Dienstag, 20. März 2012

Frühling II in Damaskus – das zweite Jahr eines Aufstandes: Entwicklungen, Berichte, Denkanstöße

Abū Ḥasan (Pseudonym) schickt uns einen neuen Bericht über Meinungen von Syrerinnen und Syrern zur politischen Situation. Der Artikel ist eine Fortsetzung des Beitrags Zitate aus Damaskus – eine Tuchfühlung.

Wir schreiben ein Jahr eines Aufstandes in Syrien. Es ist keine Revolution, da sie nicht von der großen Mehrheit aktiv mitgetragen wird. Zu viele Vorbehalte und Ängste, und vielleicht auch andere Überzeugungen, gibt es. Es begann mit einem Bürgeraufbegehren in einer Provinzstadt (März 2011) und breitete sich dann zu flächendeckenden und großen revolutionären Demonstrationen und Unmutsbekundungen aus (April–Juni 2011, würde ich jetzt mal sagen) und rieb sich dann in einem ermüdenden bewaffneten Kampf auf, der seit etwa zwei/ drei Monaten eine neue Form der bewaffneten Auseinandersetzung angenommen hat. Dabei ist die Frage nach den Mitspielern. Die ist gewiss nicht so einfach, wie es sich die öffentliche Meinung „im Westen“ macht.

Es folgt:

Was kann ich aus eigener Beobachtung sagen?
Was höre ich von anderen?
Die spürbaren Auswirkungen



1. Was kann ich aus eigener Beobachtung sagen?

Ich bin nun das zweite Jahr in Syrien. Ich habe eine steigende Zuspitzung der Lage erlebt. In jedem, nein, in vielen Bereichen. Ab November, wo die Sanktionen begannen zu wirken, hingen große Plakate in den Straßen mit Aufschriften; es gab drei Versionen davon: „Wir essen, was wir anbauen. Alles Gute für unser Land.“ – „Wir trinken, was wir auspressen (an Saft). Alles Gute für unser Land.“ – „Wir bekleiden uns mit dem, was wir weben. Alles Gute für unser Land.“ Ich habe es als eine Einschwörung auf schwerere Zeiten verstanden. Diese Zeiten wirken und zehren auch langsam, vor allem an der Bevölkerung; taʿbān, „müde“, hört man immer wieder, was in vielen Kontexten gebraucht wird: Wirtschaft, die Lage, das System, die Leute...

Seit Januar etwa war mitanzusehen, wie öffentliche Gebäude nach und nach, und langsam, aber sehr stetig und zielgerichtet, verbarrikadiert wurden. Das erste Mal ist es mir in Baramkeh (an einem zentralen Minibusplatz, an der zentralen Präsidenten-Brücke), wo ich letzten Frühling gewohnt hatte, aufgefallen, und zwar an der Ecke, wo das staatliche Berichtserstattungsgebäude der „Sana“-Argentur steht: Betonwände wurden davor gestellt. Dann konnte ich mitansehen (Jan./ Febr.), wir das Verteidigungsministerium am Umayyaden-Platz mit Gräben gesichtert wurden, in die dann Metallpfeiler gesteckt wurden; zusätzlich wurden die „arkān“, so der Name des Hauptquariters, mit erwähnten kniehohen Betonwänden weiträumig ummauert; zudem metallende Panzersperren. Es gibt irre viele Soldaten und Bewachung. Die letzten Tage (jetzt, im März) waren alle 5–10 m weiße Wachhäuschen mit Schießscharten aufgestellt, in der Soldaten das Gebäude sichern. Weiterhin das Innenministerium mit erwähnten Betonwänden. Alle öffentlichen, vor allem militärische und politische, sind mit den Betonleitplanken (= -wänden) – wie sie auf der Autobahn in europäischen südlichen Ländern verwendet werden – ummauert. Bewaffnete überall, na ja, nicht überall in der Stadt, aber an den öffentlichen und wichtigen Gebäuden. Immer mit diesen Maschinenpistolen.

Ich habe mich an den Anblick von öffentlich zur Schau gestellten Waffen, die irgenwo da rumbaumeln, und zwar von Händen von irgendwelchen Männern, die man nicht einordnen kann, ob sie leicht aggressiv werden oder einfach nur so geboren wurden, gewöhnt. Es gibt Männer von denen – meist um die 35 Jahre –, die sehen ganz gepflegt und gut aussehend aus, was dafür spricht, dass diese Gruppe es hauptberuflich macht, weil sie alle vom gleichen Schlag Mensch sind: Für die Sicherheit des Staatsapparates arbeiten (so wie im Libanon alle Soldaten, laut Aussagen einer mitreisenden Frau, gut aussähen). Es stehen an jeder Ecke, wenn es ein öffentliches Gebäude ist (Polizeistation, Ministerium, Kaseren o. ä.), Bewaffnete. Beim Vorbeigehen frage ich mich immer: „Wissen sie eigentlich, so toll und stark sie sich jetzt mit der Waffe in der Hand fühlen mögen, dass sie die ersten sein werden, die als Kugelfutter draufgehen werden und sterben; wissen das deren Frauen?“ Was erklärt man deren Kindern?

