Freitag, 24. Oktober 2008

Das islamische Finanzsystem als Lösung für die Finanzkrise?

Angesichts der weltweiten Finanzkrise verweisen viele muslimische Wirtschaftswissenschaftler und Islamgelehrte auf die Vorteile des islamischen Finanzwesens, das eine derartige Krise nach ihrer Ansicht  verhindert hätte.

Das islamische Finanzsystem basiert auf dem islamischen Recht, der Sharia. Diese verbietet Spekulationen (Gharar) , also hoch-riskante Geschäfte, sowie die Zinsnahme (Riba). Dadurch werde die Anhäufung von Schuldenbergen durch riskante Leihgeschäfte verhindert, argumentiert etwa Umer Chapra, ein saudischer Wirtschaftswissenschaftler. Finanztransaktionen seien an die Entwicklung der Realwirtschaft gekoppelt. Geld wird nicht als Rohstoff angesehen, der seinen eigenen Wert hat, sondern allein als Tauschobjekt und Mittel zur Bestimmung eines Warenwerts.

Das islamische Finanzsystem sei durch eine starke Regulierung vor Exzessen geschützt, so Chapra weiter: "Das Wirtschaftsgut, das verkauft wird, muss real sein und nicht imaginär oder fiktiv. Der Verkäufer muss die Güter besitzen, die verkauft oder verliehen werden; die Transaktion muss aufrichtig sein mit der Intention eine Ware zu übergeben und anzunehmen. Und die Schulden können nicht verkauft und die mit ihr verbundenen Risiken auf einen Anderen übertragen werden."

Auf Grund dieser Regelungen verweisen die Vertreter islamischer Finanzinstitutionen darauf, dass ihre Einrichtungen nicht von der weltweiten Hypotheken-Krise betroffen sind. Kernvoraussetzung eines islam-konformen Geschäfts sei es nämlich, dass beide Parteien gerecht Risiko und Gewinn teilten.

Imran Iqbal, ein Banker aus Saudi-Arabien, erklärt wie die Subprime-Krise in den USA hätte verhindert werden können. Banken sollte keine Kredite an Hauskäufer vergeben, sondern stattdessen das Haus zusammen mit ihm kaufen. Für den Teil, der der Bank gehöre solle dieser dann eine Miete zahlen. Dabei dürfe die Bank keine Zinsen verlangen also nicht mehr Geld erhalten, als der tatsächliche Wert des Grundstücks beträgt. Dieses Vorgehen ist als Musharaka bekannt, eine Art Joint-Venture zwischen dem Hauskäufer und der Bank.

Trotz des Zinsverbots gibt es jedoch islamische Anleihen, die das Zinsverbot umgehen. Sie werden als Sukuk bezeichnet. Hier erhält der Anleger keinen festen Zinssatz sondern wird praktisch Teilhaber der Bank. Entsprechend seiner Spareinlage beteiligt die Bank den Sparer dann an ihrem Gewinn. Wichtige Voraussetzung aller islamischen Finanzeinrichtungen ist, dass das Geld nur in "moralische Unternehmen" investiert wird, also nicht in die Rüstungs- oder Tabakindustrie oder Brauereien.

Insgesamt ist das islamische Finanzsystem ein riesiger Wachstumsmarkt. Schätzungsweise 700 Milliarden US-Dollar werden beispielsweise in Singapur, Manama oder Dubai gegenwärtig nach islamischen Investitionsregeln verwaltet - Tendenz stark steigend.

Kommentare:

Boche hat gesagt…

Man könnte sich natürlich auch fragen, ob die ökonomische Rückschrittlichkeit der islamischen Welt (Wie war das? Ganz Arabien hat ein kleineres Bruttosozialprodukt als Spanien?) unter anderem auch etwas mit solchen Sachen wie dieser Art Finanzsystem zu tun hat.

C.Sydow hat gesagt…

Ich bin wahrlich kein Wirtschaftsexperte, der seriös sagen könnte ob hier ein Zusammenhang besteht.

Was ich sagen kann ist aber, dass etwa in armen Ländern wie Ägypten oder Jemen ja gar kein islamisches System als solches - so wie es im Beitrag skizziert wurde - existiert.

Gerade Länder in denen jedoch islamische Investmentfonds florieren, wie etwa Bahrain, die Emirate oder in Südostasien Malaysia und Singapur sind ja aber wirtschaftlich durchaus auf der Erfolgsspur.

Anonym hat gesagt…

Naja gut, dass die Glaubenskrieger und Ideologen Krisen ausnutzen um ihre Ansichten zu untermauern ist ja wenig überaschend.
Die Kommunisten erklären ja auch dass sie schon immer wußten, dass es einmal soweit kommen würde....
Und ich bin sicher, dass auch so mancher Evangelikale im Bible Belt der USA von einem gottgefälligeren Wirtschaften träumt.
Also: wenns den gläubigen Muslims so gefällt dann sollens sies eben so machen.
Ich als Ungläubiger möchte aber darauf hinweisen dass es wie so oft nur darum geht die Scharia durch die Hintertüre einzuführen indem man die angeblichen Vorteile derselben anpreist.
Und da lebe ich lieber in einer Welt mit Zinsen und ohne Scharia, dafür aber mit Wein, Weib und Gesang!

C.Sydow hat gesagt…

Passend dazu übrigens ein Zitat von Ezrbischof Reinherd Marx aus einem Interview im neuen SPIEGEL:

"Wilde Spekulation ist Sünde."

Anonym hat gesagt…

Wobei ich mich erinnern kann, dass zumindest der evangelische Vertreter (Bischof Huber) des gottgefälligeren Wirtschaftens letztens bei Anne Will zerknirscht zugeben musste, dass auch die Evangelische Kirche einen Haufen Geld bei Lehman Brothers verloren hat.....
Das Problem dürften doch eher die realen Auswirkungen der Finanzkrise sein oder nicht? Mal abgesehen von ein paar islamischen Fonds ist die arabische Wirtschaft ja schließlich keineswegs autark.

C.Sydow hat gesagt…

Richtig, die Volkswirtschaften der arabischen Staaten sind alles andere als stark. Und obendrein eben auch von der weltweiten Krise betroffen.

Die Börsen brechen überall ein, der Ölpreis fällt, wegen der einsetzenden Rezession in Europa und den USA kommen weniger Touristen und die Entwicklungshilfe wird wahrscheinlich auch zurückgefahren.

Vor diesem Hintergrund wenden sich nun eben wieder einige der islamischen Alternative zu.

Anonym hat gesagt…

Das Problem des westlichen Wirtschaftssystems ist die Gier. Seitdem wir die Weltkugel zum anfassen haben, planen wir auf ihr und haben herausgefunden, das wir Besitzer werden können. Diese Tatsache hat sich verselbstständigt, und nun müssen wir zusehen, dass wir wieder zu ethischen Grundsätzen zurückkehren.