Montag, 26. April 2010

„Sohn der Hamas“ - Eine Rezension

Mosab Hassan Yousef ist ein gefragter Mann bei CNN, BBC & Co und gibt auch deutschen Magazinen gerne Interviews. Grund ist sein autobiographisches Buch „Sohn der Hamas“, in dem er seine schier unglaublich klingende Lebensgeschichte erzählt. Und die geht kurzgefasst so:

Mosab wächst als Sohn eines Gründungsmitglieds und ranghohen Führers der Hamas im Westjordanland auf, leidet wie seine Mitmenschen unter der israelischen Besatzung und den regelmäßigen Verhaftungen seines Vaters, wird als Jugendlicher immer radikaler und verspürt mit 18 Jahren den Wunsch, Israelis zu töten. Dafür versucht er stümperhaft an Waffen zu kommen. Er wird aber übers Ohr gehauen und bekommt für sein Geld funktionsunfähiges Material. Dieses verunglückte Waffengeschäft wird ihm zum Verhängnis, denn er bespricht das Problem mit seinem Komplizen am Telefon. So fliegt er auf und wird von Israel verhaftet. Er landet in verschiedenen Gefängnissen und wird von israelischen Soldaten und Gefängniswächtern schwer misshandelt und erniedrigt. Nach einem grausamen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis Moskobiyeh, wo er erstmals Kontakt zum israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Beth erlangt, wird er in das Gefängnislager Megiddo geschafft, wo er mit Hunderten anderen Gefangenen seine Haftstrafe absitzt. Wegen des abscheulichen Umgangs der Hamasleute untereinander überdenkt Mosab seine Haltung. Noch im Gefangenenlager reift sein Entschluss, mit Israel im Kampf gegen den Terrorismus zusammenzuarbeiten. Es beginnt eine spektakuläre Agentenmission zur Zeit der Zweiten Intifada, die darauf ausgerichtet ist, Selbstmordanschläge und andere Gewalttaten gegen Israel zu verhindern, aber zugleich auch ihm nahe stehende Personen, wie seinen Vater, vor der Liquidierung zu schützen. Parallel zu dieser Umorientierung sagt er auch dem Islam ab, wendet sich dem Christentum zu und lässt sich schließlich taufen. Kein Wunder, dass dieser sensationelle Lebenswandel für globales Interesse und Aufmerksamkeit sorgt und einen enormen Erfolg des Buches garantiert.


Der für die deutsche Fassung verwendete Untertitel: „Mein Leben als Terrorist“ ist eine unglückliche Wahl, denn Terrorist war Yousef nicht gewesen. Aber vielleicht hielt der Verlag die englische Originalversion für zu lang und sperrig. Sie lautet: „A Gripping Account of Terror, Betrayal, Political Intrigue, and Unthinkable Choices“ (Ein fesselnder Bericht über Terror, Verrat, politische Intrigen und undenkbare Entscheidungen).

Wer sich nun das Buch besorgte, in der Hoffnung zu verstehen, wie aus einem Hamasmann ein überzeugter israelischen Agent, und aus einem gläubigen Muslim ein frommer Christ wird, der wurde enttäuscht.

Zur Erklärung seines Sinneswandel tauchen nur hin und wieder Sätze wie dieser auf: „Mit der Zeit begann ich meinen Plan, die Israelis umzubringen, infrage zu stellen. Diese Leute waren so freundlich. Ihnen lag ganz deutlich etwas an mir. Warum sollte ich sie umbringen?“. Nur zum Verständnis: Er spricht über die Geheimdienstleute des Shin Beth, die ihn für Spionagetätigkeiten gewinnen wollten. Ein knappes Jahr zuvor misshandelte der Shin Beth ihn noch schwer. Wie einfältig kann ein Mensch sein? Dieser unbegreifliche Sinneswandel bleibt unbegreiflich. Anzeichen eines inneren Konflikts werden nicht deutlich. Und hier liegt die größte Schwäche des Buches.

