Samstag, 10. Mai 2008

Pyrrhussieg für die Opposition?

Laut neuesten Meldungen des Onlineformats der größten libanesischen Tageszeitung "an-Nahar" hat die Opposition ihre wichtigsten unmittelbaren politischen Forderungen nach der gewaltsamen Übernahme Westbeiruts durchdrücken können. Am Nachmittag hatte die Regierung Siniora die formellen Ermittlungskompetenzen bezüglich zweier zentraler Streitpunkte an die Armee übergeben. Demnach wird der zu Beginn der Krise geschasste Sicherheitschef des Beiruter Flughafens Wafiq Shuqair vorläufig wieder eingesetzt, wobei die Vorwürfe seitens der Regierung von der Armee untersucht werden. Des Weiteren übernimmt die Armee die kontroverse Überprüfung des internen Kommunikationsnetzes der Hizb Allah. Gleichzeitig wurde versichert, die Integrität des Widerstands gegen Israel nicht zu gefährden.
Auf den ersten Blick scheint die Strategie der Opposition aufgegangen zu sein. Hizbullah ließ die Muskeln spielen und zeigte, dass es in der Lage ist, große Teile der Hauptstadt binnen kürzester Zeit einnehmen und das öffentliche Leben lahmlegen zu können. Wie bereits berichtet ging mit diesem Schritt jedoch ein immenser Vertrauensverlust bei allen nicht-schiitischen Konfessionen einher. Das gebrochene Versprechen, die Waffen niemals gegen Libanesen zu richten, sowie die mutwillige Zerstörung gemeinnütziger Einrichtungen, wie der Hariri-Foundation, wird auch Nasrallahs persönliche Anziehungskraft nachhaltig trüben. Kurz darauf wurden weite Teile des eroberten Terrains der Kontrolle der Armee unterstellt, wodurch man in einem zweiten Schritt demonstrieren wollte, auch ebenso schnell wieder für Ordnung sorgen zu können.
Eben dieser zweite Teil der Strategie scheint jedoch nicht aufzugehen. Während in Westbeirut, bis auf wenige Zwischenfälle, der Rückzug der Milizen relativ geordnet zu verlaufen scheint, entwickeln die Auseinandersetzungen in anderen Landesteilen eine eigene Dynamik. In drei Regionen geraten die Ereignisse langsam aber sicher außer Kontrolle. Im drusischen Kernland des Chouf-Gebirges stießen Hizbullah-Kämpfer erstmals auf ernsthaften Widerstand und mussten die ersten Verluste in ihren Reihen verzeichnen. In diesem Zusammenhang verbreitete der Hizb Allah-Sender Al-Manar die Nachricht, zweier ihrer Kämpfer seien von Jumblatts PSP entführt und exekutiert worden. Ungeachtet der tatsächliche Umstände reichen in dem aufgehitzten Klima bereits Gerüchte, um weitere Vergeltungsaktionen auf beiden Seiten zu provozieren. Während im Chouf die Frontlinien zwischen drusischer PSP und Hizb Allah entlang konfessioneller Grenzen verlaufen, stehen sich in der Bekaa-Ebene und im Norden andere Akteure gegenüber. Um sich für die erlittenen Demütigungen in Westbeirut zu revanchieren haben Anhänger Saad Hariris Mustaqbal-Bewegung in der sunnitisch dominierten Hafenstadt Tripoli die Initiative ergriffen, zahlreiche Checkpoints errichtet und im Gegenzug Einrichtungen der Oppsition verwüstet. Hauptgegener ist in diesem Fall nicht Hizb Allah, sondern die mit ihr verbündete Syrian Social Nationalist Party (SSNP). Diese heute im politischen Leben wenig einflußreiche Partei hat im Zuge der Eskalation die Möglichkeit genutzt auf sich aufmerksam zu machen. Die überkonfessionelle säkuläre Partei, die allerdings in den letzten Jahrzehntenvorwiegend als Miliz in Erscheinung getreten ist, wird von vielen Libanesen als Handlanger Syriens wahrgenommen. Dementsprechend entsetzt reagierten viele Zivilisten, als während der Besetzung Westbeiruts SSNP-Milizionäre Porträts des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad an Regierungsgebäude platzierten. Speziell im Norden, wo mittlerweise die Hälfte aller zivilen Opfer zu beklagen sind, scheint Hizb Allah relativ wenig Einfluss auf die operierenden SSNP-Verbände zu besitzen. Die Tatsache, dass sie sich in der armen nordlibanesischen Provinz Akkar weiterhin heftige Gefechte mit regierungsnahen Milizen liefern, scheint nahe zu legen, dass die Dynamik der Eskalation sich längst nicht so einfach zurückfahren lässt, wie sich die Hizb Allah es vorher ausgemalt hat.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ulrike Putz redet hingegen von einem Durchmarsch der Hisbollah:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,552765,00.html

