Freitag, 16. März 2012
Jaffa - was dem Besucher verborgen bleibt
Sonntag, 11. Dezember 2011
Herbst in Damaskus – Bericht aus einem alltäglichen Leben in der syrischen Hauptstadt
Ich möchte die wenigen Tage außerhalb der syrischen Staats- und Internetgrenzen nutzen, um einige Eindrücke aus Syrien zu senden. Mitte Oktober bin ich aus dem Libanon mit dem Taxi nach Damaskus gereist. Die Einreise dauerte keine 2 Minuten. Was mich beeindruckte, war, dass der Passbeamte noch nicht mal meinen Pass auf (wohl israelische) Stempel durchblätterte. Es wurde nur meine Adresse und meine Daten aufgenommen, und schon donnerte der Stempel in meinen Pass.
Ich war keine 15 Minuten in Damaskus angekommen, da hatte ich mich schon mit jemanden am Bāb-Tūmā-Platz verabredet und stiefelte – wie immer – etwas verspätet los. Als ich mich dem Platz um einige Gassen näherte, da standen „Jungs“ lässig auf der Straße herrum, an Autos oder Häuserwände gelehnt, und verboten uns den Durchgang. Das Wort „mamnūʿ“ (=verboten) ist ja auch eines dieser Fachausdrücke in dieser Region. Wenn etwas „mamnūʿ“ ist, dann ist es halt „mamnūʿ“ – dann wird da nicht mehr herrumdiskutiert. Es ist „verboten“; und der Bürger (=ich) fühlt sich dann wie ein entmündigtes Kind und akzeptiert kleinlaut, dass es „mamnūʿ“ ist! Warum? Nee, das wird nicht gefragt. Denken ist nicht erwünscht.
Montag, 17. Oktober 2011
Wo kommst du her - Ein Versuch, sich in Ägypten zu integrieren
“Wo kommst Du her? Bist Du Ägypter?” „Aus el-Minya“ lächele ich bestimmt. „Ja, er kommt aus el-Minya. Sieht genau so aus, wie ich. Schau!“ Sami und ich fangen beide an zu lachen, und der Bekannte von Sami schaut verwirrt. „Nein, nein, ein Scherz, ich komme aus Almanya.“ Aus Deutschland. „Aber woher das Arabisch? Hast Du an der Amerikanischen Universität gelernt?“ Ich winke ab. „Nein, hier auf der Straße, Sharia Tahrir. Und Sami ist mein Lehrer.“ Ein grosses Lachen folgt, Sami freut sich über das Kompliment. Sami ist so alt wie ich. Kommt aus el-Minya, einer Stadt am Nil im Süden des Landes, und er arbeitet so lange in dem Kiosk gegenüber meines Balkons, wie ich dort wohne.
Das sind die guten Tage. Ein gelungener Scherz auf Arabisch, die Leute lachen mit einem, behandeln einen, als gehöre man dazu. Ich bin nicht mehr nur noch der Weiße, der Mann mit dem Geld, der Glückliche, der aus der reichen Welt stammt. Wir lachen zusammen, wir scherzen, wir erklären das eine und das andere, noch eine Zigarette, hier, willst Du was zu essen haben? Iss was!
Freitag, 28. Mai 2010
Mystik, Politik und Party - Ein Bericht zu unserer Libanonreise
im April dieses Jahres organisierte Alsharq eine politisch-kulturelle Reise in den Libanon. Neben den beeindruckenden historischen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten konfrontierten wir die Reiseteilnehmer mit den politischen Realitäten des Zedernstaates. Beispielsweise konnte sich die Gruppe vor Ort ein Bild von den bedrückenden Umständen in einem palästinensischen Flüchtlingslager machen. Außerdem konnten die Reisenden während eines abschließenden Workshops offene Fragen mit Journalisten, Professoren und politischen Analysten diskutieren.
Uns hat die Reise große Freude bereitet, weshalb wir im kommenden Jahr eine weitere Reise in den Libanon anbieten werden. Bereits im September wird Alsharq-Mitglied Simon eine 38-köpfige Gemeinde aus Süddeutschland durch den Libanon führen. Falls Interesse an Reisen in andere Länder im Nahen Osten besteht - etwa Syrien, Jordanien oder Israel und Palästina - nehmen wir Aufträge gerne entgegen.
Hier nun der Reisebericht von Nils Metzger, der im April dabei war.
Montag, 8. Februar 2010
Syrien - Kultur abseits der Straßen
hier ein Reisebeicht von Freunden, die im vergangenen Jahr durch die Syrische Wüste gewandert sind.
Ausgerüstet mit Zelt, Schlafsäcken, Isomatten, zwei selbstgebauten Wüstensulkys und Studienunterlagen landen wir Mitte Dezember in Damaskus und freuen uns auf rund 20 Tage Syrien. Sofort geht es für uns weiter nach Deir ez-Zor im Osten Syriens. Diese Stadt, an den Ufern des Euphrat gelegen, ist heute zwar die wichtigste Region für die Erdölförderung in Syrien, touristisch gesehen bietet Deir ez-Zor allerdings nicht wirklich viel.
Am Busbahnhof der 200.000-Einwohner-Stadt werden wir eher unfreundlich von der lokalen Geheimpolizei begrüßt. Das anschließende Frage-Antwort Spiel ist in dieser Stadt anscheinend üblich, da immer wieder ausländische Reporter, als Touristen getarnt, versuchen, über Deir ez-Zor Richtung Irak zu gelangen.
Auch wir und der Bekannte, der uns am Bahnhof abholt, werden hartnäckig nach unseren weiteren Absichten befragt. Der fragende Polizist wirkt nicht gerade erfreut darüber, dass wir nicht regulär in einem Hotel untergebracht werden, sondern bei einem Freund unterkommen. Nach etlichem Hin und Her verlassen wir die Busstation um, mit einem Taxi rund 20 Km entferntes kleineres Dorf zu fahren.
