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Mittwoch, 12. Juli 2006

Italien vs Frankreich 6:4 - die verteidigte Ehre des Zinedine Zidane

Große Spiele werden von großen Spielern entschieden, heißt es - der entscheidende Spieler beim WM-Finale 2006 war einer der Größten aller Zeiten, Zinedine Zidane.

Der Reihe nach: Nach einer mäßig aufregenden Schlussfeier mit dem Auftritt der hüftenschwingenden Halb-Libanesin Shakira war die Bühne bereitet für das Finale der Fussball-Weltmeisterschft 2006 im Berliner Olympiastadion. Mit Italien und Frankreich standen sich zwei Mannschaften aus dem erweiterten Favoritenkreis gegenüber, die sich nach eher mäßigen Start im Turnierverlauf steigerten.

Der Großteil der Zuschauer stand auf Seiten der Franzosen, die Italiener hatten sich nach mindestens zwei verschobenen Serie-A-Meisterschaften, dem Ellbogencheck von de Rossi im Spiel gegen die USA, Grossos Schwalbe in der Nachspielzeit gegen Australien und der zwielichtigen Rolle der italienischen Medien bei der Sperre gegen Frings längst unmöglich gemacht. Die Sympathien der deutschen Stadionbesucher lagen eindeutig bei dem Team aus Frankreich und besonders bei ihrem Kapitän und Spiritus Rector Zinedine Zidane, der sein Team quasi im Alleingang ins Berliner Finale geführt und für einige der wenigen spielerischen Höhepunkte bei dieser WM gesorgt hatte.

An dieser Stelle möchte ich übrigens Abbitte leisten. Ich hatte im Bericht zum Halbfinale behauptet, Zidane sei der letzte verbliebene Muslim im Turnier. Das stimmt nicht. Sein Mannschaftskamerad und möglicher Nachfolger als Spielgestalter, Franck Ribery, konvertierte vor einigen Jahren zum Islam. Er ist mit einer gebürtigen Marokkanerin verheiratet und trägt seit seinem Übertritt zum Islam den Namen Bilal. Gegenüber der französischen Sportzeitung "L´Équipe" erkärt Ribery: "Der Islam ist meine Quelle der Kraft auf dem Spielfeld und außerhalb. Ich war bestrebt meinen Frieden zu finden und habe schließlich den Islam gefunden." Mit seiner Konversion zum Islam steht Ribery im französischen Fußball keinesfalls allein da. Auch der nicht im WM-Aufgebot berücksichtigte Nicolas Anelka konvertierte zum Islam, ebenso wie der französische Trainer Philippe Troussier, der am 17.März diesen Jahres in Casablanca offiziell zum Islam übertrat.

Doch nun zurück zum Spiel:Insgesamt mögen vielleicht 15000 Italiener und knapp 20000 Franzosen im Stadion gewesen - der Rest der Besucher kam aus aller Herren Länder. Völlig ungeahnter Popularität scheinen übrigens sich "The White Stripes" in Italien zu erfreuen, denn praktisch jeder Fangesang der Tifosi folgte dem Rhythmus des Gitarrenmotivs aus "Seven Nation Army". In den ersten Minuten herrschte praktisch infernalischer Lärm jeodch nur in der Kurve der Franzosen - dieser sollte sich nach sieben Minuten weiter erhöhen, als Zizou nach Foul an Florent Malouda per Elfmeter das 1:0 für die Equipe Tricolore erzielen konnte.

Keine 12 Minuten später war jedoch Italiens Abwehrrecke Marco Materazzi nach einer Ecke mit dem Kopf zur Stelle und erzielte, wie Italiens Fachblatt "La Gazzetta dello Sport" ermittelte, aus 2,63 Metern Höhe das 1:1. Die Squadra Azzurra war in der ersten Hälfte das bessere Team, in einer durchaus temporeichen Partei hatte Stürmer Luca Toni die größte Torchance, traf mit seinem Kopfball aber nur die Latte.