Sofern ihre Angaben zutreffend sind, lässt sich (etwas präziser zusammenfassend) wenigstens von einem klaren Punktsieg für die Hisbollah im Machtkampf sprechen.

Wenn es stimmt, dass Walid Jumblat gegenüber dem drusischen Federgewicht Talal Arslan die Waffen strecken musste, sich die Hisbollah zwecks weiterer territorialer Konsolidierung teilweise nicht an die Waffenruhe hält bzw. zumindest gehalten hat und dort, wo die Waffen schweigen, zivile Posten der Hisbollah beinahe buchstäblich neben der Armee stehen, dann spricht das jedenfalls dafür - und dagegen, dass der Hisbollah die Dynamik der militärischen Eskalation entglitten ist.

Der Hisbollah scheint es ziemlich egal zu sein, dass sich der Hass auf sie weiter verstärkt.

Jetzt fehlt nur noch, dass sie der Armee zu sehr auf der Nase herumtanzt und letztere auseinander fliegt, dann gibt es Bürgerkrieg.

Überflüssig zu erwähnen, dass die Hisbollah dafür sowohl materiell als auch mental am besten gerüstet ist. Das wird wahrscheinlich auch Nasrallahs Win-win-Kalkül sein: "Wenn sich die Regierung (besser) erpressen lässt: Gut. Wenn nicht: Auch gut."

Ähnlich wahrscheinlich wie das mit Blick auf Israel 2006: "Wenn Israel die Füße still hält: Gut. Wenn nicht: Auch gut."

Soll keiner sagen, die politisch-gesellschaftliche Regression der schiitischen Revolution würde der Vergangenheit angehören oder hätte sich pragmatisiert.

Gruß

N. Neumann

R. Chatterjee hat gesagt…

1. Weder Spiegel-Online, noch Frau Puzt sollten als primäres Referenzmedium herangezogen werden. Ehrlich gesprochen, kann ich mich an keine einizige wirklich differenzierte und informierte Analyse ihrerseits erinnern.
2. Der momentane Hotspot der Kämpfe ist der Norden im Tripoli. Hizbullah ist hier nicht direkt präsent, wohl aber ihre Verbündeten, die SSNP und die Privatmiliz ulaiman Franjiehs, al-Marada. Mustaqbal wurde in Beirut gedemütigt, sie weiß, dass sie gegen Hizbullah keine Chance hat, wohl aber gegen ihre Allierten. Und diese wiederum haben in den letzten Tagen mehrmals verlauten lassen gewaltsam zurückzuschlagen, sollten sie angegriffen werden. Im Moment kämpft die SSNP vorwiegend in Tripoli, ihren stärksten Rückhalt hat sie jedoch in der Koura-Ebene, und im Libanongebirge. Jeder der Tripoli und Umgebung kennt, weiß, dass die Stadt von den umliegenden Bergen wie auf dem Präsentierteller liegt. Es ist nicht auszuschließen, dass SSNP-Verbände von diesen schon während des Bürgerkriegs genutzten Stellungen aus ihre Miliz-Kollegen in Tripoli unterstützen werden. Im Libanongebirge sitzt die SSNP buchstäblich Haus an Haus neben den Kataeb, z.B. in Bikfaya, auch hier kann die Gewalt leicht überschwappen. Die Dynamik der Eskalation wird durch eintreffende Nachrichten über Greueltaten der Gegenseite angefeuert, die Kraft der Gerüchte schürt Emotionen, die sich kaum durch strategische Manöver oder faule Kompromisse einschüren lassen. Hier geht es nicht mehr um irgendeine ideologische Ausrichtung, sondern um Rache und Vergeltung, nicht zu vernachlässigen ist zudem die lokale Komponente, d.h. der Kampf um Vorherrschaft (und damit Zugang zu Ressourcen)in den umkämpften Gebieten. Was noch schwerer wiegt, sind Zivilisten, die im Zuge von stellvertretender Bestrafung Racheaktionen zum Opfer fallen. Das gil beispielsweise für syrische Gastarbeiter, aber auch für wehrlose Schiiten, z.B. Taxifahrer oder Tagelöhner. Das ist die Logik der Gewalt, und wer denkt, diese beliebig vor-und zurückfahren zu können, ist naiv.

