Freitag, 16. März 2007

Hebron - Olivenbaeume und Stacheldraht

Hier der Bericht eines Freundes, der sich zur Zeit wenige hundert Kilometer weiter suedlich befindet:

Wir werden im Zentrum Hebrons, in Bab al-Zauwie, aus dem Service geworfen und warten einige Minuten auf Muhannad. Wenig spaeter kommt er uns mit einem freundlichen Laecheln entgegen und fuehrt uns durch die geschaeftigen Strassen der Innenstadt. Wir befinden uns in Zone H-1. Die Altstadt Hebrons, das ehemalige Herz der Stadt wie uns immer wieder erklaert wird, sowie die angrenzenden Gebiete bilden unter israelischer Kontrolle die Zone H-2. Der uebrige palaestinensisch bewohnte Staddteil bildet die Zone H-1 und steht de jure unter Kontrolle der palaestinensischen Autonomiebehoerde. Innerhalb der Zone H-2 befinden sich neben noch verbliebenen palaestinensischen Hauesern vier juedische Siedlungen, Tel Rumeida, Beit Hadassa, Avraham Avinu und Beit Romano. Inmitten der 120 000 Einwohner Hebrons, sind 500 juedische Siedler auf die Siedlungen verteilt und stehen unter staendigem Militaerschutz von 4000 Soldaten.

Muhannad fuehrt uns in Richtung Tel Rumeida. Eine kleine Anhoehe hinauf, muessen wir an massiven Strassensperren vorbei auf den Checkpoint zu - eine niedrige laengliche Barracke mit einem kleinen Fenster, aus dem uns ein israelischer Soldat gelangweilt entgegenblickt. Wir zwaengen uns durch die Tuer auf der rechten Seite und werden aufgefordert alle Gegenstaende unseren Hosentaschen zu entnehmen, auf die Ablage vor dem Beobachtungsfenster zu legen und den Metalldetektor zu passieren. Alle Kleinigkeiten, die sich innerhalb der letzten Tage angesammelt haben kommen zum Vorschein und ringen dem Soldaten ein schelmisches Laecheln ab.

Den Berg hinauf, an einem weiteren Militaerposten vorbei, fuehrt uns Muhannad in die Wohnung der Freiwilligen von ISM “International Solidarity Movement“.
Sechs Freiwillige, aus Schweden, England, Tschechien und den USA verbringen hier zur Zeit ihre Tage. Aufgabe der Freiwilligen ist die morgendliche Observierung des Schulweges. Uebergriffe der Siedler auf palaestinensische Kinder und internationale Freiwillige sind keine Seltenheit. Vor einigen Wochen erst wurde einer Freiwilligen direkt am Checkpoint der Wangenknochen gebrochen. Eine Siedlerin hatte mit einer Flasche auf sie eingeschlagen. Ein Arzt der Siedler wurde gerufen, erschien wenig spaeter am Ungluecksort, erkannte die Verletzte als Freiwillige der ISM und verweigerte ihr daraufhin die Behandlung.

Das Haus ist spartanisch eingerichtet. Es ist nicht einfach Moebel und andere dringend benoetigte Mittel durch den Checkpoint zu schaffen. Teppiche liegen in keinem Zimmer. Draussen sind acht Grad, Heizungen sind nicht installiert. Wasser muss gespart werden. Unter den Wasserhaehnen stehen Plastikschuesseln, die das ueberschuessige Wasser auffangen. Drueckt man auf einen roten Knopf neben der Spuele und wartet 20 Minuten, erhaelt man eventuell warmes Wasser. An den Waenden in der Kueche hat sich jemand beim Putzen versucht. Eine dicke Staubschicht konnte um einige Zentimeter verschmiert werden, darunter kommt die hellblaue Wandfarbe zum Vorschein. Die einzige Elektroheizung in der Kueche laueft fast staendig.