Natürlich ist es nicht sehr ratsam sich ohne Wasservorrat auf den Weg durch die Syrische Wüste zu machen. Allerdings stellt sich die Wasserbesorgung als nicht ganz einfach heraus. Wir finden zunächst keinen Laden, wo man eben mal 90 Liter Wasser kaufen konnte. Dagegen lässt sich der Einkauf von rund 160 Fladenbroten eher einfach zu realisieren. Mit Hilfe einiger Studenten gelingt uns aber auch der erfolgreiche Einkauf des benötigten Wassers und gegen Abend können wir den Besitzer eines Ladens davon überzeugen, uns für ein kleines Trinkgeld ein paar Kilometer aus der Stadt zu fahren. Die Tour kann beginnen.
Mittwoch, 25. November 2009
Alsharq organisiert Reise in den Libanon
Alsharq expandiert und schlägt neue Wege ein. Wie ihr bereits bemerkt habt, haben wir einige neue Autoren an Bord und werden in Zukunft auch noch mehr detaillierte Analysen zu ausgewählten Themen veröffentlichen.
Die Macher des Blogs haben außerdem ein besonderes Highlight organisiert: Eine Reise in den Libanon. Vom 15.4 - 25.4. sowie vom 22.4. - 2.5. 2010 heißt es "10 Tage Kultur, Politik und Natur des Libanon". Ein vielfältiges Programm, von uns konzipiert und geführt, erwartet euch. Neben den beeindruckenden historischen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten wollen wir euch außerdem die politischen Realitäten des Zedernstaates näherbringen. Etwa durch Stadtrundgänge auf den Spuren des Bürgerkriegs, Tagestouren in touristisch bisher kaum erschlossene Gebiete sowie Diskussionen mit libanesischen und deutschen Experten.
Die Kontingente sind begrenzt, also sichert euch einen Platz in einer der beiden Reisegruppen.
Hier und hier findet ihr detaillierte Informationen zu der Reise.
Updates, einige visuelle Impressionen und Antworten auf Fragen der Leser findet ihr hier.
Euer Alsharq-Team
Zur Einstimmung ein paar Impressionen aus dem Land der Zedern:
Donnerstag, 29. Januar 2009
Shooting Rabbits - Ein Bericht aus Gaza
ein deutscher Freund, der in Jerusalem arbeitet, hat neun Tage nach Kriegsende den Gazastreifen besucht und sich ein Bild von der Lage gemacht.
Shooting Rabbits
In den Gazastreifen zu fahren ist eine Sache. Eine andere, wieder rauszukommen. Neun Tage nach Ende des Kriegs sind wir zu dritt nach Gaza aufgebrochen. Unseren Kollegen besuchen, sich mit Projektpartnern treffen, planen was wir dort unter den Umständen noch machen können. Gaza ist ein Trümmerhaufen. Auch politisch. Keine Ahnung wie das da weitergehen soll. Die Hamas räumt die Straßen auf und regelt den Verkehr, derweil die Leute unterwegs sind, um Nahrungsmittel und Material zum provisorischen Flicken von Granatenlöchern und Brandschäden zu suchen. Richtige Baumaterialien werden immer noch nicht reingelassen.
Der Tunnelhandel entwickelt sich langsam aber sicher wieder. Von den ca. 1400 Tunneln zwischen Gaza und Ägypten, hat Israel die meisten zerstört, aber nicht alle. So etwa 100 waren wieder in Gange als wir in Rafah an der Grenze zu Ägypten waren. Und an den anderen wird fleißig gebaut. Eine riesige Zeltstadt markiert das Terrain - jedes weiße Zelt ein Tunneleingang.
Besonders gut funktionieren die Benzin- und Dieseltunnel - selbst wenn sie bombardiert wurden. Die Schläuche in den Tunneln sind meist heil geblieben. Benzin ist in Gaza billiger als in Ramallah...
Warum dieser Krieg - fragt man sich. Hamas und die anderen Milizen haben immer noch Raketen, der Tunnelhandel blüht weiter, weil die Blockade nicht aufgehoben wurde. Zwar fliegen gerade keine Raketen nach Israel, aber wenn die Blockade nicht bald aufgehoben wird, ist
sicher bald Schluss mit der Feuerpause. Hamas hat im Westjordanland an Anhängern gewonnen, in Gaza allerdings auch einige Fans verloren, weil sie von manchen für den Krieg mitverantwortlich gemacht werden. Aber sie sind dort immernoch klar an der Macht. Die Straßen sind grün beflaggt, Hamasleute verteilen Hilfsgüter und Geld für die Geschädigten, wenn auch nicht so viel, wie sie versprechen.
Und Bedürftige gibt es genug. 22.000 Wohnungen beschädigt, 4000 Häuser zerstört - Schulen, öffentliche Einrichtungen - Schutt wo man hinkommt. Manchmal liegt ein ganzer Stadtteil in Asche - anderswo ist "nur" ein vereinzeltes Haus geplättet und die Häuser rundrum beschädigt. Kinder spielen im Sand der Bombenkrater. Überall riecht es nach Abwasser, weil fast überall die Kanalisation getroffen und beschädigt wurde. Material, dies zu beheben, gibt es kaum.
Im UN-Hauptquartier sehen wir die Reste einer von Phosphormunition abgebrannten Lagerhalle, eingeschmolzene Medizinreserven, verkohlte Konserven. Und keiner glaubt, dass das ein Versehen war. Als es passierte, hagelte es internationale Kritik, die IDF spricht von einem Versehen. Zwei Stunden später wird wieder auf dieselbe UN-Lagerhalle geschossen - mit Phosphorbrandbomben - und die Hilfsgüter stehen in Flammen.
Wir sind über Nacht geblieben. Im Restaurant des Hotels Al-Deire trifft man viele Bekannte aus Jerusalem und Ramallah: Ben von AP, Sheera von der Times, Taghreed von der New York Times, Leute vom Spiegel. Ayman, das berühmte Reportergesicht von Al-Jazeera International, der während des ganzen Krieges vor dem Mikro stand, während es um ihn herum Granaten regnete. Es gab kein Bett mehr im Al-Deire - wir mussten nach nebenan ins Beach Hotel. Ein Raum hat kein Fensterglas mehr - Plastikfolie. Trotzdem 130 Dollar für ein Zimmer - die Journalistenflut und ein paar zerbombte Hotels tun einiges für die Marktentwicklung.