Auch sonst habe ich das Gefühl, dass die Sicherheitskräfte ziemlich hibbelig geworden sind, und etwas nervös. Ich werde „ständig“ kontrolliert. Das ist jetzt übertrieben, da es erst dreimal vorgekommen ist. Aber gemessen, an der Anzahl (= der wenigen), die ich zu sensiblen Zeiten außer Haus bin, empfinde ich das als viel. Der Platz vor der Umayyaden-Moschee ist kurz vor, während und nach dem Freitagsgebet überschwemmt von der „Sicherheit“. Freitag vor einer Woche war das besonders auffällig, das war echt überschwemmt. Da ich um diese Zeit auch gerade da vorbeiging, wurde ich auch prompt angehalten und nach meinen Papieren gefragt. Das blöde an der Sache ist, das der Mann angemessenen Alters, um die 40, selbst nur beschränkte Ahnung hatte, was Passpapiere angeht. Da steht er da und schaut sich meine Stempel an (immer diese Stempel!!! Stempel! Stempel! Stempel! Als gäbe es nichts anderes auf dieser Welt anstatt diese Einreise- und Ausreise- und Einreise- und Ausreisestempel, ist da vielleicht irgendwo noch ein israelischer Stempel?!?!? Wär doch toll, dann gibt’s mal action!!), und ich zeige ihm den letzten: „Visumsverlängerung von der Zentralstelle“ - „Visumsverlängerung?“ - „Ja, Visumsverlängerung“ - „Nein, das ist keine Visumsverlängerung.“ - „Doch, das ist eine Visumsverlängerung bis zum xy. April.“ - „Bis zum xy. April? Nein, das ist....“ - „Ja, bis zum xy. April.“ Dann holt er seinen Kollegen dazu, der wirft einen Blick drauf: „Ist ok, der wohnt hier bestimmt irgendwo.“ Und dann kann ich weitergehen. Noch ein Blick in meine Tüte; als ich sagte, da sind Bücher drin: „Bücher?!?!!!!?“ ,Will ich sehen‘, merkte ich an seiner etwas hibbeligen Körpersprache. Als es dann doch nichts Politisches war, sondern nur Michael Nuʿayma und Ghassan Kanafani (Novellenschreiber, 20. Jh.), wurde es ihm ganz schnell wieder langweilig.

Zwei Woche davor hatte ich keine Lust nach meinem Koranleseunterricht am Freitagmorgen noch bis zum Gebet zu bleiben und ging früher aus der Moschee raus. Um genau zu sein, genau dann, als es zum Freitagsgebet rief. Ich streifte da auch noch ganz gemütlich bei dem schönen Wetter durch die Säulenreihen, die Stoas sozusagen, bewunderte wie immer die alten Gemäuer und ließ mir diesen Genuss nicht nehmen, trotz der ganzen Anspannung und diesem Sicherheitsaufzug um mich herum.
Da wurde auch ein Mann gesetzten Alter, um die 50, im Innenhofeingang angehalten und das schien nicht gar zu einfach zu sein. Ich ging zwar an ihm vorbei, also blieb nicht stehen, aber meine Neugierde war doch nicht zu übersehen und auch ziemlich deutlich. Ich schielte da so hin und brauchte Ewigkeiten, meine Botten anzuziehen und zuzuschnüren. Da bemerkte ich auch schon den kahlgeschorenen Typen um die 32 in etwa 4 m Entfernung vor mir vor dem Hauptausgang der Moschee zum Platz, mit seiner schwarzen Stoffturnhose und etwas, was Springerstiefeln glich, grau war die Farbe, der hatte mich ins Visier genommen, egal, ich schnürte weiter meine Schuhe zu und schaute auch noch mal nach hinten in den Vorhof, was da jetzt mit diesem Mann passiert, den die da angehalten hatten, dann lief ich vor diesem Kahlköpfigen einfach vorbei, und sah im Augenwinkel, dass er mich mit einem Kollegen verfolgte.

Na ja, was soll ich machen, als einfach weiterlaufen, die werden sich schon melden. Und das taten sie dann auch, indem er mir seicht und dezent hinterherpfiff (!), nach dem zweiten Mal oder so dreht ich mich dann um, „ja bitte schön, hier ist meine Plastiktüte“, die er dann auch ausgiebig kontrollierte. Außer einem Koran und dem Notizblock und anderem Papierkram war da nichts, aber das blätterte er alles durch; sogar den Koran... ! Also, das habe ich bis heute nicht verstanden, was das sollte; vor allem nachdem er ihn so scheinheilig geküsst und kurz an seine Stirn gehalten hatte (was nicht ging, weil das Baseballkäppie störte). Er wusste mit meinem Pass auch nichts in definitiver Weise anzufangen, bzw. mit D-E-N S-T-E-M-P-E-L-N, und rief quer über den ganzen Platz mit Gesten jemand anderen dazu, die dann auch zu zweit kamen. Jetzt dachte ich, dass wird jetzt kompliziert, und dass die jetzt ewig rumfragen etc. Der kannte sich dann mit dem Pass besser aus, war ja auch alles ok, noch ein paar Fragen, die etwas heikel waren, also, einfach weil ich aufpassen musste, jetzt ganz ruhig und zielstrebig zu antworten: Was machst du hier? Warum gehst du jetzt vor dem Gebet aus der Moschee raus? Bist du zu Besuch hier? „Ich will lieber zu Hause beten, am Freitag...“ (und ein vielsagendes Lächeln dazu von mir) - „Hast du die Moschee besucht?“ Und dann die Glanzantwort, die auf seinem Gesicht kurz einen Glitzern erschienen lassen, und dann war die ganze Sache schon gegessen: „Ich hatte Koranlesungsunterricht.“ - „Ah“ (und das Lächeln bzw. die wohlwollende Aufnahme meiner Antwort), noch etwas Geblättere in diesem magischen Pass und: „Vielen Dank! Entschuldigung für die Belästigung. Reine Sicherheitsmaßnahmen.“ - „Danke.“ - „Danke.“ Und tschüss. Na ja, etwas die Beine haben mir dabei schon geschlottert, weil da ja aus so ’ner Mücke plötzlich ein Elephant werden kann, wenn man da irgendwie falsch sich verhält.