Anonym hat gesagt…

@ r. chatterjee

Weder Spiegel-Online,

Im Allgemeinen sicher nicht. Allerdings kann (losgelöst vom Libanon) Yassin Musharbash mit Blick auf militanten sunnitischen Islamismus zu den am besten informiertesten deutschen Journalisten gezählt werden.

Hervorzuheben ist hierbei, dass er (im Gegesatz zu anderen Vertretern der Zunft, unabhängig vom politischen Bias), wenn er etwas nicht oder nicht genau weiß, auch durchblicken lässt, dass dem so ist.

noch Frau Puzt sollten als primäres Referenzmedium herangezogen werden.

Frau Putz ist nicht mein primäres Referenzmedium. Ich bezog mich auf die Angaben (Tatsachenebene), die sie in ihrem Artikel gemacht hat, nicht auf die wenn in diesem Fall auch relativ nahe liegenden) Schlüsse, die sie daraus zieht.

Abgesehen davon begann ich meine Bemerkungen diesbezüglich mit "sofern" und "wenn".

Dass Jumblat gegenüber Arslan den Rückzug antreten musste, ist jedenfalls von anderer Seite (Agenturmeldung - in englischsprachige arabische Zeitungen habe ich jetzt nicht geguckt) bestätigt worden.

Und ebendies lässt mit hoher Warscheinlichkeit auf eine gute Vorbereitung seitens Arslan bzw. der Hisbollah schließen.

2. Der momentane Hotspot der Kämpfe ist der Norden im Tripoli. Hizbullah ist hier nicht direkt präsent, wohl aber ihre Verbündeten, die SSNP und die Privatmiliz ulaiman Franjiehs, al-Marada. Mustaqbal wurde in Beirut gedemütigt, sie weiß, dass sie gegen Hizbullah keine Chance hat, wohl aber gegen ihre Allierten. Und diese wiederum haben in den letzten Tagen mehrmals verlauten lassen gewaltsam zurückzuschlagen, sollten sie angegriffen werden. Im Moment kämpft die SSNP vorwiegend in Tripoli, ihren stärksten Rückhalt hat sie jedoch in der Koura-Ebene, und im Libanongebirge. Jeder der Tripoli und Umgebung kennt, weiß, dass die Stadt von den umliegenden Bergen wie auf dem Präsentierteller liegt. Es ist nicht auszuschließen, dass SSNP-Verbände von diesen schon während des Bürgerkriegs genutzten Stellungen aus ihre Miliz-Kollegen in Tripoli unterstützen werden. Im Libanongebirge sitzt die SSNP buchstäblich Haus an Haus neben den Kataeb, z.B. in Bikfaya, auch hier kann die Gewalt leicht überschwappen.

Das nehme ich dir bis hierhin alles ab.