Am nächsten Tag erfahren wir von einem Zwischenfall, der sich gerade ereignet hat - ein israelischer Jeep ist an der Grenze auf eine Mine gefahren - ein Soldat starb dabei. Man hört jetzt das Summen israelischer Militär-Drohnen in der Luft, eine schießt im Süden des
Gazastreifens auf einen palästinensischen Motorradfahrer, eine Qassam fliegt nach Israel - die Sache droht wieder zu eskalieren.
Unser Kollege aus dem Gaza-Büro fährt uns zur Grenze - nach Erez, obwohl wir gehört haben, dass der Übergang geschlossen wurde. Wir wollen versuchen, wieder nach Jerusalem zu fahren. Erez ist zu - das wird uns schon am zur Sicherheit zurückverlegten Hamas-Checkpoint
gesagt und etwas weiter am Koordinierungscontainer des palästinensischen Präsidialamtes (Khamsa Khamsa) bestätigt.
Wir sind nicht allein. Journalisten stehen da auch schon und warten; Spiegel Online, SZ, Finnisches Fernsehen, außerdem 5 gepanzerte Diplomatenjeeps, Franzosen, Holländer, Schweizer, Schweden, Norweger. Langsam wird es dunkel, die Presseverteter machen sich auf den Rückweg nach Gaza-Stadt, nachdem sie ein paar verstimmte Diplomaten interviewt haben. Wir bleiben, weil ja überhaupt nicht klar ist, ob der Übergang am nächsten Tag geöffnet sein wird. Der stellvertretende Leiter des niederländischen Vertretungsbüros - Hans - ist auch da.
Ich kenne ihn von einem Empfang - er bietet uns Plätze in seinem Jeep an. Wir nehmen gern an - zumindest für die 500 m bis zur Mauer, hinter der unser Auto steht. Wir warten. Und warten.
Ca. 100 Telefonanrufe und 5 Stunden später können wir fahren, heißt es zumindest. In der Zwischenzeit hatten die Diplomaten ihre Botschaften und dann auch die Außenministerien in Den Haag, Paris, Stockholm etc. eingeschaltet. Und das Rote Kreuz. Auf der israelischen Seite findet man immer neue Gründe, uns warten zu lassen - es wird zunehmend surrealer:
Fünfte Wartestunde: Colonel Moshe Levy am Telefon mit Hans: "Hans - how are you?" Hans: "Well, I am cold. What is it this time, Colonel?"
Mal ist keiner mehr zum Stempeln da, dann haben die Sprengstoffhunde Feierabend, dann hat das IDF-Südkomando den Checkpoint übernommen und den Prozess von vorn begonnen. Wir erfahren nach fünf Stunden Warten außerdem von Colonel Moshe, dass es so lange dauert, weil es ja schon so spät ist. Man fühlte sich spontan an die Worte unserer Kanzlerin erinnert, die ja kurz nach Beginn des Gaza-Kriegs davor warnte, Ursache und Wirkung zu vertauschen.
Plötzlich dürfen wir fahren. Aber nur 2 Autos. Hans: "Alle oder keiner." Warten.
Hans ruft den Botschafter an, der den Außenminister. Warten. Der Teeladen - ein Arbeitsbeschaffungsprojekt der EU - hat inzwischen auch zu.
Hans' Telefon klingelt - Moshe ist dran: "Hi Hans, How are you?" Hans: "Still alive, Colonel. You know, it is rather smelly here. And cold." Moshe informiert, dass nun alle fahren können, aber die Autos müssen durchsucht werden. Entsetzen macht sich breit, der französische Generalkonsul ruft wieder eine Gruppensitzung ein: "Auf keinen Fall werden diplomatische Autos durchsucht! Ridicule! Impossible!" Man ist sich einig. Solidarisches Weiterwarten...
Irgendwann gegen halb 9 können wir dann doch losfahren - nachdem noch mal das israelische Außenminsisterium angerufen hatte, um alle unsere Passnummern (zum xten Mal) aufzunehmen... Man hat einen Kompromis gefunden, unglaublich, was Hunger und Kälte so möglich machen.
Es sind nur 500 Meter bis zum Tor in der Mauer - kurz vor dem Tor - Schüsse. Dann nochmal.
Wir halten an und tauchen ab. Eine palästinensische Frau mit ihrem kleinen Sohn, die gerade aus dem Terminal gekommen war, sucht Deckung und findet keine - geht dann einfach weiter... der Junge zittert.
Hans ruft Moshe an:
Moshe: "Hans - How are you?" Hans: "This is totally unacceptable. You tell us to come and then you fire at us?" Moshe: "We did? Wait a sec - (Hebrew shouting - it sounds honestly concerned)" Moshe: "No - we were not shooting at you" Hans: "So you were shooting rabbits, then?..." Moshe verspricht, das zu prüfen. Warten...
Wir sind dann gegen 21 Uhr - nach 6 Stunden Warten - endlich rausgekommen. Ein israelischer Sicherheitsmann am Colaautomaten mit M 16-Spezialversion auf die Frage hin, ob er geschossen habe: Das sei ein großer Fehler gewesen. Aber seine Truppe sei es nicht gewesen, sondern die israelische Armee.
Na dann.

Donnerstag, 8. Januar 2009
Blut und Spiele: Aschura in Nabatiyeh
Bereits vor 2 Jahren erlebten wir die Aschura-Parade in Südbeirut aus erster Hand. Organisation und inhaltliche Ausrichtung liegen hier fest in Händen Hizbullahs. Fester Bestandteil und Höhepunkt ist zweifelsohne die Festrede ihres Generalsekretärs Hassan Nasrallah, der dieses Jahr jedoch nur per Video zugeschaltet wird.
Doch die hochpolitisierte Veranstaltung in Dahyie hat nicht das Monopol auf die Aschura-Feierlichkeiten. Die größte südlibanesische Stadt, Nabatiyeh, bietet eine ganz eigene, lokal sehr verwurzelte Variante des Festes, die sich teilweise fundamental von Südbeirut unterscheidet.
Sichtbar wird das vor allem in der praktizierten Selbstgeißelung. Die ist in der Hauptstadt seit Mitte der 90er Jahre, als sowohl Ali Khamenei, als auch Muhammad Hussein Fadlallah eine entsprechende Fatwa erließen, verpönt. Die blutige Flagellation war und ist ein Vorwurf von sunnitischer Seite, dem man so zu begegnen suchte. In Nabatiyeh hingegen hält sich diese Tradition hartnäckig und wird besonders von der jungen Generation weiter am Leben erhalten.