Unlogisch auch die Argumentation des Autors: Bereits zu Beginn des Buches kritisiert er Israel, weil es nicht begreife, dass die Hamas keine Organisation „mit Hierarchie und Regeln“ sei, sondern „ein Geist, eine Idee“, und diese ließen sich nicht mit Gewalt zerstören, denn wie bei einer Hydra wachse der Kopf nach, wenn man ihn abschlage. Dennoch entscheidet sich Mosab dafür, Israel bei der Liquidierung und Verhaftung von Hamasführern zu helfen, um dann Schlussendlich seine Aktivitäten im Nahen Osten zu beenden und in die USA auszuwandern, mit der Begründung, die Hamas sei eine Idee, die man nicht gewaltsam bekämpfen könne.

Die Botschaft von Jesus Christus „Liebe deine Feinde“ taucht manchmal als Motiv für seine Shin Beth-Aktivitäten auf, allerdings ist seine religiöse Orientierung zum Christentum noch rätselhafter als seine Spionagearbeit. Eine zufällige Bekanntschaft mit einer Bibelgruppe hat bei ihm die neue religiöse Orientierung ausgelöst. Und von da an gilt die nun verhasste Hamas ihm als Verkörperung des Islam schlechthin. In späteren Talkshows wird er den Islam noch viel vernichtender als gewaltsame, brutale Religion diskreditieren, als er es im Buch tut. Dabei schildert er zu Beginn des Buches mit Bewunderung und höchstem Respekt das Wirken seines Großvaters, der ein religiöses Oberhaupt war. Und auch die altruistische Frömmigkeit seines Vaters wird immer wieder betont. Warum also nicht diesen Vorbildern des Islam nacheifern anstatt sich einer dahergelaufenen Bibelgruppe anzuschließen? Weil Mosabs Handeln nicht nachvollziehbar ist, fällt es auch so schwer, sich mit ihm zu identifizieren.

Aber man wird entschädigt mit durchaus interessanten Einblicken in das Alltagsleben einer palästinensischen Familie im besetzten Westjordanland. Einige eingefügte Anekdoten sind auch recht lesenswert. So wenn Mosab beschreibt, wie im August 1990, als sich die Nachricht von Saddam Husseins Einmarsch in Kuwait verbreitete, alle Palästinenser in heller Vorfreude auf ihre Dächer stiegen, um nach den irakischen Raketen Ausschau zu halten, die Israel zerstören würden. Interessant sind auch die Schilderungen über die Gegebenheiten in israelischen Gefängnissen, wo Misshandlungen stattfinden, wo aber auch die jeweiligen palästinensischen Bewegungen unter sich bleiben und sich selbst beaufsichtigen.

Doch wie glaubwürdig sind Mosabs Erzählungen? Sind Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner persönlichen Geschichte geboten? Glaubt man ihm, dann hat er u.a. Marwan Barghoutis Verhaftung ermöglicht (um ihm das Leben zu retten), die Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden als Arafats Eliteeinheit Force 17 entlarvt, die internen (und selbst seinem Vater verborgen gebliebenen) Militärstrukturen sowie die Kommunikationsnetze der Hamas ins Ausland offengelegt, wie auch die Hüter der Finanzen bei der Hamas, und so weiter. Das kling alles recht dick aufgetragen. Mosab gibt schließlich vor, als wichtigster Mann des Shin Beth zahlreiche Terroranschläge verhindert und die Verhaftung namhafter Terroristen eingeleitet zu haben. Der Shin Beth selbst, der nicht sehr erfreut über die Veröffentlichung seiner Aktivitäten sein dürfte, bestätigte diese herausragende Bedeutung ihres Agenten Mosab nicht. Und die Hamas erklärt, dass Mosab nie eine hohe Position in der Partei hatte und auch keinen Zugang zu sensiblen Informationen.