Die Dynamik der Eskalation wird durch eintreffende Nachrichten über Greueltaten der Gegenseite angefeuert, die Kraft der Gerüchte schürt Emotionen, die sich kaum durch strategische Manöver oder faule Kompromisse einschüren lassen. Hier geht es nicht mehr um irgendeine ideologische Ausrichtung, sondern um Rache und Vergeltung, nicht zu vernachlässigen ist zudem die lokale Komponente, d.h. der Kampf um Vorherrschaft (und damit Zugang zu Ressourcen)in den umkämpften Gebieten.

Die genannten Aspekte möchte ich nicht völlig wegwischen. Die Geschehnisse der letzten Tage sind allerdings der erneute Beweis dafür, dass die Hisbollah gewaltbereiter und gewaltkompetenter ist als ihre innenpolitischen Gegner.

Was noch schwerer wiegt, sind Zivilisten, die im Zuge von stellvertretender Bestrafung Racheaktionen zum Opfer fallen. Das gil beispielsweise für syrische Gastarbeiter, aber auch für wehrlose Schiiten, z.B. Taxifahrer oder Tagelöhner.

Aus deinem und meinem Blickwinkel. Für uns sind/wären das Opfer. Für Hassan Nasrallah und die Funktionselite der Hisbollah sind/wären es willkommene Märtyrer.

Das ist die Logik der Gewalt, und wer denkt, diese beliebig vor-und zurückfahren zu können, ist naiv.

Das habe ich so nicht gesagt bzw. gemeint, sondern, dass der Verlauf der Gewalt bzw. die Ergebnisse derselben bisher meiner Einschätzung nach so beschaffen sind, wie sich Hassen Nasrallah das vorgestellt hat. Denn der ist Libanese und intelligent genug, um zu wissen, dass sich die Gewalt (die ursächlich selbstfreilich dem Regierungslager zuschreibt) nicht beliebig zurückfahren lässt.

Auf Basis der mir bekannten Tatsachen über den Verlauf der jüngsten Gewalt kann ich nicht anders, als unter kalter strategischer Maßgabe zu dem vorläufigen Schluss zu kommen, dass sich die Hisbollah bisher noch keine blutige Nase geholt hat, noch kein Ereignis bzw. noch keine Entwicklung eingetreten ist, die sie vorher nicht einkalkuliert hat, d.h., ihr nicht in den Kram passt (was ich für die nächste Zeit nicht ausschließen will).

Der Umkehrschluss würde nämlich implizieren, dass Hassan Nasrallah naiv ist. Will sagen: Es ist möglich, dass er sich im Endeffekt verkalkuliert, bisher spricht jedoch einiges dafür, dass in seinem Kalkül alles soweit roger ist.

Die Verluste auf Seiten seines Verbündeten SSNP sind dabei unerheblich.

Anonym hat gesagt…

Der freie Nahost-Korrespodent Karim el-Gawhary kommt zu folgendem Resumee militärischer Fakten:

Auch am fünften Tag der Gefechte hat das von der Schiiten-Miliz Hisbollah angeführte Bündnis die Auseinandersetzungen mit Anhängern der prowestlichen Regierung des Premiers Fuad Siniora weitgehend für sich entschieden.

http://diepresse.com/home/politik/nahost/383138/index.do

„Die Opposition sitzt nun im Fahrersitz. Jetzt stellt sich die Frage, wie sich deren militärische Siege politisch übersetzen lassen“, so die libanesische Politologin Amal Saad Ghorayeb.

Das ist richtig.

Wenn sich die Regierung nicht erpressen lassen sollte, hätten Hisbollah und Co. aber trotzdem (buchstäblich wie sinnbildlich) ihre Stellungen erstmal ausgebaut.

Und ich würde es für naiv halten, wenn dies - so oder so - nicht in ihrem Sinn wäre.