Es sind vor allem Kinder, die sich um 8 Uhr morgens im Vorraum der zentralen Moschee versammeln und sich inmitten des hektischen Treibens auf die Prozession vorbereiten. Ein paar Friseure stehen mit einer Rasierklinge bereit und die Jungen stehen an, um durch einen gezielten "Anstich" das Blut fließen zu lassen. Ist das vollbracht, posieren die sichtlich stolzen Eltern mit ihren Jüngsten für ein Familienfoto, danach eilen die Jungs zu ihren Freunden und schlagen sich eher ausgelassen als andächtig auf den Kopf - ganz klar ist es für sie auch eine Mutprobe, die sie bestanden haben.
Um etwa 10 Uhr füllt sich der große Platz neben der Moschee, der wohl eigentlich als Fußballstadion genutzt wird, merklich und wir warten gespannt auf den ersten größeren Höhepunkt - die Theateraufführung. Diese im Iran des 16. Jahrhunderts entwickelte Tradition sucht man in Beirut vergebens - nur in Nabatiyeh ist sie im heutigen Libanon noch Bestandteil des Aschura-Tages. Leider wird nicht der Acker von Spielfeld, der sich hervorragend als Wüste bei Kerbela eignen würde, verwendet, sondern eine extra aufgebaute, dahinterstehende Bühnenkonstruktion, die jedoch viel zu weit entfernt steht. So kann ich die Bewegungen der Schauspieler, von denen übrigens einige Christen sind, nur erahnen und muss mich ansonsten an die Lautsprecherübertragung der Stimmen halten, begleitet von Musik, die mich an moumentale Bibelverfilmungen erinnern.
Nach etwa einer Stunde schließlich endet die Aufführung und die Masse der Zuschauer, Frauen zumeist, strömen an den Straßenrand und verfolgen die Prozession der Flagellanten. Diese umkreisen in mehreren Gruppen den Aufführungsplatz, einige von ihnen schon seit den frühen Morgenstunden. Die jungen Männer wiederholen rhythmisch "Haidar" (Löwe), den Spitznamen Husseins und schlagen sich dabei immer wieder auf den Kopf, manche mit der Hand, viele mehr jedoch mit Messern oder Schwertern. Nicht nur das Gesicht, auch die weiße Kleidung, die das Totengewand Husseins repräsentiert, ist bereits völlig durchtränkt mit Blut, welches man mittlerweile auch deutlich riecht - keine Frage, das ist kein Anblick für zartbeseidete Nerven.
Nun, gegen Mittag, sehen wir auch ältere Prozessionsteilnehmer, wenngleich sie deutlich in der Minderheit sind. Sie sind deutlich kontemplativer als ihre jungen Glaubensgenossen. Dennoch, ob alt oder jung, nicht jeder ist dieser körperlichen Anstrengung gewachsen, und so rücken die Hilfskräfte des Roten Kreuzes aus und tragen kollabierte Prozessionsteilnehmer, die sich teilweise auch noch auf der Bahre auf Kopf und Brust schlagen, aus der Menge. Nicht nur Verletzte finden sich in den mobilen Versorgungsstationen: Auch freiwillige Blutspender folgen dem Aufruf "Blut für Gaza". Es ist die einzige Reminiszenz an die aktuellen Ereignisse, die mir hier begegnet, politische Slogans und Parteiflaggen (von einigen wenigen Amal-Fähnchen abgesehen) sucht man hier heute vergebens.
Dennoch ist auch Aschura in Nabatiyeh nicht mehr das gleiche traditionelle Fest wie in früheren Zeiten. Die Bedeutungswandel von der (passiven)Trauer um Hussein zum (aktiven) Folgen des Beispiels Hussein ist auch hier unverkennbar. Sicher ist das blutige Spektakel in gewisser Hinsicht ein Männlichkeitsritual, vor allem aber ist es für die jungen Männer Ausdruck ihrer religiösen und lokalen Identität, die sie mit Stolz nach außen tragen.
Samstag, 25. Oktober 2008
Ein Sonntag in Beirut - im Hippodrom
Bereits 1885 eröffnete im heute nahe dem Flughafen gelegenen südlichen Vorort Bir Hassan eine Rennbahn für Pferdesport. 1918 schließlich zog man in das bis heute genutzte Hippodrom um, das direkt an den weitläufigen Stadtpark angrenzt. Die Tricolore, die von der unmittelbare daneben gelegenen französischen Botschaft weht, erinnert an den historischen Standort des Hippodroms: Von der "Résidence des Pins" aus rief der französische Hochkomissar Gouraud 1920 den Groß-Libanon aus. Besagte Pinien schmücken bis heute den Innenbereich des Hippodroms, das im Übrigen auch jedes Jahr im Sommer Schauplatz einer internationalen Gartenschau ist.
Der andere Teil des Innenbereiches wird von einem riesigen Parkplatz eingenommen, auf dem hunderte Service-Taxis auf den treuesten Kundenstammm des Beiruter Pferderennens schließen lassen. Junge Menschen sind hier eindeutig in der Unterzahl, ebenso Frauen. Auf einer winzigen VIP-Tribüne lassen sich gut ein Dutzend wohlhabende Beirutis bedienen, sie sind jedoch wohl nur hier, weil sie zumeist die auflaufenden Pferde besitzen. Im Großen und Ganzen ist das Pferderennen eine Veranstaltung des kleinen Mannes, mehr Karlshorst denn Ascott.
Nach kritischer Begutachtung der Pferde und Jockeys vor jedem Rennen eilen die eifrigen Wetter unter den Zuschauern zu den Wettkabinen. Auch uns packt jetzt das Wettfieber und wir studieren die Namensliste des nächsten Rennens. Ich platziere 3000 Lira (ca. 2$) auf das Pferd mit dem schönen Namen Sham'at Lubnan (Kerze des Libanon)im 3. Lauf, doch gehe leider leer aus. Immerhin gewinnen meine Begleiter im nächsten Rennen knapp 20.000 Lira, als der Außenseiter Kisrewan (benannt nach der Region im Libanongebirge) im Fotofinish die Ziellinie überquert. Großer Jubel brandet um uns herauf, offensichtlich haben viele hier auf das Pferd mit dem patriotischen Namen gesetzt. Bald legt sich die Euphorie wieder und die Pferdefreunde widmen sich schon dem nächsten Rennen, und so wird es bis zum Sonnenuntergang wohl weitergehen.