In Halbzeit Zwei kamen die Franzosen wieder besser ins Spiel, der entscheidende Pass fand jedoch nicht nicht den Mitspieler oder Italiens Torwart Gianluigi Buffon konnte parieren. Auch die verletzungsbedingte Auswechslung Patrick Vieras schwächte die Franzosen nicht - im Gegenteil: Ersatzmann Aloo Diarra machte seine Arbeit hervorragend. Mit wachsender Spieldauer wurde auch das Publikum nervöser und die Stimmung im Olympiastadion ließ etwas nach. Jeder spürte, dass der nächste Treffer das Spiel vermutlich entscheiden würde. In der regulären Spielzeit fiel jedoch kein Tor mehr, einem Treffer Tonis wurde wegen Abseitsstellung zurecht die Anerkennung versagt.

Auch in der Verlängerung waren die Franzosen weiterhin das bessere Team. Zunächst schoss Bilal Ribery den Ball nach Doppelpass mit Malouda knapp am Torpfosten vorbei, dann hätte der große Moment Zidanes kommen können. Nach einer schönen Flanke von Willy Sagnol stieg der 34-Jährige zum Kopfball hoch - Buffon lenkte den Ball mit einem grandiosen Reflex über die Latte. Nach dem abermaligen Seitenwechsel folgte dann die Szene über die wohl noch in einigen Jahren diskutiert werden wird, die im Stadion jedoch nur die Wenigsten mitbekommen haben - einschließlich des Schiedrichters und seiner Assistenten.

Auf einmal wand sich ein Italiener am Boden, wie man es von ihnen gewohnt ist, Torwart Buffon rannte im laufenden Spiel auf den Linienrichter zu und alle Welt fragte sich, welcher Blitz denn nun schon wieder Marco Materazzi getroffen haben mochte. Dann, nach gefühlten 10 Minuten in denen der Referee mehr oder einiger ziellos zwischen Linienrichter und Spielern umherirrte, zog er die rote Karte und zeigt sie: Zinedine Zidane. Der Unglaube, der Zorn, die Wut, die Trauer der meisten Zuschauer im Stadion war mit Händen zu greifen. 10 Minuten vor dem Ende seiner Karriere wurde Zizou im WM-Finale vom Felde verwiesen, und niemand verstand warum, da die entscheidende Szene auf der Stadion-Leinwand nicht wiederholt wurde.

In den letzten 10 Minuten wurde jeder Ballkontakt der Italiener fanatisch ausgepfiffen, jedes erfolgreiche Tackling der Franzosen frenetisch gefeiert. Ein Tor fiel nicht mehr, somit musste zum zweiten Mal nach 1994 ein Elfmeterschießen über den WM-Titel entscheiden - damals verloren die Italiener gegen Brasilien. Die Mehrheit der Stadionbesucher hoffte, das auch in der Squadra Azzurra 2006 mindestens ein Roberto Baggio war, der den Ball schon irgendwie über die Latte jagen würde.

Der erste Schütze der Italiener, Andrea Pirlo verwandelte jedoch ebenso sicher wie auf der Gegenseite Sylvain Wiltord. Dann lief Daniel de Rossi an, ein Spieler der nach seinen brutalen Fouls im Vorbereitungsspiel gegen die Schweiz und der Vorrundenpartie gegen die USA nie und nimmer hätte im Finale spielen dürfen, und traf. Nun war David Trezeguet an der Reihe, noch Spieler bei Juventus Turin. Die Trippelschritte seine Anlaufs verrieten Unsicherheit. Der Ball knallte an die Unterlatte und von dort: auf, vor oder hinter die Linie? Ein hauch vom Wembley waberte ducrhs Berliner Olympiastadion. Wie 1966 war auch diesmal der Ball nicht im Tor, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass Schieds- und Linienrichter dies am 9.Juli 2006 auch sofort erkannten.