Das Buch weist jedenfalls einige Ungenauigkeiten und Fehler auf, die eher Anlass zur Skepsis geben. So wird die Al-Aqsa-Moschee auf Seite 23 als das „berühmte Bauwerk mit der goldenen Kuppel“ beschrieben, „welche das Stadtbild von Jerusalem in den Augen der meisten Menschen der Welt bestimmt“. Offensichtlich ist hier der benachbarte Felsendom gemeint. Auf Seite 199 wird Marwan Barghouti als „einer der am schwersten zu fassenden Hamasführer“ erwähnt, dabei handelt es sich um einen berühmten Fatah-Veteran, wie zuvor noch ganz richtig erklärt wird. In einer Fußnote wird dem Leser erklärt, dass die PLO nach den „Schwarzen September“ 1970 in den Libanon zog, „der sich immer noch nicht von seinem tödlichen Bürgerkrieg erholt hatte“. Dabei begann der libanesische Bürgerkrieg erst fünf Jahre nach dem Einzug der PLO-Führung, die selbst ein entscheidender Kriegsanlass gewesen ist. Auch die Schilderung des Mossad-Anschlags auf Khaled Mishal 1997 in Amman weicht von der gängigen Erzählung ab. Und im Zusammenhang mit dem Schwarzen September wird der Eindruck erweckt, als decke der Autor brisante Geheimnisse des Nahostkonflikts auf, wenn er von der israelischen Unterstützung für den jordanischen König berichtet. Das lässt sich aber in jedem besseren Geschichtsbuch über den Nahostkonflikt nachlesen.

Kaum zu glauben, dass Mosab mit seinem Hintergrund solche Fehler unterlaufen. Vielleicht sind die historischen Ungenauigkeiten aber auch dem Umstand geschuldet, dass Mosab das Buch nicht allein, sondern mit einem Co-Autoren, dem amerikanischen Journalisten Ron Brackin verfasst hat.

Mit literarischem Talent scheinen beide nicht gesegnet zu sein. Der Schreibstil des Buches ist sehr schlicht, die Zusammenhänge daher zwar leicht für jedermann verständlich, aber teilweise wird es auch sehr kitschig. Hier ein grausiges Beispiel aus Seite 30: „Meine süßen, unschuldigen, hübschen Schwestern beschwerten sich nie, dass ihr Spielzeug verstaubte, weil sie keine Zeit hatten, damit zu spielen. Stattdessen wurden die Küchengeräte ihr neues Spielzeug.“ Schwer erträglich auch die eingeschobenen Spontangedanken über Jesus, die wohl seine christliche Erweckung nachvollziehbar machen sollen. Auf Seite 133 heißt es zum Beispiel in kursiver Schrift: „Wow, dieser Jesus ist wirklich beeindruckend! Alles, was er sagt, ist so schön!“. Und nur eine Seite weiter, ebenfalls kursiv:„Wow! Was für ein weiser Mann dieser Jesus war!“. Damit nicht genug, denn über das halbe Buch verteilt begegnen einem nervige Bibelzitate.

Dabei wirkt er in seiner Rolle als Christ nicht minder besessen als er zuvor als Muslim gewesen ist. Denn wieder ist er der unerschütterlichen Überzeugung, den einzig wahren, den göttlichen Weg zu gehen, den aber nicht all seine Mitmenschen verstehen können. Deshalb nimmt sein Buch einen recht missionarischen Charakter an. Internetseiten bibeltreuer Christen, wie www.jesus.de, feiern ihn dafür.

Denjenigen, die allzu sehr von seinem Wirken und seinem Weg zu Gott beeindruckt sind, versichert Mosab Hassan Yousef aber vorsichtshalber im Nachwort: „Denken Sie nicht, dass ich eine Art ´Supernachfolger` von Jesus bin“, und bittet sie noch: „Betrachten Sie mich bitte nicht als geistigen Übermenschen“.

Na gut.