Gruß

N. Neumann

Anonym hat gesagt…

In einem Interview mit Focus-Online hat die Nahostexpertin der Stiftung Politik und Wissenschaft ausgesagt http://www.focus.de/politik/ausland/nahost/libanon-regierung-de-facto-zurueckgetreten_aid_301034.html
(veröffentlicht am Samstag, den 10. Mai 08), dass die libanesische 'Regierung defacto zurückgetreten' ist. Zudem meint sie, dass der massive Druck des Westens die HB zu entwaffnen, einer Einigung bzgl. dieses Themas zwischen Saudi-Arabien und dem Iran im Weg steht. Diese Aussagen finden enttäuschend, gerade weil die SPW die dt. Regierung berät und nicht Sprachrohr der HB sein soll. Von Frau Putz hingegen erwarte ich keine Analysen oder Bewertungen, sondern eine detaillierte Berichterstattung der Ereignisse.

In libanesischen Blogs (z.B. in Beirut Spring)
http://beirutspring.com/blog/2008/05/12/tactical-weakness/
gibt es eine interessante These, dass die Schwäche der Regierung eventuell als ein Teil des Handlungskalküls (Taktische Schwäche) des Regierungslager angesehen werden kann, somit ist das Regierungslager der moralische Gewinner in diesem Konflikt. Ein anderer Blog von JoshuaLandis http://www.joshualandis.com/blog/
zitiert einen Experten Rex Brynen, der auch das Ignorieren der Regierung thematisiert. Offensichtlich hat HB auf die Handlung der Regierung (Zeltstadt-Demonstration vor dem Serail, Rückzug der Minister (aus der Opposition) und nun die Einnahme von Westbeirut) mit anderen Reaktionen gerechnet und bringt sich somit selbst unter Druck, weil die Erfolge ihrer Aktionen ausbleiben und die Zahl der Oppositionsanhänger sich reduziert.

Interessant finde ich einen Aufruf, die westlichen Fluglinien und Politiker anzuschreiben, mit dem Hinweis, dass der Sicherheitschef des Beiruter Flughafens offensichtlich in Verbindung mit HB steht, was nicht im Interesse des Westens sein kann. Ein internationaler Boykott des Flughafens könnte die Abberufung des Sicherheitschefs einleiten und die HB würde dadurch den Anspruch verlieren jemanden aus ihren Reihen für diesen Posten zu nominieren.

C.Sydow hat gesagt…

Ich haben nicht den Eindruck, dass Frau Asseburg oder die SWP Sprachrohr der Hizbollah sind. Ich halte ihre Einschätzung einfach für realistisch. So lange "der Westen" auf der schnellstmöglichen Entwaffnung der Hizbollah beharrt, wird es schwer zu einer Stabilisierung des Libanon vor dem Hintergrund einer Einigung der regionalen Akteure (Syrien, Iran, Saudi-Arabien) zu kommen.

Zum Boykott des Flughafens: Ich denke der Hizbollah ist es herzlich egal, ob Fluglinien oder Reisende den Airport Beirut boykottieren. Eine Abberufung des Sicherheitschefs ist derzeit offensichtlich nicht durchsetzbar, egal unter welchem Druck.

Anonym hat gesagt…

In einem Interview mit Focus-Online hat die Nahostexpertin der Stiftung Politik und Wissenschaft ausgesagt http://www.focus.de/politik/ausland/nahost/libanon-regierung-de-facto-zurueckgetreten_aid_301034.html
(veröffentlicht am Samstag, den 10. Mai 08), dass die libanesische 'Regierung defacto zurückgetreten' ist.


Wenn, dann ist die Regierung de facto zurückgetreten worden.

Zudem meint sie, dass der massive Druck des Westens die HB zu entwaffnen, einer Einigung bzgl. dieses Themas zwischen Saudi-Arabien und dem Iran im Weg steht.

Damit insinuiert Muriel Asseburg, dass libanesische Akteure dies eigentlich nicht wollen.

Diese Aussagen finden enttäuschend, gerade weil die SPW die dt. Regierung berät

Die SWP ist der Think Tank des Bundesaußenministriums. Doch längst nicht jeder SWPler berät de facto die Bundesregierung oder war für eine Bundesregierung als Berater tätig (wie z.B. Guido Steinberg).