Dienstag, 12. August 2008
Eindrücke aus Beirut
Alles in allem machten die Libanesen, die wir Ende Juli getroffen haben, einen deutlich optimistischeren Eindruck als noch vor einem Jahr. Nach der Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit freuen sich viele über eine Atempause im politischen Machtkampf im Land und darüber, dass hunderttausende Exil-Libanesen und Touristen, zumeist aus den Golfstaaten, ihren Sommerurlaub im Libanon verbringen.
Der Sommer 2008 ist der Erste seit drei Jahren, in dem im Libanon relative Ruhe herrscht. 2006 tobte der Zweite Libanonkrieg, im vergangenen Jahr lähmten Bombenanschläge und der Kampf gegen die Fatah al-Islam im Flüchtlingslager Nahr al-Bared das Land. In diesem Jahr prägen verschleierte, dafür aber aufwändig geschminkte Frauen vom Golf, sowie Luxuskarrossen mit Nummernschildern aus Dubai, Qatar oder Saudi-Arabien das Stadtbild Beiruts.
In Downtown Beirut, der nach dem Bürgerkrieg wieder aufgebauten Innenstadt Beiruts tobt auch weit nach Mitternacht das Leben. Viele Straßencafes sind voll besetzt, auf dem Najmeh-Platz vor dem Parlament toben Kinder, in einigen Cafes spielen Bands. Uniformierte Polizisten gehören zwar auch hier zum Stadtbild und die Taschen der Besucher werden beim Eingang nach Downtown durchsucht, gleichwohl herrscht eine ungezwungene Athmosphäre.
Generell ist die Dichte an Soldaten und Polizisten in Beirut nach wie vor sehr groß. Besonders an Orten, in denen die Kämpfe im Mai besonders heftig waren, also etwa dort wo sunnitische und schiitische Wohnviertel aufeinandertreffen, sind Panzer dauerhaft positioniert, einige Stellungen sind mit Sandsäcken verstärkt und wirken so, als sollten sie dauerhaft aufrecht erhalten werden.
Wenig verändert hat sich in den letzten 15 Monaten in den schiitischen Vorstädten Beiruts. Zwar sind die meisten Brücken hier mittlerweile wieder hergestellt worden, dennoch sind die Kriegsschäden nach wie vor deutlich sichtbar. Auf großen Transparenten feiert die Hizbollah hier den Austausch der libanesischen Häftlinge gegen die Leichen der beiden israelischen Soldaten.
Insgesamt spielte der Gefangenenaustausch, der knapp eine Woche vor unserem Aufenthalt in Beirut über die Bühne ging, in der Wahrnehmung der Libanesen jedoch kaum eine Rolle. Einige Libanesen gaben an, erst im Zuge des Austausches erstmals von der Person Samir Kuntars erfahren zu haben. Der Deal mit Israel sei zwar ein Erfolg für den Libanon und die Hizbollah gewesen, besondere Bedeutung wurde dem Austausch jedoch nicht beigemessen.
Samstag, 26. Juli 2008
L'Orient-le Jour über unsere Studie
Freitag, 25. Juli 2008
Vom Bekaatal zu den Zedern
Weiter geht unsere Fahrt durch das Bekaa-Tal über den dank iranischen Geldes glänzend ausgebauten Highway in Richtung Baalbek. Je weiter wir uns der Stadt nähern um so mehr Fahnen der Hizbollah säumen den Weg. Kurz bevor wir die Ruinen Baalbeks passieren biegen wir nach links in Richtung des Libanongebirges ab.
Wir durchqueren dabei das hier etwa 10 Kilometer breite Bekaatal. Die Straße führt durch Getreide- und Tabakfelder, die letzten Beduinen des Libanon haben an mehreren Stellen ihre Zelte aufgeschlagen.
Hinter Deir al-Ahmar beginnt der Anstieg ins Libanongebirge. In engen Serpentinen windet sich die Straße die kahlen und baumlosen Berge empor. Dabei bietet sich ein atmeberaubender Blick über die Weite des Bekaa-Tales. Im Dunst lässt sich so gar der Berg Hermon in fast 100 Kilometer Ferne erahnen.
Auf etwa 2500 Metern Höhe erreichen wir den Pass. Die frische Wind bietet eine willkommene Abwechslung. In Richtung Westen reicht der Blick bis zum Qadisha-Tal. Unter uns liegt eines der letzten Zedernwäldchen des Landes.
Nach etwa 10 Minuten Fahrt, vorbei an den im Sommer stillstehenden Skiliften, erreichen wir al-Arz - die Zedern. Hiers stehen die letzten der Bäume, für die der Libanon so berühmt ist. In einem kleinen Park können Besucher im Schatten der zum Teil mehr als 1000 Jahre alten Zedern umherlaufen. Davor reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen, in dem mehr oder weniger geschmackvolle Holzarbeiten verkauft werden. Die Palette der angebotenen Souvenirs reicht von in Zedernholz gescnitzten Ikonen, über Gedichte von Khalil Gebran bis zu Darstellungen des ehemaligen christlichen Warlords Samir Geagea.
Dienstag, 22. Juli 2008
Ein Tag im Südlibanon
Um Kurz nach 8 Uhr setzt die „Wadi Rum“ der Royal Jordanian Airlines am Sonntag Morgen auf der Landebahn des Rafiq Hariri Airports auf. Wenig später sitzen wir im Mietwagen und fahren die Küstenstraße in Richtung Süden entlang.
Der Weg ist gesäumt mit Fahnen, Postern und Plakaten, die die Rückkehr der letzten libanesischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen feiern. „1948 – Jahr der Katastrophe – 2008 Jahr des Triumphs“, heißt es da etwa und der Gefangenenaustausch wird als „Göttlicher Sieg“ gefeiert. Dabei wird jedoch nur selten das Gesicht Samir Kuntars oder der anderen freigepressten Häftlinge gezeigt. Stattdessen ist das Konterfei Imad Mughniyes allgegenwärtig. Der hochrangige Kommandeur der Hizbollah wurde im Februar in Damaskus durch eine Autobombe getötet, nach seinem Kampfnamen wurde der Gefangenenaustausch von der Schiitenmiliz als „Operation Radwan“ bezeichnet.