Die nächsten Elfmeterschützen verwandelten auf beiden Seiten ihre Versuche und Italiens Verteidiger Fabio Grosso konnte schließlich mit seinem Elfmeter die WM 2006 entscheiden. Der Mann, der bis zur WM im einstmals arabisch regierten Palermo spielte, traf und Italien wurde Fussball-Weltmeister 2006. Die Enttäuschung der französischen Supporteurs war riesig, dennoch feierten sie ihr Team und Zinedine Zidane, auch wenn dieser sich für den Rest des Abends nicht mehr zeigen sollte.

Eine Frage blieb offen: Was trieb Zinedine Yazid Zidane zu seinem Kopfstoß gegen Marco Materazzi? Dieser gab zu, Zizou provoziert zu haben, weil dieser sich erdreistete den Italiener zu bitten, er möge ihm das Trikot doch bitte erst nach Spielschluss ausziehen und nicht unentwegt daran zerren. Im französoschen Pay-TV-Sender Canal Plus erklärte Zidane heute, Materazzi habe mehrfach seine Frau, seine Mutter und seine Schwester aufs Übelste beleidigt. Den genauen Wortlaut gab der in Marseille geborene Zidane nicht wieder, da er diese Worte niemals in den Mund nehme. Er entschuldigte sich bei den Milliarden Fernsehzuschauern und Kindern, die gezwungen waren, seinen Kopfstoß mitanzusehen. Weiter erklärte Zizou: "Zehn Minuten vor dem Ende deiner Karriere machst du so etwas nicht aus Vergnügen. Er hat Worte benutzt, die viel schmerzhafter sind als Gesten. Ich bedauere meine Tat nicht, denn das würde heißen, er habe Recht mit dem was er sagte."

Was auch immer man von der Tat Zidanes halten möchte, so steht eines fest:Er hat seine Werte und seine Ehre über seinen sportlichen Erfolg und den seiner Mannschaft gestellt. Ob man dafür Verständnis hat oder dies verurteilt, liegt in der Sicht des Betrachters.

Freitag, 7. Juli 2006

Portugal vs Frankreich 0:1 - die Equipe Tricolore steht im Finale


Der Spielplan der WM 2006 führte uns zum zweiten Mal nach München. Mit der Partie zwischen Portugal und Frankreich stand eine Neuauflage der EM-Halbfinals von 1984 und 2000 auf dem Programm. Beide Male gewann Frankreich das Semifinale und wurde später Turniersieger. Den ersten Teil dieser Aufgabe sollten die Franzosen auch diesmal bestehen.

Bei sehr schwül-warmem Wetter konnte das Spiel in der Anfangsphase durchaus gefallen. Beide Teams kombinierten flüssig und kamen des öfteren zum Torschuss. Auf den Rängen bestimmten zunächst die Iberer das Geschehen und sangen des öfteren lauthals ihren Klassiker "Purtugal Allez". Die Anhänger der Blauen waren anfänglich deutlich schweigsamer - Konsens bestand lediglich darüber, dass Portugals Cristiano Ronaldo bei jeder Ballberührung auszupfeifen war. Das deutsche Publikum feierte sich und das eigene Nationalteam und ließ Jürgen Klinsmann mehrfach hochleben.

Nach dem Führungstreffer der Franzosen durch den letzten verbliebenen Muslim im Turnier, Zinedine Zidane, änderten sich die Verhältnisse auf und abseits des Spielfeldes. Die Partie verflachte zusehends, weil die Franzosen auf Ergebnissicherung bedacht waren und Portugal nicht die spielerischen Mittel fand, um die französische Abwehr um Gallas, Abidal und Thuram auszuhebeln. Auf den Tribünen gewannen nun die Fans aus Frankreich die Oberhand ohne jedoch für eine wirkliche Gänsehautathmosphäre sorgen zu könnnen. Höhepunkt war da noch das mehrfache Anstimmen der Marseillaise.

In der zweiten Hälfte gingen die kreativen Köpfe Portugals, also Deco, Luis Figo und Ronaldo, spielerisch endgültig auf Tauchstation. Der Ball wurde von einem zum anderen weiter gespielt - Verantwortung wollte jedoch niemand übernehmen. Mit zunehmender Spieldauer wurde das Spiel der Weinroten immer einfallsloser und erschöpfte sich in planlosen Flanken auf den blassen Pauleta, die jedoch zuhauf in den Armen von Fabien Berthez landeten.