Abgesehen davon kann ich sagen, dass Seminare, die Muriel Asseburg an der FU-Berlin gegeben hat (ob sie momentan welche macht, weiß ich nicht), auch unter linken StudentInnen nicht positiv bewertet wurden.

Interessant finde ich einen Aufruf, die westlichen Fluglinien und Politiker anzuschreiben, mit dem Hinweis, dass der Sicherheitschef des Beiruter Flughafens offensichtlich in Verbindung mit HB steht, was nicht im Interesse des Westens sein kann.

Wer ist denn auf diese Unsinnsidee gekommen?

Ein Boykott des Flughafens Beirut ginge in erster Linie weiter zu ökonomischen Lasten des Regierungslagers.

Die Politik der Hisbollah in den letzten beiden Jahren hatte nicht zuletzt die Folge, dass der gesamte Libanon auch ökonomisch wieder in einen Abwärtstrudel geriet, was sie billigend in Kauf genommen hat, weil es weniger zu ihren strategischen Lasten war und ist.

Ein internationaler Boykott des Flughafens könnte die Abberufung des Sicherheitschefs einleiten und die HB würde dadurch den Anspruch verlieren jemanden aus ihren Reihen für diesen Posten zu nominieren.

Die Hisbollah würde sich - zu recht - kaputtlachen. Und sie würde darauf hinweisen (wie es Asseburg indirekt tut), dass die Regierung ein Instrument des Westen sei.

Gruß

N. Neumann

Anonym hat gesagt…

Ich haben nicht den Eindruck, dass Frau Asseburg oder die SWP Sprachrohr der Hizbollah sind.

Wenn Frau Asseburg a) die Forderung, die Hisbollah zu entwaffnen, sozusagen als originär westliche Idee bzw. westliches Diktat hinstellt und b) Jumblat den Schwarzen Peter für die jüngste Eskalation zuschiebt, dann entspricht das so ziemlich der Position der Hisbollah.

Wobei ich betonen möchte, dass Frau Asseburg nicht die SWP ist.

Gruß

N. Neumann

C.Sydow hat gesagt…

Ich kann nicht erkennen, dass Frau Asseburg die Entwaffnung der Hizbollah als westliches Diktat hinstellt. Sie verweist aber darauf, dass "das massive Drängen" des Westens auf selbige eine Machtteilung im Libanon erschwert.

Jumblat ist erfahren genug, um zu wissen, dass seine Forderungen von der Hizbollah nicht unwidersprochen bleiben konnten. Frau Asseburgs Schlussfolgerungen diesbezüglich erschienen mir durchaus schlüssig.

Anonym hat gesagt…

Es tut nichts zur Sache, ob die FU-Seminare der SWP-Expertin von linken (oder von mir aus auch von rechten) Studenten nicht positiv bewertet wurden, allein ihre Aussagen in dem Focus-Artikel sind problematisch, weil einseitig pro-HB, auch wenn 'nur' dass AA von der SWP beraten wird.
Die Machtteilung zwischen zwei Gruppen wird dann erschwert, wenn einer Gruppe erlaubt wird Waffen zu besitzen, der anderen aber nicht. Oder anders ausgedrückt, jede politische Gruppierung, die das Machtmonopol eines Staates in Frage stellt, erschwert die Rückkehr zu Frieden und Ordnung in einem Land.
Die Sicherheitsgruppen der Future Bewegung, PSP und andere als Milizen zu bezeichnen, ist eine gewagte Überinterpretation.

Die Boykottidee als Schwachsinn zu bewerten finde ich arg voreilig und unreflektiert. Wenn die Ein-und Ausreise erschwert wird, dann wird die Bevölkerung und die Expatriates (darunter sind auch Schiiten) die HB unter Druck setzen, um eine Absetzung des HB-nahen Sicherheitschefs einzuleiten. Güter können auch über den Hafen verfrachtet werden. Wichtig ist es der HB die Druckmittel aus der Hand zu nehmen. Man braucht dazu nicht unbedingt Waffen. Die HB macht es ja umgekehrt auch, zudem ist sie bei der Anwendung von Gewalt nicht zurückhaltend, wie in den letzten Tagen gesehen. Ein Dialog im Libanon, dies haben die Gespräche (zwischen M14 und M8) in den letzten Jahren gezeigt, führen zu keiner Lösung, noch nicht einmal zu einer Teillösung.