Ja, und die tolle Premiere der Kontrollen war an einem Samstag vor etwa fünf Wochen, morgens um 7:30 Uhr auf den leergefegten Straßen, als es gerade schneite, und ich das Photo von der Zentralbank machte. Der Polizist stand in 10–15 m Entfernung direkt neben mir, als ich photographierte, aber ich hatte ja nichts zu verbergen, deswegen habe ich es einfach gemacht. Also photographierte ich das Gebäude mit dem großen Präsidentenplakat ganz gemütlich und wurde dann prompt zu ihm hinzitiert: Was ich photographiere? Warum? etc. „Bist du Inder oder Pakistani?“, fragte er mich dann nach einer Weile, wohl etwas verwundert über mein Arabisch, - „Ne, ich komme aus x.“ - „Ausweis.“ Na ja, und so ging das dann weiter. Nachdem ich ihm meinen Pass gegeben hatte und er damit nichts anfangen konnte, weil er wohl darin nichts lesen konnte (–Entschuldigung. Diese ganzen Schilderungen klingen leicht arrogant.–!!!), gab er ihn mir zurück, und fragte mich nochmals nach meinem Ausweis. Da gab ich ihm nochmals meinen Pass, aber er fragte: „Hast du keinen Ausweis?“ - „Ne, nur den Pass. Im Ausland gilt nur der Pass, nicht der Personalausweis.“ Den gab er mir dann nochmals zurück. Dann nahm er sein Walky-talky, funkte Nummer 16 an und fragte: „16, 16! Ich habe hier jemand, der komme aus x. Er hat photographiert. Was soll ich machen?“ - „Die Bilder auf der Kamera kontrollieren“, wies ihn Nummer 16 an. Also, zeigte ich ihm meine Bilder. Bei gewissen Bildern wurde es dann langweilig, es reichte und ich durfte gehen. Ich solle aber aufpassen: „Es gibt Menschen, die wollen unser Land zerstören und benutzen die Bilder zum Aufhetzen gegen unser Land. Sie photographieren eine kleine Ansammlung und sagen dann, das sei eine Demonstration. Aber ich weiß, du bist ein ehrenwerter (!) Mann, du willst uns nichts.“ - „Ok, danke. Salamu alaykum.“

Es gibt hier schon ab und zu einen Knall, den man hört. Man darf es Explosion nennen. Das Problem hier in Syrien ist halt nur, dass man nicht weiß, was da vorgeht. So im Schnitt einmal die Woche, gibt es einen großen rumssssss und man wundert sich, was das ist. Das hallt einmal durch die ganz Luft, richtig schön laut, manchmal wackeln die Fensterscheiben. Dann mache ich oder machen wir Nachrichten an, al-Jazeera oder ähnliches, und da kommt nichts, und dann fragt man sich, was das war. Ist jetzt nicht so schrecklich viel vorgekommen, aber um die 4, evtl. auch 5 mal bisher. Vor ca. 3 Wochen war es abends, da hörte ich von weiten Stimmen, eine Versammlung, Demonstration o. ä., Sprechchöre, glaube ich gehört zu haben; das Komische daran war nur, dass es etwa eine halbe Stunde lang ging, was sonst deutlich kürzer ist. Dann ein lautes buccccchhhhhhhhhhhhh, später noch ein paar Schüsse, dann irgendwann hörte es auf. Manchmal auch schwere Gewehrsalven, die nicht von einfachen Maschinenpistolen stammen können. Komisch, komisch. Meine Mitbewohnerin sagte, dass die Schüsse i. d. R. nur in die Luft geschossen würden: „Das erkannt man halt, wenn in die Luft geschossen wird.“

Vorgestern abend – das war verrückt – da gab es plötzlich Geknalle direkt neben unserem Haus, direkt neben unserem Dach. Laut und ganz nah. Ich sprang auf und habe sofort das Zimmerlicht ausgemacht. Irgendwann merkte ich, dass da was nicht stimmt, das leuchtete so am Himmel, und da merkte ich auch schon, dass das nur Feuerwerkszeug war, die da jemand losgefeurt hat... Ich hab sie leider nicht mehr erwischt zu sehen, aber z stand auf der Terrasse und bewunderte sie mit einem Lächeln, eh es auch schon vorbei war. v’s Stimme, die ihre Zimmertür aufgerissen hatte, drang noch von unten zu uns herauf: „Kommt runter!!! Kommt runter!!!!!“ (also: Kommt runter und versteckt euch hier unten vor dem Angriff!), da beschwichtigte sie z: „Ist nur Feuerwerk.“

2. Was höre ich von anderen?

Unter den Mitbewohnern gibt es etwas Knatsch. v hat des öfteren Besuch von Freunden aus Homs. Das finden zwei Jungs hier zu Hause nicht so angemessen, vor allem weil sie gerade Wehrpflichtige seien, mit einem Ausländer zu Hause und Haschisch.

Die Lage in den letzten drei Tagen ist wohl dabei sich zu verändern. Die Frage ist – und das ist die große Frage hier –, was eigentlich passiert. Fakt ist, dass seit einem Jahr, Syrien in Aufruhr ist. Fakt ist, dass es in der Provinz angefangen hat, friedlich, wie man hört. Fakt ist, dass es bald gewaltsam wurde. Von welcher Seite? Das ist eine Frage. Sicherlich von den staatlichen Sicherheitskräften. Nur von ihnen? Das ist eine andere Frage. Fakt ist, dass der syrische Staat, der wohl von Wenigem zurückschreckt, den konfessionellen Bürgerkrieg sowie eine ausländische Verschwörung beschwört. Das ist einfach gesagt und schwer widerlegt.

Ab Sommer letzten Jahres darf man wohl von Auseinandersetzungen mit schweren Waffen reden (was auch immer das genau ist). Seit Dezember ist das eingetreten, was ich letztes Jahr im April bereits schrieb: „Dann gibt es noch dieses Konfessions- und Religionspotenzial, das mobilisiert werden kann, dass immer sehr gut dafür da ist, um Konflikte zu entfachen. Aber vor allem ist es gefährlich, denn es gerät schnell außer Kontrolle und wird zum Selbstläufer! Sollte die Lage nicht noch in dieser Woche unter Kontrolle gebracht werden können und sollte somit die Lage aus den Fugen geraten – so meine Theorie –, so dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, ehe die erste Terror-Bombe in Syrien hochgeht.