„Sohn der Hamas. Mein Leben als Terrorist“ ist im SCM Hänssler-Verlag erschienen, umfasst 272 Seiten und kostet 22,95 Euro.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sieht ganz so aus als, ob der Co-Autor das Buch, nach ein paar Gesprächen mit dem Sohn der Hamas, geführt bei Treffen in einem Starbucks Shop, alleine geschrieben hat, und ob der 'Sohn der Hamas' vor lauter Interviews keine Zeit zum Gegenlesen gehabt. Zudem sieht es so aus als ob das Buchprojekt von Christen aus dem Bible-belt finanziert wurde.

Aber wie wäre das Buch ausgefallen, wenn ein Islamwissenschaftler der Co-Autor gewesen wäre? Höchstwahrscheinlich political correct wäre sein christliches Bekenntnis im Text unterdrückt worden und die positiven Seiten des Islams hervorgehoben worden, nur um keinen muslimischen Leser zu beleidigen. Man hätte wahrscheinlich auch die positiven Seiten der Hamas beleuchtet und deren Ziele und Entwicklungsgeschichte. Aber dann wäre der Plot der Lebensstory verloren und die Geschichte stinklangweilig, da zu trocken akademisch, wie die meiste wissenschaftliche Literatur im deutschsprachigen Raum. Nehmt diesen Punkt mit einem Schmunzeln!!

M.A. hat gesagt…

Gute Kritik eines schlechten Buchs. Tatsächlich scheint es so, als sei fast das ganze Buch vom Co-Autor geschrieben worden. Mir ist kein Palästinenser über 14 Jahren bekannt, der den Felsendom für die Aqsa-Moschee hält. Erst Recht niemand, der vorgibt politisch und religiös interessiert zu sein.

Das Problem ist wohl einfach, dass die Unterhaltungsliteratur, wozu ich dieses Buch mal zählen würde, auch nach dem Wirtschaftlichkeitsprinzip arbeitet. Es wird dann eben an der Nachfrage orientiert geschrieben, nicht nach dem Angebot. Das geht dann auf Kosten der Wahrheit

Anonym hat gesagt…

Habe das Buch selbst noch nicht gelesen, aber: Selbst wenn das Buch "co-autorisiert" sein sollte, selbst wenn es bible-belt-finanziert ist, und selbst wenn an verschiedenen Stellen unzulässig frei mit der Wahrheit umgegangen wurde, so bleibt die Biographie dennoch außergewöhnlich. Denn das der Sohn des Führers einer islamistischen Bewegung dem Islam den Rücken kehrt, dürfte nicht allzu oft vorkommen. (Andererseits: Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen wäre ich nicht überrascht, wenn es weitere Fälle gäbe, in denen Söhne oder Töchter hochrangiger Islamisten der Religion des Vaters den Rücken gekehrt haben. Revolte der Jugend gegen die Väter soll es ja nicht nur im westlichen Kulturkreis der Nach-68-Ära geben... Dazu kommt: Auch diese Islamistenführer sind ja nicht alle wirklich koscher, will sagen: Auch da wird öffentlich Wasser gepredigt und privat dann gerne mal Wein getrunken. Und solche Doppelmoral hat ebenfalls schon immer den Aufstand einer idealistischen Jugend provoziert.) Zweitens: Vielleicht hat der Sohn der Hamas ja tatsächlich sein Anti-Terror-Engagement ganz beträchtlich aufgeblasen. Aber das diesbezüglich alle Angaben völlig frei erfunden sind, ist ja wohl ebenfalls unwahrscheinlich, oder? Was bleibt: Der Bericht eines jungen Mannes, der eine Erziehung von Hass und Furcht durchlaufen hat (vgl. entsprechende Kinderprogramme des Hamas-Senders, in denen schon den Kleinsten Hass und Gewalt in die Köpfe und Herzen gesät wird), der genau wusste, wo der Feind steht, und der dann die Seiten wechselt, gegen islamistischen Terror AGIERT (dahinter wird man wohl nicht zurückkönnen) und Christ wird. Keine faszinierende Biographie?