Les Bleus, die jedoch seit dem Achtelfinale stets als Les Blancs auflaufen, spielten die Partie routiniert zu Ende, hatten noch die ein oder andere Konterchance und kamen schließlich zu einem nie wirklich gefährdeten 1:0-Sieg. Nach dem Spiel kamen Thuram, Wiltord, Henry und Co. in unsere Kurve gelaufen um sich von ihren Fans feiern zu lassen. Ribery und Wiltord tanzten ausgelassen zu "Aux Champs Elysees". Schließlich kam 40 Minuten nach Abpfiff auch noch der nichteingesetzte Gael Givet in die Kurve um sich mit seiner mitgereisten Familie zu unterhalten. Alles in allem also wieder ein großartiges Erlebnis auch wenn das Spiel mit Sicherheit nicht zu den Höhepunkten der WM-Geschichte zu zählen ist.

Am Sonntag geht´s dann also mit der S-Bahn zum großen Finale ins Olympiastadion. Die beiden defensivstärksten Teams, Italien und Frankreich, haben es Endspiel geschafft - Vermutlich wird die Mannschaft gewinnen, die das erste Tor erzielt. Genau deshalb riecht es eigentlich nach nem 0:0. Das Elfmeterschießen könnte entscheiden.

Sonntag, 2. Juli 2006

Brasilien vs Frankreich 0:1 - Die Wiederauferstehung des Zinedine Zidane

Zinedine Zidane - زين الدين زيدان- er zauberte gestern wie zu seinen besten Zeiten, stellte Brasiliens Superstars Ronaldinho und Kaka in den Schatten, bereitete das 1:0 durch Thierry Henry vor und wurde von den 48000 Zuschauern im Frankfurter WM-Stadion mit stehenden Ovationen gefeiert.

Etwa 8000 Franzosen mögen im Stadion gewesen sein, vielleicht 5000 Brasilianer, dazu zahlreiche neutrale Zuschauer die sich ein kanariengelbes Trikot überstreiften. Akustisch übernahmen die Anhänger des Weltmeisters von 1998 von Anfang an die Überhand und wussten anders als noch beim Spiel gegen Spanien in Hannover auch mit einem großen Repertoire an Anfeuerungsrufen zu gefallen, die über das altbekannte "Allez Les Bleus" hinausgingen.

Das Spiel selbst bot zunächst sehr wenig Aufregendes. Beide Trainer hatten ihre Mannschaften sehr defensiv ein- und aufgestellt. Ronaldo war einziger Stürmer der Brasilianer, bei den Franzosen mühte sich Thierry Henry vorne allein ab - meistens vergebens. Jedes Team schien nur auf einen entscheidenen Fehler des Gegners zu warten und so konnte das Spiel nicht an das legendäre Viertelfinale von 1986, als die Franzosen im Elfmeterschießen gegen Brasilien gewannen, heranreichen. Chancen blieben Mangelware, Freistöße von Juninho oder Zizou blieben harmlos.

Dafür ließ Zidane, der Sohn muslimischer Einwanderer als der Kabylei, bei anderen Gelegenheiten sein Können aufblitzen, als er mehrmals im Mittelfeld seine Gegenspieler vom Zuckerhut narrte. Da sich beide Teams aus dem Spiel heraus kaum Chancen erarbeiteten, musste das entscheidende Tor fast zwangsläufig aus einer Standardsituation heraus fallen. Zidane schlug einen Freistoß hoch an den Fünfmeterraum und am langen Pfosten konnte Henry sträflich alleingelassen den Ball mit dem rechten Fuß ins Tor donnern.