Der Wecker klingelt am naechsten Morgen um Sechs. Wir stehen mit den Anderen auf und begleiten sie bei ihrer morgendlichen Arbeit. Auf unserem Weg bergab passiert uns in Schrittempo ein weisser Kombi, ein Siedler lehnt sich aus dem Fenster und fotografiert uns mit einer Digitalkamera. Er haelt vor uns am Checkpoint, wechselt einige Worte mit dem Soldaten und faehrt weiter. Als wir den Checkpoint erreichen mustert uns der Soldat skeptisch und fragt ob wir den Siedler bespuckt haetten, dies habe er ihm gerade berichtet. Wir verneinen und ernten eine Kopfbewegung, die uns auffordert unseren Weg fortzusetzen.

Zwei kritsische Punkte werden von ISM observiert. Die Gabelung zwischen dem Weg zur Siedlung und den palaestinensischen Hauesern, sowie die Treppe vor der Synagoge, die zur Qurtuna Schule hinauffuehrt. Unterhalb der Synagoge befindet sich eine juedische Schule. An dieser Stelle kommt es zur direkten Beruehrung zwischen palaestinensischen- und Siedlerkindern. Dieser Morgen bleibt ruhig.

Nachdem auch die Freiwilligen von EAPPI und CPT ihre Posten verlassen haben und den Kindern direkt in der Schule zur Seite stehen, brechen wir mit Marcus zu einem Rundgang auf. Die Treppe hinauf, an der Schule vorbei, faellt uns ein Graffiti ins Auge. "Gas the Arabs" steht in schwarzer Schrift an eine Eingangstuer geschmiert.

Am Abrahamsbrunnen vorbei, geht es hinauf zu den Olivenbaeumen. Von der Huegelkuppe, inmitten des Olivenhains laesst sich ein traumhafter Blick ueber die Stadt werfen. Unweit neben uns steht ein verfallenes Haus. Marcus erklaert uns, dass dieses Land von Abu Saif gemietet wird. 1998 wurde das Haus von seinen Eigentuemern verlassen und ein Mietvertrag mit Abu Saif ausgearbeitet. Drei Jahre haben die Freiwilligen der ISM von dort aus ihre Arbeit verrichtet, 2001 wurde das Haus von der israelischen Armee besetzt und die ISM vertrieben. Die Siedler haben angefangen das Land zu Nutzen, um es letzendlich fuer sich zu proklamieren.

Der einzige Weg fuer Abu Saif war das Informieren des zustaendigen DCO (District Commission Officer) Seit fuenf Jahren ist das Besitzrecht des Landes nun ungeklaert. Zur Zeit laeuft ein Verfahren vor dem obersten israelischen Gerichtshof. Wenn Siedler auf dem Land gesehen werden, haben die Mitglieder der ISM die Aufgabe dies zur Beweissammlung zu fotografieren. Das Haus verfaellt, in der Ruine stehen einige aufgerissene Sofas und Stuehle, auf dem Boden liegen die Reste von geroesteten Kuerbiskernen, die Ueberreste der jungen Siedler, die dieses Haus fuer sich nutzen wollen.

An einer mit Stacheldraht gesicherten Militaerbasis entlang gehen wir zu dem jetzigen Quartier der ISM. Dies ist das dritte Haus der ISM innerhalb der letzten neun Jahre. Die beiden vorherigen wurden von der Armee besetzt, es ist nur eine Frage der Zeit bis auch dieses besetzt wird. Seit drei Wochen arbeiten sie von hier, die IDF war bereits zweimal zu einer Durchsuchung da.

Um neun Uhr klingelt das Telefon. Wir werden auf die Beobachtungsposten gerufen. Es geht das Geruecht um, das sich 200 Siedler zu einer Spontandemonstration zusammengefunden haben. Wir stehen in der Shuhadastrasse. Eine Geisterstrasse.

Vor einigen Jahren wurden die Laeden alle geschlossen. Ueber den gruenen geschlossenen Eisentueren haengen verbogene, verrostete Schilder, die meisten Laeden sind mit Davidsternen beschmiert. Die Beschriftungen erzaehlen von einem Kaffeehaus, einem Friseur und einigen Boutiquen. Eine Strasse in der das Leben der Stadt pulsierte.