Anonym hat gesagt…

@anonym 22.36

Glauben Sie, man braucht irgendwelche
TV-Sender um Hass und Gewalt beigebracht zu kriegen?
Das erfährt man dort täglich live,
dafür sorgt schon die IOF und das Shin-Bet.

Anonym hat gesagt…

@anonym 09:07

Seitdem es Fernsehen gibt und immer mehr Haushalte TV-Geräte besitzen hat die Gewalt in Palästina zugenommen. Es braucht aber auch andere Mittel, um Gewaltbereitschaft zu erzeugen 1) eine passende Ideologie (Weltanschauung) 2) eine Rechtfertigung für die Gewaltanwendung. Damit kann man auf jede Handlung gewaltsam reagieren, ob Karikaturen, demokratische Volksentscheide, akademische Vorträge oder Sicherheitsmaßnahmen.

Das Abrüsten der Gewalt muss zuerst im Kopf der Gewalttäter beginnen und nicht durch Abbau der Sicherheit der Bevölkerung. Erst wenn die potentiellen Gewaltanwender und ihre Hintermänner, diese Logik verstehen, dann kehrt Ruhe bzw. Frieden im Nahen Osten ein. Es ist schon paradox, dass vor 2000 Jahren gerade jemand aus diesem Landstrich, eine revolutionäre Idee gehabt hat, wie man Frieden unter Menschen realisieren kann. Deshalb macht die Biographie dieses Sohns der Hamas Hoffnung auf Besserung der Lage, allein durch Umdenken. Auch wenn momentan die Chancen, dass diese Botschaft von den Menschen in der Region vernommen wird, nicht sehr hoch ist. Man sollte, aufgrund der geringen Chancen der Verbreitung seiner Einsichten, die Bevölkerung über seine Erkenntnis (Umkehr) informieren. Von verantwortlichen Personen, ob Wissenschaftler oder Friedensaktivisten erwarte ich, dass sie die Erkenntnis in eine Art Botschaft so aufbereiten, dass sie von der breiten Bevölkerung und den Regierenden verstanden wird. Deshalb ist diese Rezension, so gut oder schlecht sie handwerklich geschrieben wurde, kontraproduktiv für den Frieden und Dialog in der Region.

g.c. hat gesagt…

@ Anonym 10:36

Es ist ja alles richtig was du in deinem Kommentar schreibst - bis auf den letzten Satz. Wieso soll die Rezension kontraproduktiv sein? Bei aller Sympathie für Mosab Youssef muss es doch erlaubt sein auf Ungereimtheiten, Fehler und die holprige Erzählweise hinzuweisen, oder etwa nicht?

Anonym hat gesagt…

@anonym 09:07

"Glauben Sie, man braucht irgendwelche TV-Sender um Hass und Gewalt beigebracht zu kriegen?
Das erfährt man dort täglich live, dafür sorgt schon die IOF und das Shin-Bet."