Den ersten Halt machen wir vor dem Büro des libanesischen Geheimdienstes in Saida. Um ins Grenzgebiet zu Israel zu reisen benötigt man auch 8 Jahre nach dem israelischen Abzug eine Erlaubnis des Geheimdienstes, die wir nach einigen Verhandlungen auch erhalten.
Auch sonst zeigen sich unsere Gastgeber sehr zufrieden mit der aktuellen Lage. Das Zusammenleben mit den Schiiten in den umliegenden Dörfern verlaufe problemlos und die spanischen UNIFIL-Soldaten lassen viel Geld in den Dorfläden. Nebenbei lernen die Libanesen von den Blauhelmen Spanisch. Schon Kleinkindern kommt ein „Hola!“ über die Lippen. Bei den Spaniern ist Deir Mimas als „pueblo muy tranquillo“ bekannt.
Für junge Leute bietet der Südlibanon jedoch weder lukrative Jobs noch eine Perspektive. Viele ziehen dafür nach Beirut oder versuchen ihr Glück in Europa oder den Golfstaaten. Unsere Gastgeberin arbeitet im Landwirtschaftsministerium. Ihr kommt dabei das libanesische Proporzsystem zu Gute. Seit ihrer Heirat gehört sie nämlich der christlichen Minderheit der Latiner an, die im gesmaten Libanon kaum 2000 Angehörige zählt, die jedoch adäquat in staatlichen Behörden repräsentiert sein müssen.
Die sunnitischen arabischen Staaten, Israel, die USA und die libanesische Regierung hätten sich nämlich gegen die Hizbollah verschworen. Dabei seien den Verschwörern alle Mittel recht. Die radikal-sunnitische Fatah al-Islam werde nämlich von Israel, den Saudis und Saad Hariri ausgerüstet und finanziert um die Hizbollah und die libanesischen Schiiten zu attackieren und zu provozieren.
Montag, 7. Juli 2008
Erste Eindrücke aus Sanaa
Nachdem ich nun gute eineinhalb Wochen in der jemenitischen Hauptstadt bin, wird es Zeit einen ersten Bericht fuer alsharq bereitzustellen.
Das Erste was den im Sommer hier ankommenden Besucher empfängt, ist eine Smogglocke aus Staub und Fahrzeugabgasen, welche der Stadt ein weniger glanzvolles Antlitz verleiht. Auf ca 2200 m über dem Meer in einem Gebirgsbecken gelegen, wird das Luft holen so nicht immer zu einer einfachen Aufgabe.
Der Legende nach wurde Sana'a von Noahs Sohn Sem nach der biblischen Sintflut gegründet. Als historisch gesichert gilt jedenfalls, dass die Stadt im sabaeischen Königreich als befestigter Posten zur Sicherung von einem der 2 wichtigen Karawanenwege diente, auf dem Weihrauch durch die Berge in den Norden transportiert wurde. Über Jahrhunderte in ihrer Größe kaum verändert, erlebte Sana'a ab 1962 ein bis heute anhaltendes enormes Wachstum. Während 1962 geschätzte 90.000 Menschen in der Stadt lebten, die zu jenem Zeitpunkt der Fläche der heutigen Altstadt entsprach, sind es momentan im Ballungsgebiet ungefähr 2 Millionen.
So ist denn Sana'as eigentliches Wahrzeichen auch die Altstadt mit seinen schätzungsweise 14.000 architektonisch einzigartigen, bis zu 9 Stockwerke hohen Turmhäusern. Diese erhalten ihr typisches Erscheinungsbild durch die unterschiedlich gefärbten Lehmziegel, aus denen sie errichtet sind und den fantasievollen Verzierungen an den Fassaden. 1988 erhielt die Altstadt aufgrund dieser Kulisse den Titel eines UNESCO Weltkulturerbes.
Auf Spaziergängen durch die engen Gassen und über den "suq al-milh" wird deutlich, was der Reiseführer meint, wenn man liest kein Land der Region repräsentiere das "alte Arabien" besser als der Jemen. Seine Authentizität hat es in meinen Augen vor allem wegen der relativ wenigen Touristen bewahren können. So ist der suq hier kein vordergründig touristisches Schauspiel, sondern nach wie vor eines der wichtigsten Zentren sozialer Interaktion. Arabisches Markttreiben lässt sich hier in seiner Reinform erleben.
Auffällig sind die zahlreichen Poster in den kleinen shops, auf denen für jeden offen einsehbar, die Köpfe von Hassan Nasrallah, Sheikh Yasin (Mitbegründer der Hamas), aber vor allem von Saddam Hussein präsentiert werden. Symphatie für die Führer islamisch-arabischer Organisationen scheint demnach die Konfessionsgrenzen zu überwinden.
Das größte Problem der Stadt ist die Wasserversorgung. So sind etwa nur die allerwenigsten Häuser an das öffentliche Wassernetz angeschlossen. Steigt man auf das Dach eines der Turmhäuser, so kann man nicht nur einen atemberaubenden Blick auf die zerklüfteten Gebirgszüge am Horizont genießen, sondern wird gleichzeitig vom Anblick der Abertausenden Wassertanks überrascht, über welche die Wasserversorgung sichergestellt wird. Im Durchschnitt sinkt der Grundwasserspiegel jedes Jahr um 6-8 Meter, was die Anlage von Brunnen immer schwieriger macht. Entsalzenes Meerwasser in die Stadt zu leiten, birgt den Aufwand die Leitung über 3000m hohe Bergketten zu verlegen, was enorm kostspielig wäre. Manche Experten prophezeihen deshalb das düstere Szenario einer kompletten Evakuierung Sanaas in unbestimmter Zukunft. Das Bewusstsein, eines derart ernsthaften Problems gegenüberzustehen, zeigen allerdings nur wenige Einwohner.