Nun suchen sich die meisten Palaestinenser neue Arbeit und Laeden in Neuhebron. Hinter uns liegt die Altstadt. Auch sie wird zunehmend von den Siedlern besetzt. Ueber den Strassen in der Altstadt sind Drahtnetze gespannt, um die Steine aufzufangen, die von den umliegend wohnenden Siedlern auf die Menschen im Suq geworfen werden. 5000 Laeden wurden aus Sicherheitsgruenden geschlossen. Das Herz der Stadt hat aufgehoert zu schlagen.
Die Demonstration bleibt unter Kontrolle. Zwei Stunden passiert nichts, dann versammeln sich einige Demonstranten in der Synagoge, verbleiben dort eine Stunde und loesen sich wieder auf.

Es ist inzwischen Zwoelf. Die Kinder treten von der Schule ihren Heimweg an. Eine Patrouillentrupp bestehend aus fuenf Soldaten geraet mitten in die Schulkinder hinein. Bunte Schultaschen verschmelzen mit den Tarnfarben der Soldaten. Ein ganz normaler Tag in Tel Rumeida. Als wir wieder ins Quartier kommen, faellt mir ein arabisches Plakat ins Auge, auf dem steht: "Wenn die Oliven von dem Chaos und dem Siedlerkrieg wuessten, wuerden sie ihr Oel als Traenen vergiessen."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was soll das?
Wissen Sie nicht, dass die Juden, die jahrhundertelang in Hebron gewohnt haben, 1927 massakriert wurden. Der Zuzug von Arabern aus anderen Gebieten war doch eine Okkupation!

Anonym hat gesagt…

Ich bezweifle, ob mit ggs Schuldzuweisung viel erreicht werden kann. Wer an welchem Ort jahrhundertelang oder eben nur jahrzehntelang gewohnt hat und daher diese oder jene Rechte beanspruchen darf, darüber wird man endlos lange streiten können.

Sich ein Urteil über das jeweils andere Volk zu machen, indem man die Fanatiker beider Lager vorschiebt, verkompliziert die Diskussion und ist alles andere als hilfreich. Bitte doch etwas mehr Pragmatismus, aber das wird wohl nur ein Wunsch bleiben.

Anonym hat gesagt…

welche schuldzuweisung? der bericht spiegelt lediglich die repressalien mit denen die internationalen organisationen zu kaempfen haben wider...
fanatiker vorschieben? mit keinem wort habe ich die fanatiker repraesentativ fuer die israelische politik hingestellt geschweige denn fuer ein ganzes volk...das die meiste provokation und aggression in dem besetzten gebiet hebrons von den siedlern ausgeht ist nun mal nicht von der hand zu weisen...
der bericht ist lediglich eine schilderung eines tages in hebron, der sich weder ein urteil erlaubt noch dem konflikt auf den grund gehen soll.....

Anonym hat gesagt…

"welche schuldzuweisung? [...] -> dass die meiste provokation und aggression in dem besetzten gebiet hebrons von den siedlern ausgeht ist nun mal nicht von der hand zu weisen..."

ich habe ein vorurteil gegen volontäre auf palästinensischer seite, die vorne rum ach so neutral sein und "bloß schildern" wollen. und dann kommen irgendwann doch die großen wahrheiten raus, die wieder "nicht von der hand zu weisen sind".

die suggestivkraft, mit der der artikel israelis zu siedlerungeheuern stigmatisiert, ist schon beachtlich. das wird dann bestätigt mit der bahnbrechenden erkenntnis, dass man als steinewerfer keine chance gegen 4000 mann militär hat.
da kann man dann eben nur noch nen bus in die luft jagen oder sowas.

Anonym hat gesagt…

Eine höchst eigenartige Ambivalenz, die hier zu Tage tritt, wenn ein vorurteilsbehafteter Kritiker bemängelt, dass ein Freiwilliger einen Einblick in die von ihm gesammelten Eindrücke gibt.

Aber vielleicht bin ich dem Autor des Berichts auch einfach nur auf den Leim gegangen und es handelt sich hier tatsächlich um den perfiden Versuch, antisemitische Anfeindungen, auf der Grundlage von nur scheinbar Erlebtem, zu verbreiten.

