Donnerstag, 20. Juli 2006

Aus Beirut nach Berlin - Ein Offener Brief an die Bundeskanzlerin

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

die Unterzeichner dieses Briefes sind Leiter von in Beirut tätigen deutschen Organisationen sowie private deutsche Staatsangehörige mit langjährigen Erfahrungen im Alltags,- Wirtschafts,- und Politikleben des Landes. Wir wenden uns an Sie unter dem schmerzhaften Eindruck der Aggression, die dieses Land wiederum erleidet und möchten bei Ihnen eine angemessene Reaktion auf dieses Geschehen anmahnen.

Eindeutig verurteilen wir die Entführung israelischer Soldaten und alle gewalttätigen Aktionen von Hezbollah ohne jede staatliche Legitimation. Die militärische Antwort des Nachbarstaates auf die Entführung der Soldaten verletzt jedoch zweifelsfrei die gebotene Verhältnismäßigkeit. Sie dient nicht der Selbstverteidigung nach Art. 51 UN-Charta und widerspricht dem Völkerrecht. Die israelischen Attacken, die praktische Gefangennahme beider Völker -sowohl im Gaza-Streifen wie nun im Libanon- steht auch im Widerspruch zu Prinzipien unserer eigenen Rechtsordnung, die der staatlichen Gewalt Grenzen setzt.

Die Zerstörung der nach dem Bürgerkrieg soeben wieder aufgebauten Infrastruktur des Landes (Flughafen, Elektrizitäswerke, Brücken, Straßen , Wohnhäuser), wirft das Land wirtschaftlich in die 80iger Jahre zurück. Die Blockierung der Häfen macht die Versorgung von 3,6 Millionen Menschen unmöglich. Die anhaltende planvolle Zerstörung aller Verkehrsverbindungen mit Syrien verwandelt das gesamte Land praktisch in ein großes Gefängnis. Wir erleben diese Zerstörung als Zerstörungswut, wenngleich sie kalkuliert sein mag. Und wir fragen Sie: Kann dieser Terror als Selbstverteidigung eines Landes gerechtfertigt bzw. mit der Befreiung von Soldaten begründet werden?

Von dieser Einlassung ist die israelische Regierung inzwischen selbst abgerückt und nimmt nun für sich in Anspruch, für die Einhaltung des UN-Sicherheitsrats Beschlusses 1559 (Entwaffnung der Hezbollah) sorgen zu wollen. Aber auch diese Begründung gestattet nicht das unmenschliche und völkerrechtswidrige Vorgehen Israels. Es versperrt im übrigen jede Aussicht auf Erfolg für die seit Monaten laufenden Bemühungen des Ministerpräsidenten Fouad Siniora, durch inner-libanesischen Dialog zu diesem Ergebnis zu kommen.

Viele unter uns haben vergleichbares Vorgehen der israelischen Regierung bei der Invasion von 1982, die bei Beginn auch mit Art. 51 (Selbstverteidigung) vor der Welt gerechtfertigt wurde, miterlebt. Damals haben die Truppen von Sharon 2.000 (=israelische Quellen) bis 18.000 (=libanes. Quellen) Menschen getötet. Die Verbrechen von Sabra und Chatila unter der Verantwortung der israelischen Truppen sind unvergessen.

Zu der Frage nach Ursache und Wirkung können die Unterzeichner mit vielen Details und eigenen Erfahrungen beitragen: hier kommt jedoch niemand zu dem Schluss, dass der anhaltende Bomben-Terror der Selbstverteidigung Israels dienen könnte.

Wir sind der Überzeugung, dass dieses Land seit 1978 ständigen Demütigungen seitens der israelischen Regierung unterworfen wird, die ein Ende finden müssen. Wir fordern Sie auf, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, sich in den Schmerz des Libanon und die Verzweiflung derjenigen, die diesen Terror miterleben, einzufühlen und die Rechtfertigung der anhaltenden Bombardierungen seitens der übermächtigen Kriegspartei auch öffentlich aufzugeben.

Demütigungen und Hoffnungslosigkeit tragen dazu bei, Extremismus zu fördern. Bisher haben Ihre öffentlichen Erklärungen den betroffenen hilflosen Menschen hier keinerlei Hoffnung gegeben.

Mit freundlichen Grüßen

Uwe Weltzien Dr. Willy Rellecke
Pfarrer EV. Gemeinde Beirut

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich schließe mich dem Offenen Brief an: 37sechsBlog

george hat gesagt…

manueller trackback:

demütigungen und hoffnungslosigkeit tragen dazu bei extremismus zu fördern

Anonym hat gesagt…

"Kann dieser Terror als Selbstverteidigung eines Landes gerechtfertigt bzw. mit der Befreiung von Soldaten begründet werden?"

Ja. Und es ist kein "Terror", sondern Selbsthilfe. Was soll dieses kleine Land denn tun? Den islamischen Terrorismus geschehen lassen? Nicht im Ernst. Israel tut gut daran, die Hisbollah ein für allemal auszuschalten. Die Libanesen sind dazu offensichtlich nicht in der Lage oder nicht willens.

Überhaupt: Was für eine Wortwahl! Folgt man dem Brief, kommt der "Terror" ausschließlich aus Israel. Die Hisbollah beschränkt sich auf "gewalttätige Aktionen". Wer soll euch das denn abkaufen?