Vielleicht wünscht man sich lieber, dass das Regime die Unruhen blutig niederschlägt, um sich dann langsam in Richtung Reformen vorzutasten, ohne sich zu überhasten? Starke Worte, die bitte nun nicht moralisch gewertet werden sollen – einfach ein Versuch, eine kalte Analyse des Geschehens zu liefern. Denn mit Hast kann das System nicht umgehen, das haben wir in den letzten Wochen gesehen. Zudem hat Syrien keine Übung im Sich-Anpassen, stand es doch seit 30 Jahren nicht mehr vor einer solchen Herausforderung.“ Da ist auch die große Frage, ob das eine „Terror-Bombe“ ist bzw. von welcher Seite das Volk und vor allem die einfachen Soldaten, die ja einerseits dort sterben und andererseits täglich mit der Angst leben müssen, evtl. zu sterben, terrorisiert werden. Denn die (fünf?) Anschläge haben sich bisher vor allem an Sicherheitspunkten ereignet. Nach dem ersten Anschlag (23.12.) kamen Zweifel auf, ob das nicht etwa von den Sicherheitsbehörden selbst initiiert wurde. Auch eine alawitische Freundin von mir zweifelte damals etwas daran, ob das wirklich terroristische Gruppen gewesen seien. Beim zweiten Anschlag in Damaskus (6.1.) fuhr sie gerade mit einem Taxi über die Brücke im Stadtviertel Maydan, unter der die Bombe hochgegangen sei. Sie hätten durch die Explosion einen Sprung mit dem Taxi gemacht und sei dabei etwas von dem Sitz aufgehüpft. Der Taxifahrer wurde angewiesen, Gas zu geben und draufloszufahren; sie seien dann von der Brücke heruntergefahren und da – immer nach der Beschreibung der Freundin – wären auch schon Ambulanzen und Polizisten überall gewesen. Sie sagte mir, sie kann es sich ganz schlecht vorstellen, dass diese zweite Explosion nicht vom Regime insziniert worden sei. Um ehrlich zu sein, ohne meinen Versuch, ihre Aussagen abzuschwächen, sagte sie mir: „akīd, sicher! Das war das System! Das war so auffällig. Die standen bereit und waren darauf vorbereitet. Das war offenkundig.“ Zu schnell seien die staatlichen Rettungskräfte vor Ort gewesen.

Diese Erzählungen sind immer so unglaublich, und ich selber mag es auch immer nur schwer glauben, dass und vor allem was mir von mir bekannten Leuten erzählt wird; und das gerade dieser Mensch, der mir gegenübersteht, dies miterlebt haben mag. Es gibt – das ist auch zu bedenken – doch eine gewisse kulturelle Tendenz hier, Dinge zu ver-faḫḫam, eine arabische Wortschöpfung, entspricht etwa „aufblähen, größer machen, als es eigentlich ist“. Deswegen schaue ich natürlich immer auch auf die Person, die es mir erzählt. Und man darf doch evtl. ein paar Prozent der Wahrheit abziehen von dem, was einem erzählt wird. Aber es ist mir nur ganz, ganz schwer zu glauben, dass diese Freundin von mir, mir Unfug erzählt... Also, in etwa muss das so gewesen sein. Oder?

Am 8. März, Feiertag in Syrien aufgrund der 8.-März-Revolution (1963), hörte ich am Mittags-/Abendessentisch eine Bemerkung von einem meiner Mitbewohner (x): „Es lebe die Revolution! Aber nicht die arabische Revolution. Sondern“, führte er ironisch fort, „die 8.-März-Revolution!“ Ich fragte ihn, etwas verwundert, ob ich richtig gehört habe: „Wieso?“ Er war nämlich, wie alle hier im Hause, großer Befürworter der „Revolution“. Er (x) erklärte mir dann, dass er „jetzt gegen die Revolution“ sei. Zu viel Leid, zu viele Leichen habe er gesehen. Sein Vater ist Sinnut, seine Mutter Christin. Er ist wehrdienstpflichtiger (Zwangs-)Offizier. Er hat zusammen mit dem anderen Mitwbewohner y (Alawit) im osteuropäischen Ausland Filmwissenschaft studiert und ist deswegen nun bei der Armee damit beauftragt, die Leichen der getöteten Soldaten zu filmen und zu archivieren. Diese Aufnahmen seien für das Militärarchiv, wurde mir von y erklärt. Somit filmt er (x) jeden Tag ein oder zwei Duzend Leichen. Heute (19.03.) seien es 32 gewesen. Diese würden aus ganz Syrien immer nach Damaskus gebracht, m. E. mit Ausnahme von Homs, das ein eigenes Zentrum hat. Die letzten Tage hörte ich auch von Zahlen im 20er-Bereich. Die selben Zahlen gab Staatspräsident Assad bei seiner Unterredung mit Herrn Todenhöfer an, laut Berichten des letzteren.