Wer nun einen Sturmlauf der Brasilianer erwartet hatte, sah sich bitter enttäuscht. Zwar wechselte Trainer Carlos Alberto Perreira mit Adriano und später auch Robinho endlich weitere Stürmer ein - zwingende Torchancen konnten sich "Os Canarinhos" jedoch nicht erarbeiten. Im Gegenteil musste Brasiliens Torwart Dida zweimal in höchster Not gegen Franck Ribery und den eingewechselten Louis Saha retten. Ähnlich apathisch wie die Profis auf dem Rasen fügten sich auch die gelbgekleideten Fans auf den Rängen der Niederlage. Selbst nach dem Abpfiff wirkten viele von ihnen seltsam unbeteiligt.

Die Equipe Tricolore, und vor allem ihr Kapitän Zizou- ließen sich hingegen ausgiebig von den mitgereisten Fans feiern. Vor dem Stadion hofften zahlreiche Schwarzmarkthändler darauf, dass sich verzweifelte Brasilianer kostengünstig ihrer Halbfinal- und Enspielkarten entldeigen wollten - die Zuschauer mussten sich ihren Weg durch einen Wald von "I need Tickets for (Semi)-Final"-Schildern bahnen.

Zidanes Abschiedstournee durch Deutschland wird also verlängert - am Mittwoch gehts in München gegen Portugal um den Einzug ins Finale.

P.S.: Im Zuge der WM-Euphorie habe ich den Bericht über das Spiel "Spanien gegen Frankreich" ganz vergessen - bei Interesse wird dieser in den kommenden Tagen nachgereicht....

Montag, 26. Juni 2006

Saudi-Arabien vs Spanien 0:1 - Ein lauer Sommerkick

Das letzte Gruppenspiel der saudischen Nationalmannschaft bei der Fussball-WM 2006 fand am Freitag in Kaiserslautern statt. Die Chancen für ein Weiterkommen des Teams standen äußerst schlecht - ein hoher Sieg gegen Spanien schien äußerst unwahrscheinlich und zudem musste man auf die Schützenhilfe der arabischen Brüder aus Tunesien hoffen, die zeitgleich der Ukraine in Berlin mindestens einen Pubkt abtrotzen mussten.

Die Pfalz-Metropole Kaiserslautern war bei unserer Ankunft am frühen Freitag Nachmittag bereits fest in iberischer Hand - Toreros, Stiere und Flamencotänzerinnen prägten das Stadtbild. Zahntausende machten sich auf den bei der Schwüle durchaus beschwerlichen Weg vom Hauptbahnhof hinauf zum Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg - grüngekleidete Anhänger Saudi-Arabiens waren in der Minderheit.

Im Stadion waren dann wohl etwa 25000 der 45000 Zuschauer von der iberischen Halbinsel angereist. Lauthals stimmten sie vor dem Anpfiff in den über die Stadionlautsprecher ausgestrahlten Schlager "Viva Espana" ein - ob der spanische König Juan Carlos auf der Ehrentribüne mit einstimmte ist nicht bekannt. Etwas stiller wurden die Spanier beim Abspielen ihrer Nationalhymne - dies ist aber zuallererst der Tatsache geschuldet, dass die Hymne ohne Text auskommen muss.

Beim Spiel dann das aus den bisherigen Vorrundenspielen gewohnte Bild. Die Partie war trotz einer optischen Überlegenheit zunächst wenig unterhaltsam und so vergnügten sich die Zuschauer selbst - die La-Ola-Welle ging durchs Stadion und anfänglich war auch der Block der saudischen Fans willens sich auf Kommando von seinen Plätzen zu erheben. Das änderte sich jedoch nach dem Führungstreffer der Spanier durch Abwehrspieler Juanito der nach einem Freistoß vollkommen unbedrängt zum Kopfball hochsteigen konnte und das 1:0 erzielte. "Si, Si, Si - Vamos á Berlin" dröhnte es durchs Stadion. Bis zum Halbzeitpfiff hatte "La Seleccion" weitere hochkarätige Schusschancen, die jedoch entweder ihr Ziel verfehlten oder vom diesmal glänzend aufgelegten Keeper Mabrouk Zaid entschärft wurden. Spaniens Kapitän Raul fiel darüber hinaus durch mehrere unsportliche Schauspieleinlagen auf.