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich finde es schrecklich, dass die libanesische Bevölkerung derart leiden muss. Schuld ist aber nicht Israel. Die Hisbollah hat ihnen das eingebrockt. Je eher sie verschwindet, umso besser für den Libanon. Auch wenn man als Europäer in Beirut offensichtlich etwas anderes eingeredet bekommt.

Bernie

Anonym hat gesagt…

Was ist mit der Initiative "save the civilians in lebanon" und deren Webauftritt passiert?

Jedenfalls ist die Seite nicht mehr erreichbar :-o

c. sydow hat gesagt…

eben konnte ich die seite save the civilians in lebanon" wieder aufrufen. wahrscheinlich ist der server des öfteren überlastet.

@bernie: bezüglich der wortwahl gebe ich dir recht. auch ich hätte mir bei der verurteilung der hizbollah eine drastischere wortwahl gewünscht.

Anonym hat gesagt…

Ich finde den offenen Brief ok. Was soll man noch alles sagen? Natürlich kann man keine Menschen entführen aber ein ganzes Land zu zerstören das grenzt für mich an pure Willkür. Ich habe in der angeblichen Hisbollah-Hochburg ein kleines Häuschen von Freunden erhalten vor über 30 Jahren. Jetzt ist dieses wahrscheinlich kaputt. Oft bin ich an der Grenze gestanden früher als Kind und jetzt wieder als es möglich war. Es gab immer Provokationen seitens der israelischen Armee. Hätte die Hisbollah kein Krankenhaus dort gebaut wären viele Menschen gestorben. Ich bin kein Libanese sondern "richtiger" Deutscher und ich verhalte mich und bin auch nicht nazi oder antisemitisch. Für mich wäre eine welt ohne grenzen am schönsten. aber nun habe ich wirklich einen zorn.
immer wird von dem furchtbaren wk ii usw. geredet und das ist über 50jahre her! warum redet man nicht mal klarheit? gerade unter freunden wie es angeblich israel und brd sind sollte ein offenes wort doch möglich sein. aufgrund dieser in der vergangenheit geschlossenen verträge zahlen wir dt. steuerzahler jedes jahr millionen an israel. dieser staat ist fast bankrott aber kann sich die teuersten waffen kaufen und einrichtungen und häuser usw. zerstören welche von wiederum unseren steuergeldern gezahlten entwicklungshilfen und eu- hilfen usw. gebaut wurden. das ist doch ein irrsinn! es hat doch keinen zweck immer auf die vergangenheit zu schauen man muss die zukunft anschauen und da dreht sich bei mir alles: was ist das für eine zukunft wo man ständig angst haben muss dass jemand einmarschiert, libanon, gaza was als nächstes?die armen menschen dort können nicht fliehen, die haben kein geld und jetzt auch kein dach mehr über dem kopf. an wenn muss ich mich wenden in meinem Fall? wer zahlt mir das haus und wer gibt der familie dort jetzt eine bleibe, kostenlos? das interessiert mich und nicht was früher war. das lässt sich nicht mehr ändern aber endlich frieden kann man mit dem "schmusekurs" bestimmt nicht schaffen. bestimmt denkt die bevölkerung in haifa auch lieber voran als zurück.die wollen auch in ruhe leben. die hisbollah ist nur so lange stark solange die menschen sonst keine hoffnungsträger haben.

Anonym hat gesagt…

Ich bin entsetzt, wie brutal und menschenverachtend Israel über ein fast wehrloses Volk mit modernsten Waffen herfällt.
Von "Verteidigungsaktionen" Israels zu sprechen, ist blanker Hohn.
Beschämend ist, dass Frau Merkel diese israelischen Propagandainterpretation nachplappert und sich so zum Komplizen macht.
Deutschland darf nicht länger Verbündeter Israels sein. Vielmehr sind Sanktionen gegen Israel erforderlich.
Man darf doch nicht weiterhin auf der Seite Israels stehen, wenn dieses Land permanent gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte verstößt!

Anonym hat gesagt…

Sorry aber zu behaupten das die hezbollah am terror israels schuld ist, finde ich nicht nur grundsätzlich falsch sondern zeigt auch klar das ihr euch wohl nicht mit der geschichte dieser organisation beschäftigt habt sondern blind der westlichen proganda nachredet. israel übt schon lange terror in seiner eigentlichen bedeutung auf den libanon und den menschen im gaza streifen aus. die hisbolla entstand nachdem israel von 1982 bis 2000 das land besetzt hatte und es war ein verdienst der hisbollah die israelische armee aus dem land zurückzudrängen. die verhältnislosigkeit mit der israel agiert ist so erschreckend das es mir schwer fällt, nachzuvollziehen wie man als moralisch denkender bürger israels politik als selbstverteidigung entschuldigen kann. das hat nix mit verteidigung zu tun sondern ist eine kriegerische handlung die in ihrer durchführung nichtmal unberechtigt als kriegsverbrechen bezeichnet werden muss. leider ist für deutschen politiker schwer bis unmöglich sich israel gegenüber kritisch zu äußern da es sofort als antizyonismus deflamiert wird. man kann nur hoffen das alle menschen auf der welt ihre augen öffnen und verstehen das es nicht um verteidung geht sondern um eine entarabisierung der gesamten region. ein holocaust rechtfertig nicht alles... vor allem keinen weiteren.