Schon seit Monaten geht das so, dass dieser Mitbewohner (x) manchmal etwas aufgewühlt und kaputt nach Hause kommt und auf das System schimpft (früher) oder nun auf die Situation im Allgemeinen; dann manchmal lässt er sich freien Lauf und schüttelt mit dem Kopf, dabei sagend, dass es „hässlich, grässlich“, ist jeden Tag so viele Leichen zu sehen. Um genau zu sein, heute erklärte er mir, dass nicht er filmt, sondern – da er Regisseur ist – „nur“ Anweisungen gibt. Sie filmen, so meinte er heute, meist im Kühlschrank, also im Kühlgebäude, wo wohl die Leichen aufbewahrt werde. Er fragt, sagte er heute, vorher immer, ob es etwas Grässliches anzusehen gäbe, wenn ja, geht er nicht rein, und die anderen gehen rein und filmen, so seine Aussagen. Er ist 30 oder 31 Jahre alt. Sein Wehrdienst endet offiziell wohl in den nächsten Monaten. Vor ca. 3–5 Tage erzählte mir der andere Mitbewohner y, dass x eine Soldatenleiche gefilmt habe, in der noch ein Krummschwert o. ä. im Schädel gesteckt habe. Was ist das? Ist das ein Hinweis darauf, dass wirklich islamistische Gruppierungen gegen die syrische Armee kämpfen? Y meinte, er könne sich ganz schwer vorstellen, dass diese Aktion vom Regime selbst vollstreckt worden sei. Darin sehe er zu viel Hass und Affektivität, als dass dies eine Propagandatat wäre. (Das müsste ja sonst auch im Staatsfernsehen gezeigt werden, oder?). Ich hörte schon mal solche Beschreibungen nebenbei zwischen x und y, ich glaube, das war seit November. Damals ging es um einen jungen Soldaten, der an den Genitalteilen total verstummelt worden sein soll, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich erinnere mich, dass ich meine, ab und zu solche Beschreibungen aufgefangen zu haben, und unglaubliches Kopfschütteln von x, wie man so etwas machen kann. Wichtig – und deswegen schreibe ich das auf – ist doch die Aussage von y, dass so etwas vor allem im Affekt getan wird, und ist so nicht wirklich zu fragen, wer hinter solchen gräuelhaften Taten an Regierungstruppen – wenn sie denn wirklich stattgefunden haben – steht? Und ein Krummsäbel, lass es ein Schwert oder lass es „einfach“ nur eine Machete oder ein großes Messer gewesen sein, im Kopf eines Soldaten?

Y ist Alawit und der festen Überzeugung, dass nicht das System hinter den Bombenanschlägen in Damaskus steckt. Was er zu den ersten beiden sagt, daran erinnere ich mich nicht mehr genau, ich glaube, er meinte, es könnte sein, dass im Dez. und Jan. (23.12., 6.1.) das System dahinter steckte. Bei den restlichen Angriffen weist er diese Vermutung eindeutig ab mit der Begründung: Das System habe es nicht nötig Bomben in die Luft zu jagen, schämt es sich doch nicht einmal auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen. Das sei nicht logisch. Ok, die ersten beiden Male, vielleicht um Angst zu schüren – so er weiter –, aber danach? Er ist inzwischen, wie sein Bruder, der vor 2–3 Wochen für einige Tage hier im Hause zu Besuch war, der Meinung, die Probleme sollten nun erstmal sich beruhigen, also unter Kontrolle gebracht werden, denn: Er geht davon aus, dass islamistische Gruppen in Syrien tätig seien. Ich persönlich möchte daran erinnern, dass al-Zawahiri, Führer von al-Qaʿida, vor ca. einem Monat dazu aufgerufen hatte, „die Brüder in Syrien“ zu unterstützen und sich „gegen das laizistische Regime“ aufzulehnen.

Mitbewohner x (s. o.), Sunnit, hat sich aus diesem Grund seinen Worten nach innerlich von der „Revolution“ (ṯaurah) abgewandt (s. o.), da er sagt: Die Bewaffneten jetzt, die sich Kämpfe mit dem Regime leisten, die seien „alle so...“ – und zeigt dabei die typische Handbewegung mit der rechten Hand, Handfläche nach oben, auf der Höhe der Brust, was einen langen Bart beschreiben soll, also radikale islamistische Gruppen. So, was soll man jetzt mit diesen Hinweisen? Der Druse zu Hause sagte mir soeben beim nachmittaglichen Tee-Trinken: „Es gibt salafistische Gruppen. Aber noch nicht in Syrien. Außerhalb vielleicht, aber nicht in Syrien.“ Das glaube er nicht. Die Ismaelitin zu Hause, Musikabsolventin Bratsche, die daneben saß, hatte dazu nichts Wesentliches gesagt. Ich aus eigener Erfahrung kann nur sagen, dass die Videos, die die „Freie Syrische Armee“ zeigen sollen, die ich in den Nachrichten (al-Arabiyya, al-Jazeera, BBC Arabic) sehe, nun ja, dass darauf die Mehrzahl der Männer (ca. 7 von 10) Bärte hat. Das kann natürlich auch einfach daran liegen, dass sie aufgrund der Untergrundtätigkeit sich lange nicht rasiert haben. Daraus kann man jetzt nichts ableiten, da ich nur mal so nebenbei auf diesen Punkt geachtet habe, ohne dass statistisch zu erfassen. Außerdem tragen ja auch viele auf den Bildern Tücher, um das Gesicht gewickelt.

Man sollte sich nur mal fragen: Zwischen wem eigentlich die Kämpfe? Wenn es nur friedliche Demonstranten wären, dann müsste die Armee Homs nicht vier (!) Wochen schwerstens, oder zumindest schwer, unter Beschuss nehmen. Die „Freie Syrische Armee“? Ist die so stark? Wie läuft das? Haben die bei ihrer Abspaltung auch gleich Waffendepots mitgenommen? Mit Lastwagen? Wie können die sich eigentlich gegen die Armee, die über Nachschub verfügt, – immerhin vier Wochen – halten, wenn letztere schwere Waffen, also nicht nur Maschinenpistolen oder -gewere einsetzt? So eine Abspaltung müsste auch dann auch logistisch etwas geplant sein, wegen des Nachschubes, oder? Es gibt Aussagen, meist von Regierungsbefürwortern, dass der Widerstand in Homs „jahrelang“ geplant worden sei; mit Tunneln und, und, und... damit spielen sie wohl auf im Untergrund Arbeitende an, evtl. „Terrorgruppen“. Vielleicht ist es aber auch nur einfach die Abwasserinfrastruktur, die als „Tunnel“ dienten – so hörte ich eine andere Version. Fragen über Fragen. Da wird in den Medien einfach immer nur von friedlichen Demonstranten, der syrischen Armee/ Sicherheitskräften und der „Freien Syrischen Armee“ gesprochen. Ist das einfaches westliches Schwarz-Weiß-Denken oder nahöstliche Realität?

