit ihrem Büro in Dakar.

Weniger Einnahmen aus dem Tourismus und die Einstellung von Entwicklungsprojekten infolge der militärischen Zusammenstöße wirken sich negativ auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Casamance aus. Die Aktivität der Rebellen wird so selbst zu einem Entwicklungshemmnis für die Region, obwohl diese vorgeben, die Interessen der Bevölkerung zu verteidigen.

Zur Zeit herrscht in der Casamance offensichtlich eine Pattsituation vor. Die Rebellen konnten sich aufgrund der Situation in Guinea-Bissau reorganisieren, sind aber weit davon entfernt die senegalesischen Sicherheitskräfte ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Diese wiederum können kaum alle Gebiete der zum Teil schwer zugänglichen Casamance kontrollieren, und haben damit keine Chance die MFDC vollständig zu zerschlagen. Übrig bleibt damit letztlich nur eine politische Lösung des Konflikts. Da die beteiligten Akteure seit fast 30 Jahren jedoch noch keine Lösung gefunden haben, ist auch dafür keine übertriebene Hoffnung angesagt.

Björn Zimprich hat im Dezember und Januar Gambia und den Senegal bereist. Er ist Diplom-Geograph und promoviert zur Zeit über transnationale soziale Räume der Libanesen in Westafrika.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mit sehr großem Bedauern lese ich Ihren Beitrag.
Habe 2008 drei Monate in der Casamance verbracht, mein Eindruck aus langer Afrikaerfahrung doch sehr positiv.
Ob es wirklich nur der "Nord-Süd Koflikt" im Lande ist ?
Bei all meinem gesprächen vor Ort im Land kam mir dies nicht zur Kenntnis. Sehr wohl bemerkte ich hier in Wien bei einer größeren Runde ca. 50 Personen nur Senegalesen eine bestimmte agrisivität zwischen den von Ihnen genannten Sprachgruppen.
Die Casamance auch die Kornkammer Senegals benannt, kann sehr wohl ein gleichberechtigter wenn nicht sogar ein aktiver Parter im ethnischen Gleichgewicht des Landes spielen.
Die Frage, wer ist langfistig am Zerstörungsprozess interessiert.

Gerhard Karpiniec
Laxenburg/Österreich

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Gerhard Karpiniec,
Viele Dank für ihr Interesse und ihren Kommentar. Ich stimmen ihren Aussagen im wesentlichen zu. Die Gegenüberstellung von „Nord und Süd“ habe ich im Artikel als Vereinfachung vorgenommen, um insbesondere Lesern die mit der Geographie des Senegals nicht so vertraut sind eine einfachere Orientierung zu bieten.
Mit der Casamance als „Kornkammer Senegals“ sprechen sie einen wichtigen Punkt an. Die Region hätte eigentlich genügend Entwicklungspotentiale in Landwirtschaft (wie Tourismus), welche sicherlich auch der weiteren Entwicklung des restlichen Land zugute kommen könnte.
Die Frage wer am Zerstörungsprozess interessiert ist, finde ich dagegen schwieriger zu beantworten. Leider zeigen bewaffnete Konflikte nach einige Zeit die Tendenz sich zu verstetigen und werden häufig zu einer Art Selbstläufer. Ich denke dies trifft in großem Maße auch auf den Konflikt in der Casamance zu.

Ansonsten haben mir heute einige Touristen berichtet, dass die Hotels in der Casamance zum Teil wieder öffnen. Ich denke wir sollten das als gutes Omen sehen.

Beste Grüße
Ihr Björn Zimprich