Nach dem Wechsel kam die saudische Auswahl immer besser ins Spiel. Spanien wollte die Führung über die Zeit retten und Kräfte für das Achtelfinale sparen, so dass sich den Arabern immer wieder Chancen zum Ausgleich boten - allein wurden diese mehrfach fast schon fahrlässig vergeben. So schoss Hussain Sulaimani nach schöner Vorlage von Muhammad Noor den Ball freistehend aus 9 Metern über das Tor. Eine weitere Gelegenheit vergab Saad al-Harthi, "der arabische Raul", dessen Schuss aus kurzer Distanz Spaniens Torwart Santiago Canizares zur Ecke klären konnte.

Dieser zog in den letzten Minuten den Zorn des Lauterer Publikums und auch der spanischen Fans auf sich, als er sich bei der Ausführung von Abstößen aufreizend viel Zeit ließ. Nicht viel hatte gefehlt und die rotgekleideten Zuschauer hätten ihr Team als Zeichen ihres Mißgefallens mit weißen Taschentüchern verabschiedet. Stattdessen wurden die Saudis nach Spielende vom gesamten Stadion mit stehenden Ovationen verabschiedet - der verdiente Ausgleichstreffer hatte auch in der Nachspielzeit einfach nicht fallen wollen.

Unsere WM-Reise geht am Dienstag in Hannover mit dem Achtelfinalspiel Spanien gegen Frankreich weiter, in den kommenden Tagen wird auch hierzu ein Bericht auf alsharq zu lesen sein - schließlich gibt es zum einen nicht wenige, die Spanien noch immer zum "Dar al-Islam" zählen und zum anderen spielen in der französischen Elf Spieler mit nordafrikanischem Migrationshintergrund eine nicht unwesentliche Rolle.

Mittwoch, 21. Juni 2006

Saudi-Arabien vs Ukraine 0:4 - Die Schmach von Hamburg

"Gegen die Ukraine muss ein Punkt her" hatte ich nach dem Unentschieden der Saudis gegen Tunesien geschrieben - dazu hat es Montag in Hamburg leider nicht gereicht und am Ende durften die Araber sogar froh sein kein zweites Sapporo erlebt zu haben. Dort nämlich war die saudische Nationalmannschaft bei der WM 2002 gegen Deutschland gar mit 0:8 unter die Räder gekommen.

Wahrscheinlich wurde die Niederlage der grünen Falken schon eine knappe Stunde vor dem Spiel besiegelt, als nämlich Platzregen über dem Hamburger Volkspark einsetzte und den nach erst 2 WM-Spielen ohnehin schon stark ramponierten Rasen extrem glitschig werden ließ. Während des Spiels gegen die Ukrainer um ihren Superstar Andrej Shewchenko konnte man jedenfalls den Eindruck gewinnen, die Spieler von Coach Marcos Paqueta würden zum ersten Mal in ihrer Karriere auf regennassem Rasen spielen.

Keine drei Minuten waren vergangen, als vor der Nordtribüne genau vor unseren Augen der ukrainische Abwehrspieler Andrey Rusol nach einer Ecke das 1:0 erzielen konnte. Zuvor war Abwehrspieler Hamad al-Montashari ausgerutscht und der während des gesamten Spiels äußerst unsicher agierende Torwart Mabrouk Zaid ließ den Ball durch seine Beine hindurch ins Tor passieren.

In der Folge konnten die Saudis um Mittelfeldmann Muhammad Noor das Spiel zwar offener gestalten, zwingende Torchancen wurden hedoch nicht herausgespielt. Nach 36 Minuten erzielte der ukrainische Sturmpartner Shevchenkos, Sergey Rebrov, per Distanzschuss das 2:0. Wieder machte Zaid eine äußerst unglückliche Figur, als er beim Versuch den Ball zu parieren wegrutschte. Offenbar hat sich die Erfindung der Schraubstollen noch nicht bis auf die arabische Halbinsel herumgesprochen.