Jeder, der auch nur wenig Zeit in Hebron verbracht hat, wird die Atmosphäre in der Stadt als bedrückend empfinden. Vor dem Hintergrund, dass eine große Zahl der Siedler in Hebron im Dunstkreis der "Kach"-bewegung zu verorten ist, ist es eine, wenn auch Ihnen unliebsame Wahrheit, dass es keine pazifistischen Friedensjünger sind, die auf ihr Siedlungsrecht pochen. Einen Eindruck von den Zielen dieser politischen Organisation erhält man unter: www.newkach.org

Im Übrigen wird diese Gruppe von der israelischen Regierung als terroristisch eingestuft und nach meiner Einschätzung von der überwältigenden Mehrheit der Israelis abgelehnt.

Man sollte sich bewusst sein, dass Reiseberichte nicht um jeden Preis polemisieren wollen, aber nunmal von den eigenen Impressionen leben.

Ich konnte auch nach mehrmaligem Lesen keine pauschalisierende Verurteilung aller Israelis entdecken, was aber vielleicht auch nur meiner Naivität geschuldet ist.

Daniel S.

Anonym hat gesagt…

endlich mal eine diskussion ausgebrochen. und leider-wie schnell sich wieder jemand "angepiekt" fühlt bei einem zweifelsfrei tageserlebnisbericht macht schon nachdenklich. besser doch mal die eigene seiten kritisch hinterfragen als nur watchman zu spielen, dass ja keine vermeintlich unkorrekte darstellung rauskommt. leider einige heuchlerische kommentatoren.

Anonym hat gesagt…

mir als eigenartig ambivalenten denker liegt es quer eine schilderung gutzuheißen, die regelmäßig ein palästinensisches gewaltpotential unbeachtet lässt und dort stehenbleibt, wo vermittelnde worte gerade von außenstehenden gefragt wären.

ich habe allzu oft friedliche bekundungen aus dem munde von palästinensern gehört, die sich dann in der sicheren gesellschaft von gleich denkenden in eben jene diskriminierung ummünzt. ich schere in dieser hinsicht gewiss über einen kamm, finde jedoch dass die meinungen, die ich selbst bei besuchen im westjordanland (u.a. deheisha flüchtlingscamp bei betlehem, hebron, ramallah, jericho) gehört habe, sich meist schnell als das eigentliche ziel entlarven, die israelis ins meer zu treiben.
man muss wissen, in welcher gesellschaft man sich befindet, um zu wissen, wen man ungestraft diskriminieren kann.

als ich anfang 2005 für einen tag in hebron war, habe ich die erfahrung machen müssen, für einen siedler gehalten zu werden, anders hätte es wohl nicht steine auf meine bekannte und mich geregnet.
wir haben natürlich auch aufgeschlossene leute getroffen, doch traut man sich meist nicht mehr zu sagen, dass man volontär auf der israelischen seite sei.

und es ist mir im übrigen keine unliebsame wahrheit, dass viele siedler keine friedensaposteln sind, vielmehr halte auch ich die von ihren siegesrufen berauschten siedler (kurz vorm abzug war ich mal in gush katif...) in abgrenzung zu solchen, die ohne besondere ideolgie an jene orte gelangt sind, für ein ziemliches übel. aber eben jene abgrenzung fehlt mir eben.

dass die siedlungen im zentrum städterechtlich zu kiryat arba gehören, einer weiteren siedlung in direkter nachbarschaft zu hebron. und dass dort wie anderswo nicht nur fanatische propagandisten eines groß-israels umherlaufen.
denn so hört sich für mich bisweilen der zwischen den zeilen steckengebliebene tenor des berichtes an.

und keineswegs habe ich bemängelt, dass freiwillige hier einen einblick in ihren alltag gewähren, sondern wenn überhaupt nur mich an meine eigenen erfahrungen erinnert gefühlt. die eben oft anderer prägung waren.

Anonym hat gesagt…

Die Buehne ist ein wenig groesser...

http://news.independent.co.uk/world/fisk/article2371575.ece

Anonym hat gesagt…

der link funktioniert leider nicht...