Die Familie von x ist vor ca. drei/ vier Wochen aus Homs nach Damaskus gekommen. Sie haben Homs morgens/ vormittags verlassen und haben dann ein paar Tage bei uns gewohnt, ehe sie dann nach ca. einer Woche eine Wohnung woanders in Damaskus gefunden hatten. Die Mietpreise in Damaskus sind sehr teuer geworden. Viele Wohnungen sind belegt. Der Vater erzählte mir, dass es in Homs vor allem psychologisch schwierig gewesen sei, da man nicht außer Haus konnte bzw. nur vormittags und mittags und dann auch nur im eigenen Viertel, dort wo sie einen kennen. Sonst wäre es zu gefährlich gewesen. Sie hätten in einem Zimmer zusammengesessen, das keine Fenster zur Straße gehabt hätte. Sehr wenig Strom, oft abgestellt; was er über Wasser sagte, daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich glaube, auch sehr wenig und abgestellt. Ich lud den Vater einst zum Tee in mein Zimmer ein. Da liefen gerade Nachrichten; die zeigten u. a. auch Verletzte und Tote der Zusammenstöße. Ich bemerkte, dass er nicht auf den Bildschirm schaute. Er schaute weg. Als diese Bilder wieder weg waren, schaute er wieder auf den Bildschirm. Vielleicht auch nur Zufall.

Wie sieht das mit Terrorgruppen aus? Ich habe keine Meinung dazu. Kann ich auch gar nicht. Wie eigentlich die Mehrzahl. Man weiß es nicht, was gespielt wird. Ich möchte nur auf ein paar andere Dimensionen hinweisen, die in den westlichen Medien entweder nicht erwähnt werden oder auf eine subtile Weise ins Ironische gezogen werden. Etwa heißt es auf tagesschau.de: „Terroristen sind für sein [Assad] Regime auch Schüler, die es vor Jahresfrist verhaftete, weil sie Freiheitsparolen an Wände malten.“ Oder sinngemäß: „Terroristen nennt das Regime die friedlichen Demonstranten“. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Regime jemals diese Kinder aus Derʿā im März 2011 als Terroristen bezeichnet hat. Es kann ja sein, dass die Demonstranten vom Regime als Terroristen bezeichnet werden. Doch schließt dies aus, dass es auch andere Menschen in Syrien gibt, die wirklich als Terroristen – was auch immer das heißt – bezeichnet werden können? Einige Artikel auf tagesschau.de zum Beispiel gehen axiomatisch davon aus, dass es in Syrien keine „terroristischen Banden“ – wie sie die syrischen Nachrichten nennen – gibt. Kann ja sein, dass es Lüge des Regimes ist. Aber wir als Leser müssen da den Beweis dafür einfordern! Wie begründen denn die westlichen Medien, dass es keine „terroristischen Banden“ gibt? Woher wissen die das so genau? Den Beweis bleiben sie m. E. schuldig.

Die Grenzen sind alle so offen, Wüstengrenzen zum Irak, nach Jordanien, al-Qaʿida ist als Körperschaft in dieser Region tätig, sei es im Jemen, sei es im Irak; warum sollten sie nicht mal in ein anderes destabilisiertes Land fahren und dort – koordiniert oder unkoordiniert – mitmischen? Also einfach als Frage, aus Sicht von al-Qaʿida o. ä.: Was spricht denn dagegen, in einer Zeit des zunehmenden religiösen Fundamentalismus sich auch auf andere Regionen auszubreiten oder zumindest vereinzelt dort zu agieren, in einem Land, in dem vor 30 Jahren brutal gegen – aus ihrer Sicht – „Glaubensbrüder“ vorgegangen wurde? Jetzt rede ich schon wie das Regime. Aber lösen wir uns doch mal von unserer westlichen Sichtweise des schwarz-weißen Demokraten-Despoten-Denkens.

Das ist der Nahe Osten hier – etwas blöd klingt das –, aber ich denke schon, dass hier etwas andere Gesetze und Voraussetzungen und vor allem Ansichten, vor allem über Lösungsansäze herrschen als bei uns. Während bei uns Dialog und Diplomatie – die manchmal ebenso schmutzig sein kann – großgeschrieben wird, ist hier Austausch und Kommunikation auf gleicher Augenhöhe mit dem Gegenüber eher unbekannt. Das sehe ich im Zusammenleben hier im Haus als auch auf der Straße, und in der Politik ist es ja offenkundig. Mit Religion kann man viel erreichen. Dies ist ein anderes Thema. So auch: Es könnte doch sein, dass in dieser Region des anderen Denkens als bei uns auch schneller einfach zu Waffen gegriffen wird – und erst recht über den Weg von Religion. Also, salafistische Banden gibt es ja – wie der Druse zu Hause richtig sagte –, gemeint ist als Phänomen auf dieser Welt; also warum nicht auch in Syrien, dass gerade dabei ist, sich als Staat aufzulösen? Schauen wir uns doch mal die anderen Regionen an, in denen diese Gruppierungen agieren: Pakistan, Afghanistan, Jemen... Alles Staaten, die nicht sehr funktionstätig als Staat sind. Dieser Aufstand in Syrien geht schon ein Jahr – Zeit genug, sich hier zu formieren und zu positionieren.