In der Folge eroberten die ukrainischen Fans auf den Rängen auch die akustische Oberhoheit in der Arena und konnten mit ihrem Schachruf "Hier regiert die U-kra-ine" durchaus überraschen. Die durch kleine Trommeln und eher schüchternes rhythmisches Klatschen unterstützen saudischen Fan-Gesänge nahmen sich dagegen eher bescheiden aus. Zudem zog die arabische Fankolonie den Zorn weiter Teile des Publikums auf sich, da sie sich entschied die La-Ola-Welle im Stadion weitgehend zu boykottieren.

In der zweiten Spielhälfte sollte bei den Saudis zwar vieles anders, aber nichts wirklich besser werden. Keine Minute war nach Wiederanpfiff gespielt, als Chelsea-Neuzugang "Sheva" nach einem Freistoß völlig unbedrängt den Ball zur 3:0-Führung ins Tor köpfen konnte. Nun reagierte auch der brasilianische Trainer Saudi-Arabiens und brachte unter anderem Abdulaziz al-Khathran in die Partie, der allein schon wegen seiner beeindruckenden Bartmode das Spiel bereicherte. Dennoch boten sich den von der sowjetischen Fussballlegenden Oleg Blochin trainierten Ukrainern zahlreiche Kontermöglichkeiten, eine von ihnen nutzte Maxim Kalinichenko zum 4:0-Endstand. In den letzten Minuten wurde den Saudis zwar noch mindestens ein Elfmeter vom nicht immer glücklich agierenden Schiedsrichter Graham Poll aus England verwährt, dennoch ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Ukraine mindestens eine Klasse besser war.

Nun muss die Nationalmannschaft Saudi-Arabiens wohl zum dritten Mal in Folge nach 1998 und 2002 schon nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Eine theoretische Chance bleibt gleichwohl bestehen. Spanien muss am Freitag in Kaiserslautern deutlich geschlagen werden, und die Ukraine darf gegen Tunesien in Berlin nicht gewinnen. Das ist zugegebenermaßen unwahrscheinlich aber auch nicht unmöglich....

Zu allem Unglück hatte ich am Montag meine Fotokamera vergessen, darum an dieser Stelle nur ein Foto meines Tickets.:

Freitag, 16. Juni 2006

Saudi-Arabien vs Tunesien 2:2 - ein Spielbericht aus dem Stadion

Der Fußballgott hat es gut mit mir gemeint und mir Tickets für alle WM-Spiele Saudi-Arabiens beschert. Frohen Mutes machten wir uns also am Mittwoch Morgen zu Dritt auf den Weg zum neuen Berliner Hauptbahnhof um dort den ICE nach München zu besteigen. Der Bahnsteig war mit Fans aus aller Herren Länder, besonders aber mit Spaniern und Ukrainern bevölkert, die zu ihrem Vorrundenspiel nach Leipzig fahren wollten. Außerdem warteten noch einige dickbäuchige, großflächig tätowierte Sportsfreunde aus Sheffield um nach Nürnberg zu fahren.

Von der ersten Lautsprecherdurchsage die eine Verspätung des Zuges von 60 bis 70 Minuten ankündigte ließen wir uns nicht entmutigen, schließlich wurde uns ein Ersatzzug in Aussicht gestellt, der auch tatsächlich mit nur einer halben Stunde Verspätung den Bahnhof verließ. Die Engländer stürmten sofort das Bordbistro, wir machten es uns in der Gepäckablage gemütlich.Schade war nur, dass auch dieser Zug defekt war, daher über weite Strecken im S-Bahn-Tempo gen Bayern tuckelte und wir München schließlich mit knapp 80 Minuten Verspätung erreichten.

Am U-Bahnhof-Marienplatz dann die nächste Überraschung. Die Leute standen dicht gedrängt auf dem Bahnsteig, so dass es kurzzeitig den Anschein hatte wir würden das Stadion nie und nimmer zum Anpfiff in Anderthalb Stunden erreichen. Schließlich ging dann alles doch viel schneller und wir fanden uns nach wenigen Minuten dichtgedrängt in einer U-Bahn wieder. Die Anhänger der Tunesier, der "Adler von Karthago", befanden sich deutlich in der Überzahl und machten durch franco-arabische Gesänge auf sich aufmerksam. Wir wurden von einigen Nordafrikanern gefragt, warum wir denn zu Saudi-Arabien halten würden, wobei uns geschäftliche Verbindungen nach Saudi-Arabien als Motiv für unsere Unterstützung der "Grünen Falken" unterstellt wurden.