Freitag, 2. Mai 2008
2 Monate in Kairo - Rueckblick und Ausblick
Zwei Fragen, die ich mir in den letzten Wochen oft gestellt habe war: “Wie lange kann das noch gutgehen? Wie wird es hier in 5 oder 10 Jahren aussehen?” Kairo platzt aus allen Naehten, die Strassen sind schon jetzt hoffnungslos ueberfuellt und noch immer werden Tag fuer Tag tausende neue Autos zugelassen. Viele Haueser wirken marode und drohen zu verfallen und in den zahlreichen Elendsvierteln der Stadt entstehen weiter hunderttausende Haeuser ohne Baugenehmigung und nicht selten ohne Strom, Wasser und Anschluss an die Kanalisation. Auch wenn sich das Bevoelkerungswachstum stetig verlangsamt, steigt die Zahl der Aegypter pro Jahr um etwa 1 Million. Jeder Staat haette Probleme damit umzugehen, Aegypten sieht sich dieser Entwicklung ziemlich hilflos gegenueber.
Jahr fuer Jahr verlassen knapp 400000 Hochschulabsolventen die aegyptischen Universitaeten und stroemen auf den Arbeitsmarkt. Die Folge ist eine aufgeblaehte Buerokratie, die wenigstens einem Teil der Uni-Absolventen einen schlecht bezahlten aber sicheren Job bietet. Dennoch hat man das Gefuehl, dass Aegypten seine Ressourcen und Potentiale verschleudert. So trifft man auf Germanistik-Studenten, die glaenzend Deutsch sprechen und nun als Kellner arbeiten, da sie keinen Job gefunden haben, der ihnen ein Auskommen sichert. Oder man laesst sich von einem Professor der Ain-Shams-Universitaet durch Kairo chauffieren, der am Abend das Taxi seines Cousins faehrt um sein karges Professorengehalt aufzubessern.
Junge Aegypter der Mittel- und Oberschicht, mit denen ich in den vergangenen 2 Monaten gesprochen habe, sind frustriert von der wirtschaftlichen Stagnation ihres Landes, das den Anschluss an die Staaten der Arabischen Halbinsel laengst verloren hat. Die Buerokratie und die grassierende Korruption verschlaengen Milliarden,die wichtigsten Unternehmen des Landes befaenden sich in der Hand weniger Familien mit besten Beziehungen zum Mubarak-Clan und den Anschluss ans Zeitalter von Internet und IT-Technologie habe Aegypten komplett verschlafen. Viele betrachten die letzten Jahre unter Praesident Sadat, dessen Infitah-Politik die Mittelschicht staerkte und in denen nach dem Camp-David-Abkommen amerikanisches Geld nach Aegypten floss, als die Besten und wirtschaftlich Erfolgreichsten der juengeren aegyptischen Geschichte.
Vielleicht gibt es kein besseres Symbol fuer den scheinbaren Stillstand, den Aegypten in den letzten Jahren erlebt, als die Portraits des Praesidenten Husni Mubarak, die einen drahtigen Mann um die 50 zeigen. Am Sonntag feiert Mubarak seinen 80.Geburtstag. Ueber seinen Gesundheitszustand ranken sich viele Geruechte. Journalisten, die ueber diese Geruechte schreiben werden ins Gefaengnis gesteckt. Fest steht jedoch, dass in den naechsten 5 Jahren - wahrscheinlich nach Ende der aktuellen Amtszeit 2011 - ein Nachfolger fuer den seit 1981 herrschenden Rais gefunden werden muss. Derzeit spricht vieles dafuer, dass das “syrische Modell” Anwendung in Aegypten finden wird. So wie 2000 Bashar al-Assad die Nachfolge seines verstorbenen Vaters Hafiz an der Spitze des Staates antrat, duerfte Gamal Mubarak in die Fussstapfen seines Vaters treten, auch wenn derartige Plaene bislang dementiert wurden.
Anlaesslich des Geburtstags von Mubarak haben Oppositionsgruppen erneut zu einem Generalstreik aufgerufen um gegen die steigenden Lebensmittelpreise zu demonstrieren und allgemein ihre Unzufriedenheit mit der Regierung zu artikulieren. Die Brotkrise mag in den naechsten Monaten voruebergehen, sollten die Preise fuer Weizen und Reis wieder fallen, dennoch wartet auf Gamal Mubarak, Jahrgang 1963, ein schwieriges Erbe. Sein Vater antwortete auf wachsenden Unmut gegenueber seinem Regime mit einem praktisch vollstaendigen Abbruch des ohnehin nur sehr halbherzig in die Wege geleiteten Demokratisierungsprozesses, nachdem bei den Parlamentswahlen 2005 die Muslimbrueder trotz massiver Behinderungen ueberraschend stark waren. Vor den Kommunalwahlen am 8. April wurden hunderte Muslimbrueder, die sich fuer die Wahl registrieren lassen wollten, festgenommen. Die Wahlen selbst wurden schliesslich von den Islamisten boykottiert und gerieten zur Farce – nach Angaben unabhaengiger Wahlbeobachter lag die Wahlbeteiligung bei unter 1%.
Bei Wahlen sind die Muslimbrueder, seit 1954 offiziell verboten, auf Grund staatlicher Manipulationen und Behinderungen bislang nicht ueber Achtungserfolge hinausgekommen. Erfolgreicher scheint die Bewegung, bei der von ihr angestrebten Islamisierung der aegyptischen Gesellschaft zu sein. Schon in meinem ersten Beitrag aus Kairo hatte ich darueber geschrieben, dass Aegypten im Vergleich zu Syrien oder dem Libanon (ohnehin ein Sonderfall in der Region) weitaus konservativer erscheint. Dieser Eindruck hat sich in den vergangenen Wochen weiter verfestigt. Im Stadtbild Kairos sind Aufkleber oder Graffiti allgegenwaertig, die mahnen, bei allem Tun und Handeln stets an Gott zu denken und Frauen auffordern sich zu verschleiern. Vielen Aegyptern scheint es zudem enorm wichtig ihre Religioesitaet nach Aussen zu demonstrieren. So schliessen viele Laeden waehrend der Gebetszeiten und die Angestellten beten gemeinsam auf dem Buergersteig. Familien beten gemeinsam in aller Oeffentlickeit, egal ob an der Corniche von Alexandria oder in Parks in Kairo um so ihre Froemmigkeit zur Schau zu stellen.