Höchstwahrscheinlich endet dieser Konflikt zwischen Regierung und Opposition erst, wenn der ökonomische Showdown beginnt oder wenn eine Seite den Konflikt durch einen militärischen Sieg für sich entscheidet. Letzteres würde eher die HB für sich entscheiden. Hilfreich wäre es, wenn die internationale Gemeinschaft der Regierung eine diplomatische Lösung der Shebaa-Farms-Frage offeriert und (gleichzeitig im Gegenzug) die Regierung zu Antikorruptionsmaßnahmen zwingt, damit würde die Regierung gegenüber der HB gestärkt. Zu überlegen wäre auch die Einrichtung eines zweiten internationalen Flughafen, aber nicht in einem schiitischen Gebiet.

C.Sydow hat gesagt…

@ Kommentar 10

Und ich halte die Bezeichung der bewaffneten Einheiten von Mustaqbal und PSP für einen gewagten Euphemismus, wie nicht zuletzt das Massaker von Halba deutlich belegt.

Nehemn wir einmal an du hast Recht und Frau Asseburg steht einseitig auf Seiten der Hizbollah. Hast du den Eindruck, dass sich dies in irgendeiner Form in der deutschen Außenpolitik niederschlägt?

Wenn durch Antikorruptionsmaßnahmen die Regierung gestärkt würde, warum ergreift sie dann nicht selbst derartige Maßnahmen sondern muss erst von Außen dazu gezwungen werden?

Einen zweiten Internationalen Flughafen in Hauptstadtnähe halte ich angesichts der dichten Bebauung dort und der Hügel, die Beirut umgeben für nicht realisierbar.

Anonym hat gesagt…

Die ,Bewaffneten Einheiten' als Milizen zu bezeichnen ist m.E. gewagter. Ich besitze keine Informationen über die Massaker von Halba (habe gerade gelesen, dass Hariri den TV-Sender Al-Manar kritisiert für die Verbreitung von falschen Informationen bzgl.Halba), aber gegenüber HB kann nun wirklich nicht von einer anderen Miliz gesprochen werden. Vielleicht war es auch ein aufgebrachter Mob (was ich nicht behaupten möchte). Waffen soll es ja in vielen libanesischen Häusern geben. Die Auseinandersetzung bei Aley soll ja auch nicht von Milizen initiiert worden sein.

Die Frage ist typisch muslimisch. Gegenfrage: Was wäre wenn jemand in vergleichbarer Position innerhalb SWP einseitig auf der Seite der Neonazis steht. Würde dies die deutsche Aussenpolitik beeinflussen? Und wie würde dieser Fall behandelt? (mir geht es nicht darum, eine Person mit dieser Einstellung zu verteidigen sondern die Logik und die Konsequenz der Frage zu hinterfragen) Dabei gehe ich aus, dass beide Positionen mindestens äquidistant zur hiesigen demokratischen Verfassung und Politik stehen.

Wenn ein Experte sagt, die Regierung wird zurücktreten und die Regierung tritt innerhalb kurzer Zeit zurück, weil es defacto feststeht okay, dann nenne ich dies eine realistische Einschätzung, wenn aber in einer komplizierten Lage, jemand die Aussage trifft in dieser Funktion (als AA-Berater), dann ist so etwas problematisch, da das Ergebnis mit der Aussage beeinflußt werden kann. Dies ist höchst unprofessionell (und kontraproduktiv) für einen Experten, dessen eigene Regierung auf Seite der libanesischen Regierung steht. Die libanesische Regierung ist m.W. noch im Amt und somit ist auch der Experte verantwortlich für seine Fehleinschätzung und muss allein schon deshalb Konsequenzen ziehen.