Darüber hinaus – so höre ich immer wieder – gibt es auch einfach anarchische Verhältnisse, also gesetzlose Verhältnisse, es scheint doch so zu sein, dass auch von Kriminellen oder Vagabunden das teilweise Chaos und Vakuum für Delikte ausgenutzt wird. Ich hörte, dass an Kontrollposten „nach dem Ausweis getötet wird“, also nach der Religionszugehörigkeit, die zwar nicht im Ausweis steht, jedoch einfach über Namen, Herkunftsort und wohl auch – so habe ich gehört – über die Ausweisnummer herausgefunden werden kann (...52 für Christen oder Alawiten, ...51 für ... keine Ahnung, irgendwie so). Also, schiitische Kontrollposten töten xy, und sunnitische Posten Alawiten etc. Das ist Hören-Sagen, worauf ich ebenso wenig setze, wie ich dagegen spreche. Ich stelle mir vor, dass es vielleicht genau so viele Fälle davon gibt, wie es Fälle dagegen gibt. Eine Freundin erzählte mir, dass teilweise die Staatssicherheit selber auch Kontrollposten aufstellt, getarnt als „Aufständische“, Busse anhält, nach Haltern von Militärausweisen fragt (also nach Soldaten), diese aussteigen lässt, sie fragt, „wer von euch will sich uns [der Freien Syrischen Armee] anschließen?“, und die, die sich freiwillig melden, sich dann als Desarteure entlarvt haben und abgeführt werden. Das hört man. Was weiß man?

Eine alawitische Freundin erzählte mir, dass sie seit Anfang des Aufstandes für etwa ein-zwei Monate gegen dieses Phänomen war. Sie wollte kein Chaos im Land. Das Land lief stetig, wenn auch langsam gut, es gab Freiheiten, die immer mehr ausgebaut wurden, der Präsident beliebt, Wirtschaftswachstum, kurzum: Hofnung! Das wollte sie nicht verlieren, vor allem mit den Beispielen von Tunesien und Ägypten vor Augen. Kein Risiko, es lief doch eigentlich alles, man hatte, was man brauchte und wollte. Sie habe einmal sogar eine der vielen Pro-Regierungsaktionen mitgemacht, und dabei an der Zitadelle in Damaskus auf irgendein Schriftband für Syrien und gegen die Aufständischen geschrieben, oder so ähnlich. Als es gewaltsam wurde, also ab Mai letzten Jahres etwa, wandte sie sich gegen das gewaltsame Vorgehen, also gegen das Regime und sympathisierte sehr mit den Aufständischen; seit etwa zwei Monaten, seit der Jahreswende, weder noch. Sie ist der Nachrichten müde, sie weiß nicht mehr, was sie denken soll. Sie sagt, sie wisse gar nichts mehr, sie sei für Syrien und gegen das Töten. Das ist eigentlich die große Meinung.

In letzter Zeit sagte sie öfters, sie glaube nicht daran, dass das Regime fällt, zu fest sitzt es im Sattel. Die Fernsehsender wie al-Jazeera, al-Arabiyya etc. würden nur über Aktionen der Armee berichten, und wie viele sie getötet haben, etc., aber wenig bzw. nichts über die sog. „Freie Syrische Armee“. Das ist mir auch aufgefallen. Seit der Homs-Offensive hört man selbst bei den ausländischen Sendern fast nichts mehr über die Aufständischen. Heute sagte mein Mitbewohner x (s. o., Sunnit), dass Regime sei taʿbān, „müde“, würde seit den letzten drei Tagen ständig angegriffen werden, auch in Damaskus. Man höre aber nichts darüber, weil es keine Informationsmöglichkeiten gäbe. Klingt logisch. Er weiß davon, weil er derzeit bei der Armee ist. Vielleicht fiele das Regime schon innerhalb des nächsten Monats, so meinte er. Da bin ich eher skeptisch.

Die Lage ist so gefährlich geworden und vor allem undurchsichtig, dass es – glaube ich – schwer fällt, eine eindeutige Position zu beziehen, weil man ja eigentlich gar nicht weiß, was passiert? Man hört die Menschen reden über das, was tags zuvor passiert ist, was man gehört hat, und wird gefragt, ob man etwas gehört hat... Die TV-Nachrichten sind natürlich selektiv – je nach Ausrichtung.

3. Die spürbaren Auswirkungen

taʿbān, „müde“, ist ein vielgebrauchtes Wort, vor allem für die Lage und die Wirtschaft. Die Preise sind – ich möchte nicht sagen „enorm“, aber sehr deutlich – gestiegen, sehr, sehr deutlich. Das wurde von den Einheimiscihen schon seit Mai letzten Jahres gesagt. Damals habe ich nichts gespürt. Seit November fiel es mir erstmals auf, als im Restaurant, wo wir letztes Jahr öfters in der Pause essen gingen der Tagesteller um 50 S£ gestiegen ist, also 300 S£ (3–4 €) kostete. In jener Herbstwoche merkte ich auch, dass auf dem Markt Preise angezogen hatten. Ab Dezember/ Januar spüre ich es auch auf dem Gemüsemarkt und an dem sonstigen täglichen Lebensmittelbedarf. Das ist seit zwei Monaten ganz offensichtlich, Paprika sind auf alle Fälle von ca. 25 oder 35 S£ (damaliger Wert 30–50 € Cent) auf jetzt 0,95 S£ gestiegen (jetztiger Wert 0,95 €), Äpfel ebenfalls etwa das gleiche. Mate, und darüber regen sich die meisten auf, vor allem im Haus und ein Teil meiner Freunde, ist entweder auf dem Markt nicht mehr zu haben – es gab eine Zeit vor ca. 4–6 Wochen, da gab es kein Mate – oder ist inzischen um 300 % von 50 S£ auf 150 S£ gestiegen. Das war sogar schon einmal Thema im Staatsfernsehen, habe ich mitbekommen. Mate ist sind grüne Blätter (wie Tee aussehend), die mit heißen Wasser aufgegossen und dann mit einem metallenen Strohhalm aus dem Glas getrunken werden und ist hier ein üblicher Zeitvertreib: „Was hast du heute gemacht?“ - „šarabt mate“, ich hab’ Mate getrunken.

