Dienstag, 2. Oktober 2012

Abtreibung in Marokko – Ein Schiff wird kommen

In Marokko sind Schwangerschaftsabbrüche wie in fast allen arabischen Staaten nur in Ausnahmefällen rechtlich erlaubt. Nun will eine niederländische Organisation Marokkanerinnen auf einem Schiff Abtreibungen ermöglichen. Schon bevor das Boot überhaupt eingetroffen ist, tobt im Land eine lebhafte Debatte zwischen Bürgerrechtsgruppen, Abtreibungsgegnern und Islamisten.


Die Niederlande sind stolz auf ihre Liberalität. Diese spiegelt sich nicht nur in der Drogenpolitik oder der Legalisierung der Sterbehilfe wider. Auch Schwangerschaftsabbrüche waren in Holland früher erlaubt als in den meisten anderen europäischen Ländern. In den 1980er Jahren kam laut Schätzungen jede zweite Patientin, die ihr Kind abtreiben ließ, aus der Bundesrepublik. Auch heute noch nehmen niederländische Ärzte etwa 14 Prozent der Abbrüche an Ausländerinnen vor.

In der Tradition dieser niederländischen Liberalität steht die Organisation Women on Waves, 1999 von der Ärztin Rebecca Gomperts gegründet. Die Gruppe will Frauen in Staaten helfen, in denen die Gesetze Abtreibungen rechtlich nahezu unmöglich machen. Dafür reisten ihre Aktivistinnen und Aktivisten in den vergangenen Jahren mit Schiffen in mehrere europäische Staaten – nach Irland, Polen, Portugal und Spanien. In den Ländern nahmen sie schwangere Frauen an Bord, fuhren mit ihnen anschließend in internationale Gewässer und nahmen dort Schwangerschaftsabbrüche vor. Ihre Aktionen sorgten für großes Aufsehen – in Portugal verhinderte ein Kriegsschiff, dass die Women on Waves in portugiesische Gewässer einlaufen konnten.

In dieser Woche wollen Gomperts und ihre Mitstreiterinnen erstmals ein arabisches Land ansteuern: Marokko. Die einheimische Bürgerrechtsgruppe „Alternative Bewegung für individuelle Freiheiten“ (MALI) hat Women on Waves in den Maghrebstaat eingeladen. Damit wolle die Organisation „illegalen und gefährlichen Praktiken ein Ende setzen, indem wir Zugang zu legalen, gesundheitlich unbedenklichen Abtreibungsmethoden verschaffen um Leben zu retten.“ Auf dem Schiff von Women on Waves sollen Marokkanerinnen in den ersten 6,5 Schwangerschaftswochen die Möglichkeit haben, mit Hilfe von Medikamenten ihr Kind abzutreiben.

Per Paragraph 453 des Strafgesetzbuchs sind in Marokko, wie in den meisten anderen arabischen Staaten auch, Abtreibungen nur erlaubt, wenn die Schwangerschaft das Leben der Mutter gefährdet. Dennoch treiben laut Schätzungen täglich zwischen 600 und 800 Marokkanerinnen ihr ungeborenes Kind ab. „Es gibt eine große soziale Ungleichheit in Marokko, so wie in vielen Ländern, in denen Abtreibung verboten ist“, sagt Rebecca Gomperts. „Mädchen aus der Oberschicht kennen die Ärzte, die eine sichere Operation durchführen können. Aber jene ohne Geld und Informationen sind gezwungen, sich auf gefährliche Methoden zu verlassen, die von Leuten durchgeführt werden, die nicht ausgebildet sind.“

Vor zwei Jahren haben sich Gynäkologen und andere Experten zur „Marokkanischen Vereinigung für den Kampf gegen geheime Abtreibungen“ (AMLAC) zusammengeschlossen. Auf einem Kongress im Juni dieses Jahres forderte die Gruppe, dass künftig auch Minderjährige, Vergewaltigungs- und Inzestopfer, Frauen über 45 und Frauen mit psychischen Störungen straffrei abtreiben sollten. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf will AMLAC dem marokkanischen Parlament bis Ende 2012 vorlegen. Außerdem forderte die Organisation die Einführung von Sexualerziehung an den Schulen sowie wirksame Maßnahmen zur Empfängnisverhütung.

Nach Angaben von Rebecca Gomperts ist ihr Schiff bereits auf dem Weg nach Nordafrika. Wann es in Marokko ankommt und welchen Hafen es ansteuert, will Women on Waves erst kurzfristig bekannt geben. Im Zielland selbst ist die Aufregung aber schon jetzt groß. Islamistische Gruppen rufen die Regierung auf, alles zu unternehmen, um die Ankunft des Schiffes zu verhindern. Die Aktivisten gefährdeten die Moral des Landes und untergraben die Säulen der Gesellschaft, warnt etwa die Bewegung für Einheit und Reform, die zweigrößte islamistische Organisation des Landes. „Jede Verbindung zu solchen Aktivitäten ist obszön und für keinen Muslim akzeptabel“, teilt ein Sprecher mit. Aisha Fazli, Vizepräsidentin der marokkanischen Gruppe „Für die Verteidigung des Rechts auf Leben“ sieht gleich das ganze Land in Gefahr: „Sie wollen unser geliebtes Marokko in ein Land verwandeln, in dem das Töten der Seele erlaubt wird, was Gott verboten hat.“

Derweil bezeichnen die Aktivisten von MALI schon diese Aufregung und die aufkommende Diskussion über das Tabuthema Abtreibung als Erfolg für ihre Einladung an Women on Waves. Und schon einmal konnten Rebecca Gomperts und ihre Mitstreiterinnen mit einer Aktion die öffentliche Meinung in einem Land beeinflussen. In Polen stieg nach ihrer Ankunft die Zustimmung für eine Liberalisierung der Gesetze für Schwangerschaftsabbrüche laut Umfragen von 44 auf 61 Prozent.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Entschuldigung, aber wenn ich so einen Satz am Anfang eines Artikels lese:

"[...]tobt im Land eine lebhafte Debatte zwischen Bürgerrechtsgruppen, Abtreibungsgegnern und Islamisten."

dann lese ich ihn schon aus Prinzip nicht weiter.

Was ist denn das bitte für eine Gegenüberstellung? Ist jemand, der sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzt etwa kein Bürgerrechtler? Kann ein Islamist kein Bürgerrechtler sein?

C.Sydow hat gesagt…

Mir fällt es schwer Menschen, die vergewaltigten Frauen das Recht auf Abtreibung verbieten wollen, als Bürgerrechtler zu bezeichnen. Gleiches gilt für Islamisten, die Muslimen, die sich trotzdem für eine Liberalisierung der Gesetze aussprechen, absprechen, "wahre Muslime" zu sein.