Was wollen Sie denn mit diesem Hinweis sagen? Dass an der narzisstischen totalitären HAMAS-Gewaltideologie und ihrer Früchte allein die Israelis schuld seien? Dass diese widerlichen Kindersendungen, in denen Dreijährige dazu gebracht werden (wurden), vom Selbstmordanschlag ihrer Mutter zu berichten und dabei stolz die Anzahl der getöteten Juden zu nennen, letztlich auf das Schuldkonto der IDF oder des Schin Bet zu verbuchen sind? Dass die palästinensische Seite mithin für ihre Aktionen eigentlich gar nicht selbst verantwortlich ist, sondern in ihren Gewaltausbrüchen einfach nur psychomechanisch alternativlose Reflexe zeigt (und nicht Reaktionen autonomer oder zumindest mündiger, haftbarer Handlungssubjekte)? Dass der (auch innerpalästinensisch ausgeübte) Terror und die Erziehung der Kinder zu Hass und Gewalt also keine authentischen Lebensäußerung der islamisch-palästinensischen Seele darstellen, sondern lediglich die Verlängerung, Weiterreichung oder Externalisierung der von Israel ausgeübten Gewalt? Wollten Sie das sagen? Wer die Palästinenser auf diese Weise, durch die Zuschreibung eines passiven, unentrinnbaren Opferstatus, von Schuld und Verantwortung freispricht, der entmündigt sie gleichzeitig und spricht ihnen implizit genau die Subjektqualitäten ab, die sie einerseits als schuldfähige und mit Schuld belastete aktive Täter ihrer Gewaltakte identifizierbar machen, und die sie andererseits aber auch erst als ernstzunehmende, rational fassbare Gesprächs- und Verhandlungspartner mit Interesse an einer realistischen Lösung des Konflikts mit Israel in den Blick treten lassen. Und um böswillige Missverständnisse und Kritik von vornherein aufzunehmen: Nein, ich bin kein rosaroter Israel-Freund, der alles gut heißt, was sich die israelische Seite in diesem Konflikt leistet - etwa die Dummheit, aus kurzfristigem taktischen politischen Kalkül das Gebiet eines vermutlichen künftigen Palästinenserstaats immer weiter zu "zersiedeln"... Aber das ganz große Fass des Nahost-Konflikts soll hier besser nicht aufgemacht werden... ;-). Es ging mir nur darum zu betonen, dass der reflexhafte Verweis auf Israel nicht dazu taugt, die Palästinenser aus ihrer Verantwortung zu entlassen für die Art und Weise, in der sie auf die Probleme reagieren, mit denen sie zu kämpfen haben. Verweigerung kritischer Selbstreflexion, Leugnung eigener Verantwortung für die Sch..., in die der Karren gefahren wurde, reflexhafter Verweis auf Israel als allein Schuldigen, das können die Palästinenser schon sehr gut alleine, das ist ja Teil des Problems. Da braucht es nicht noch die diskursive Unterstützung aus dem Westen, welche die Unfähigkeit und den Unwillen, den dicken Balken im eigenen, palästinensischen Auge wahrzunehmen, stets aufs Neue mit dem Hinweis auf den - zugegebenermaßen auch nicht gerade schmächtigen - Splitter im Auge Israels rechtfertigt. Zum Schluss: Dass ein junger Mann, der dieses System einer education of hate and fear durchlaufen hat, mit dem entsprechenden "mindset" als Ergebnis, am Ende der Gewalt abschwört und ausbricht aus diesem Teufelskreis des Hasses und, ja, im Zusammenhang dieser grundstürzenden Neuausrichtung seines Lebens Christ wird, bleibt eine extrem spannende und auch mutmachende Erzählung.

MW hat gesagt…

" Weil Mosabs Handeln nicht nachvollziehbar ist, fällt es auch so schwer, sich mit ihm zu identifizieren. "

Ich habe das Buch noch nicht gelesen (gerade bestellt), dennoch erstaunt mich dieser - eigentlich einzig schwerwiegende - Kritikpunkt in Ihrer Besprechung. Nachdem ich nämlich ein ausführliches Interview mit Mosab Yousef in einer Kirche gesehen habe (der erste Teil hier ), ist mir sein Handeln sehr begreifbar geworden. Nicht, weil ich gläubig wäre und mich die gegen Ende verstärkt aufkommenden Halleluja-Einwürfe beeinflusst hätten, sondern weil der Mann in großer Offenheit und Differenziertheit(!) redet - und nicht "von einem Fanatiker zu einem Fanatiker konvertiert", wie es in Ihrer Rezension durchscheint.

Ich kann mir dies momentan nur dadurch erklären, dass er und sein Co-Autor wirklich keine großen Schreiber sind - wie es auch die Zitate vermuten lassen - bin jedoch trotzdem sehr gespannt auf die eigene Lektüre.