Der Wert der syrischen Lyra lag seit meiner ersten Reise in Syrien immer im 60er Bereich, die letzten Jahre um 64–68  S£ = 1 €. Im Oktober gab es dann schon um die 72 S£ für einen Euro. Das sank dann zwischenzeitlich etwas. Im November (s. o., Preissprung im Restaurant) machte die Lyra innerhalb von Mittwoch zu Donnerstag einen Sprung von 68 auf 85 Lyra = 1 €. Es war der Tag, an dem die Europäische und Amerikanische Zentralbanken Geld in den Markt gepumpt hatten. Hat das etwas damit zu tun? Im Nov./ Dez. blieb der Euro-Wert meist um die 85, im Dez. oder Jan. kletterte er dann auf um die 91 S£. Im Februar etwa dann 95 S£, seit gut 10 Tagen ist er auf 101,1 S£. Er war wohl mal kurz auf 116 S£, das ist dann aber, glaube ich, Spekulation und man muss das genau abpassen und wahrscheinlich auch den richtigen Händler finden. Ich habe bis November etwa immer in der Wechselstube gewechselt, seitdem auf dem Schwarzmarkt bei einem befreundeten Goldhändler, bei dem es ungefährlich sei. Aber inzwischen hat er niedrigere Werte als in der Wechselstube. Habe ich auch nicht verstanden, warum. Ich blicke das alles nicht, und das ist mir inzwischen auch egal, wieviel ich dafür kriege; das ist mir zu anstrengend, da jetzt rumzusuchen. Ich wechsele wöchentlich, da macht man wohl nicht viel falsch.

Das klingt jetzt viel Geld, was ich da mit meinem Euro gewinne, aber die Preise sind gut mitangezogen. Von daher weiß ich nicht, wo der reelle Gewinn liegt. Gewiss ist, dass die Syrer leiden. Und dem verleihen sie im Gespräch auch Ausdruck, aber was sollen sie sonst auch machen? Man muss es ja mal aussprechen. Deren Gehälter steigen ja nicht. Ich erlebe hier Inflation live und in eigener Erfahrung.

Das Leben auf den Straßen ist in etwa gleich. Da ist in den letzten Monaten seit Oktober nicht viel verändert. Dort, wo ich wohne, ist es voll mit Händlern. Deswegen ist dort immer geschäftiges Treiben. Mein Fußweg zur Präsidenten-Brücke (s. o.) führt auch am Gericht vorbei und einer der großen Straßen. Dort ist also auch immer Treiben. An der Brücke auch. Im Allgemeinen ist keine große Veränderung zu sehen – das Treiben geht weiter. Man sieht jedoch – auch im Marktkomplex, von Hamidiyye bis Medhat-Pascha – ab und zu Läden mit heruntergelassenen Rolläden, ständig heruntergelassen. An der Geraden Straße Richtung Bāb Šarqī ist es dann sehr auffällig. Abends ist auch wieder Leben auf den Straßen, gemäßigt, sehr gemäßigt, aber meines Empfindens nach nicht so wie im März und April letzten Jahres, zu Beginn „der Situation“. Im Mai letzten Jahres fing es ja bereits an, wieder lebendiger zu werden. Jetzt ist abends nicht viel los auf den Straßen, aber es ist auch nicht ausgestorben. Die Menschen haben sich daran gewöhnt. Man gewöhnt sich an den Ausnahmezustand. Das Töten, die Zahlen, die Schüsse, die Explosionen, man gewöhnt sich dran, denn es ist keine unmittelbare Bedrohung. Ein Lehrer von uns letztes Jahr sagte mir: „Wir haben uns daran gewöhnt.“ Gemeint war „die Situation“. Man hörte viele Ambulanz-Sirenen, ständig, den ganzen Tag über, immer mal wieder. Das ist öfters als ich es von früher kannte. Syrer sind darauf sehr sensibel. Wenn wir zusammensitzen und man hört Sirenen von vorbeifahrenden Krankenwagen, kommt schon ab und zu ein besorgnisvoller Blick oder eine solche Bemerkung. Y meinte, als wir einst alle zusammensaßen: „Man sagt, das sei evtl. auch eine Anweisung, die Sirenen (ohne Grund) laufen zu lassen – einfach, um eine ständige Grundstimmung der Nervösität und Angst zu schüren.“

Wen man fragt: „Es muss sich etwas ändern.“ Eine große Mehrheit, vielleicht 7 oder 8 von 10 sind gegen das Töten: „Das muss aufhören.“ Die 2/3 anderen der 10 sagen vielleicht, dass die Armee jetzt erstmal richtig aufräumen soll, „säubern“. Ein anderer Lehrer vom letzten Jahr meinte letzte oder vorletzte Woche – wir reden immer über „die Situation“ –, dass alles von außen gesteuert sei; eine Verschwörung. Qatar, Saudi-Arabien, Türkei, USA, Frankreich, Großbritannien, gegen Syrien. Er ist auch recht israelfeindlich und eigentlich ein Musterschüler, was Parteipolitik in Syrien angeht. Ein Satz blieb mir noch in den Ohren: „Nachdem die syrische Armee Homs ḥarrara hat...“, also „befreit“ hat, oh-là-là!, was für ein Ausdruck... Aber alle wollen, dass „die Situation“ aufhört. „Es muss sich etwas ändern.“ Aber wie? Niemand weiß es. Es ist die Hoffnungslosigkeit und die Auswegslosigkeit „der Situation“, die die Menschen am meisten verzweifeln lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie ist in Syrien gestorben.

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