Schließlich waren wir nach überstandener U-Bahn-Fahrt und den gar nicht so strengen Sicherheitskontrollen doch noch eine halbe Stunde vor Anpfiff im wirklich atemberaubenden Münchner Stadion. Dort mussten wir erkennen, dass sich der grüne Block der Saudis gegenüber den vielen Tunesiern im Stadion doch recht bescheiden ausnahm. Dieses Kräfteverhältnis spiegelte sich in den ersten Minuten auch auf dem Spielfeld wider. Folgerichtig gingen die Nordafrikaner durch einen schönen Seitfallzieher von Ziad Jaziri mit 1:0 in Führung. In der Kurve der tunesischen Fans wurden die ersten Bengalischen Feuer entzündet.

Das Spiel plätscherte in der Folge vor sich hin, so dass sich das Publikum überwiegend selbst unterhielt und mehrfach die LaOla-Welle durchs Stadion schwappen ließ. Nach der Pause wurden die grüngekleideten Saudis immer stärker auch wenn der letzte Pass in die Spitze häufig zu ungenau war und in der tunesischen Abwehr hängen blieb. Nach 57 Minuten aber war es Yasser al-Kahtani der nach einem schönen Angriff über die rechte Seiten den Ball aus kurzer Distanz ins Netz des 40-Jährigen tunesischen Keepers Ali Boumnijel donnerte. Die Partie gewann nun zusehends an fahrt und die saudischen Fans wurden lebhafter. "Saudia, Saudia" schallte es von den Rängen. Acht Minuten vor Ende der Partie zog der brasilisnische Trainer der Wüstensöhne, Marcos Paqueta, seinen Joker und schickte mit Sami al-Jaber eine saudische Fussballerlegende aufs Feld. Keine 2 Minuten war der Stürmerstar in der Partie als er einen Konter über zwei Stationen mustergültig abschloss und den Ball am Torwart vorbei in die Maschen schob. Nun kannte der Jubel der vielleicht 5000 grüngekleideten Anhänger keine Grenzen mehr. "Ya Allah" schallte es aus ihren Kehlen.

Noch 10 Minuten waren zu absolvieren und die Tunesier machten nicht den Anschein als könnten sie noch einmal zurück ins Spiel kommen. Im Gegenteil hatte die saudische Auswahl sogar die besseren Tormöglichkeiten. Hussain Sulimani setzte einen Freistoß an den Pfosten. Dann aber, die Nachspielzeit lief bereits kam Tunesiens Abwehrrecke Radhi Jaidi im Strafraum frei zum Kopfball und konnte ausgleichen. Dennoch hielt sich die Enttäuschung unter den saudischen Anhängern in Grenzen. Anders als bei der WM 2002 hatte sich das Team nicht vorführen lassen, sondern sich nach einem Rückstand zurück ins Spiel gekämpft. Mit Standing Ovations wurden die Spieler verabschiedet.

Auf dem Weg aus dem Stadion versuchten einige noch schnell islamische Erbauungsliteratur an die arabischen Zuschauer zu verteilen, das Interesse hielt sich jedoch sehr in Grenzen. Dann lief aufgeregt ein junger Mann zu mir und fragte mich ob ich ins Fernsehen wolle. Ein Reporter-Team des saudischen Staatsfernsehens interviewte Fans und da kam ihnen ein deutscher im grünen Trikot gerade recht. Groß war der Jubel der umstehenden Araber, als ich auf arabisch erklärte, Sami al-Jaber habe großartig gespielt und das saudische Team habe gute Chancen die nächste Runde zu erreichen.

Das glaube ich übrigens wirklich. Montag geht`s in Hamburg gegen die Ukraine. Mindestens ein Punkt muss her.