Was den Druck auf die Entwaffnung angeht, offensichtlich gibt es unterschiedliche Zeitwahrnehmung zwischen westlichen Politikern und westlichen Nahostexperten, auch wenn die UN-Resolution noch nicht so alt ist wie die HB selbst, gibt es schon seit langem Forderungen die HB zu entwaffnen. Wie lange bitte soll man noch warten? Bis zu den nächsten Parlamentswahlen oder erst wenn ''Israel von der Landkarte verschwunden ist'' (bis Ahmedineschads Ankündigung Israel zu vernichten realisiert ist)?

Zudem scheint die Idee zwischen Iran und Saudi-Arabien das Thema auszuhandeln abwegig, mit der Flucht des Saudischen Botschafters aus dem Libanon und das Fehlen eines saudischen Vertreters in der Delegation der Arabischen Liga, sieht es so aus, als ob Saudi-Arabien sich als Führsprecher bzgl. LBs bzw. der Sunniten zurückzieht.


Der Begriff Hauptstadtnähe ist nicht von mir. Ein Terrain wird sich schon finden im Hinterland. Die Japaner machen es in ihrem dichtbebauten Land vor, wie soetwas geht.

C.Sydow hat gesagt…

Für Informationen zu Halba empfehle ich dir diesen Link: http://darkoysm.wordpress.com/2008/05/11/is-it-lebanon-or-rwanda-details-of-the-halba-massacre/

Von einem aufgebrachten Mob ist da nicht die Rede. Sicher sind die Milizen der Regierung nicht so gut ausgerüstet und trainiert wie die Hizbollah, nichts desto weniger sind sie Milizen, die außerhalb von Polizei und Armee bestimmte Gebiete kontrollieren (etwa die PSP im Chouf) und außerhalb von Armee und Polizei Gewalt anwenden.

Was macht eine Frage "typisch muslimisch"?

Ich habe mir den Focus-Artikel jetzt nochmals durchgelsen und kann weder eine Fehleinschätzung noch einen Voreingemommenheit von Frau Asseburg erkennen.

Die Regierung hatte ihre Kontrolle über das Zentrum der Hauptstadt und weite Teile des Landes verloren, ihre führenden Köpfe standen unter Hausarrest - damit war die Regierung de facto zurückgetreten und wie es aussieht, wird die Regierung nach den Verhandlungen von Doha ein anderes Gesicht haben.

Ein Internationaler Flughafen der nicht halbwegs in der Nähe des Wirtschaftszentrums Beirut liegt, macht in meinen Augen wenig Sinn.

Anonym hat gesagt…

Soll die Webseite eine seriöse Quelle sein? Auf der Hauptseite steht, dass die Information aus dritter Hand kommt.

Angenommen die Information stimmt.
War Halba der Grund der Besetzung Westbeiruts durch die Hisbollah?

Zur Islamische Frage:
Versuch einer Erklärung aber keiner Definition. Eine islamische Frage(stellung) ist ein Teil der islamischen Dialektik und leitet meist einen Diskurs mit einem westlichen Nichtmuslim ein. In der Regel wird meist ein westliches Prinzip, Gesetz oder eine Regel in Frage gestellt. Der westliche Dialogpartner versucht Grundregeln und Auslegung der westlichen Gesetze dem Fragesteller (meist einem muslimischem Erwachsener) zu erläutern. Meist endet der Dialog mit einer Aussage des Fragestellers, wie z.B. 'ich habe den (Gesetzes-)Text gelesen 'verstehe ihn aber nicht so bzw. aanders'. Der nichtmuslimische Dialogpartner bedankt sich dann höflich für den Dialogversuch.

Sogesehen bedanke ich mich auch für die Fragen.

Bzgl. des Flughafens ist es vielleicht doch besser mit einem Experten zu reden oder ist Flugzeugtechnik oder Flughafenbau schon ein Teilfach der Islamwissenschaften?...:)