Ohne Uebertreibung kann man zudem sagen, dass in den meisten Gespraechen mit Aegyptern die Frage nach meinem Glauben direkt auf die Frage nach meiner Herkunft folgte. “Inta Muslim? – Bist du Muslim?”, wollten Taxifahrer, Kinder auf der Strasse, Leute die neben mir im Minibus schwitzten oder Imbissbudenbesitzer in den ersten 30 Sekunden unseres Kennenlernens wissen. Viele gaben sich mit meiner nicht ganz ehrlichen Antwort “Ich bin Christ” zufrieden, andere insisterten und aeusserten ihr Unverstaendnis darueber, dass ich nicht laengst zum Islam konvertiert sei. Nur so sei mir ein Platz im Paradies sicher. In einigen Faellen entwickelten sich daraus ganz interessante Gespraeche ueber Unterschiede zwischen Christentum und Islam oder die Kontroverse um die Muhammad-Karikaturen aus Daenemark. Zweimal wurden die Unterhaltung von Seiten der Aegypten nach einiger Zeit jedoch mit solcher Ernsthaftigkeit und Schaerfe gefuehrt, die das Gespraech nicht laenger zu einem Vergnuegen machten.
Mit meinem Vornamen Christoph konnte ich mich im Uebrigen noch gluecklich schaetzen und Missverstaendnisse vermeiden. Anders erging es meinem Freund Christian in Kairo. Wenn er sich mit den Worten vorstellte: “Ich bin Christian”, kam es vor, dass sein aegyptischer Gespraechspartner antwortete “Angenehm. Ich bin Muslim.”
Donnerstag, 1. Mai 2008
Koptische Osterfeiern in England
Nicht nur am Nil, sondern auch in den zahlreichen koptischen Gemeinden außerhalb Ägyptens wurde am vergangenen Wochenende das Osterfest begangen. So auch in Heaton Chapel, einem beschaulichen und eher vornehmen Vorort im Ballungsgebiet von Greater Manchester.
Ein in Ägypten geborener Studienfreund, der an der University of Manchester momentan ein Promotionsstudium absolviert, lud mich ein den Festlichkeiten am orthodoxen Ostersonntag beizuwohnen. Nicht so ganz sicher, was mich erwarten würde, machte ich mich mit Wikipedia-aufgefrischten Basiskenntnissen über die koptische Kirche auf den Weg. Dort angekommen, war ich zunächst überrascht, dass geschätzte 300 Gemeindemitglieder das umgebaute anglikanische Gotteshaus mehr als gefüllt aussehen ließen. In einem Gespräch mit dem Priester, der mir als erste Amtshandlung sogleich die Kirche zeigte, erfuhr ich, dass es im Vereinigten Königreich 15 solcher regionalen Großgemeinden gibt, weshalb auf der Sonntagsmesse Gläubige aus ganz Nordwestengland anwesend waren.
Auffällig war vom ersten Moment an die große Lebendigkeit auf dem gesamten Kirchengelände. Auf dem Hof spielten Kinder in ManUnited Trikots Fussball, während sich die Mütter in der Küche um das Festtagsessen kümmerten und die meisten Männer über ihre Geschäfte redeten. Die ganze Situation erinnerte stark an Szenen die, denen in arabischen Ländern nicht unähnlich sind. So wurde auch die Abendmesse selbst desöfteren durch Kindergeschrei und lautes Gelächter unterbrochen, woran sich aber niemand ernstlich zu stören schien. Auch der Weihrauch, der bei der dreimaligen Umrundung des Kirchenschiffes vom Priester versprüht wurde, kam nicht so recht gegen den verlockenden, aber sehr intensiven Geruch der Moluchiya (eine traditionelle Knoblauchsuppe) an, der wie eine Wolke über dem ganzen Kirchengelände schwebte.
Möglicherweise als Geste der freiwilligen Integration, erklangen die liturgischen Texte und Lieder neben Arabisch, Griechisch und Koptisch auch in Englisch, was für ungeübte Ohren wie die meinen mitunter sehr verwirrend war, da die Sprachwechsel in abrupten Übergängen vonstatten gingen. Wie auch in Christophs Schilderung aus Kairo, saßen Männer und Frauen auf getrennten Seiten, wobei man mir im Nachhinein erklärte die Sitzordnung, wie auch das von den meisten Frauen getragene Kopftuch seien nicht obligatorisch und stark von der Meinung des jeweiligens Gemeindepriesters abhängig.
Den wichtigsten Teil des Abends stellte das gemeinsame Essen dar, wobei ich als unverheirateter Gast sogleich als Kellner angeheuert wurde und ich mir geschickt meinen Weg, beladen mit Tabletts voll von arabischen Köstlichkeiten, durch das übervolle Gemeindehaus, vorbei an allerlei Kinderspielzeug und Fussbällen bahnen musste. Bevor mit dem Essen begonnen wurde, zeigte der überaus technikversierte Priester eine PowerPoint Präsentation, welche die Pilgerreise eines Teils der Gemeinde zu den wichtigsten Klöstern in Ägypten dokumentierte.
Während des Essens erzählten mir einige der Tischnachbarn, ihre jeweilige Lebensgeschichte und was für Gründe es waren, die sie veranlassten ihre ägyptische Heimat zu verlassen. Bemerkenswert fand ich die Aussagen eines in den 70er Jahren emigrierten Geschäftsmannes, der in den Streikversuchen der letzten Wochen, die sich gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise richteten, ein zartes Aufkommen basisdemokratischen Bewusstseins seiner ägyptischen Landsleute zu erkennen glaubt. Nach diesem opulenten und köstlichen Mahl verließ ich die Feier nach gut 4 Stunden mit gefülltem Magen und dem Eindruck, dass sich die koptischen Gläubigen nicht zuletzt wegen der nicht nur theoretisch gewährten Religionsfreiheit in Großbritannien zu Hause fühlen und die Kirche der Ort ist, an dem alte Traditionen konserviert werden.
Dienstag, 29. April 2008
Sham el-Nessim - Frühlingsfest in Ägypten
Zehntausende Ägypter zieht es entweder auf dem Schiff oder im Minibus nach Qanater, eine Kleinstadt etwa 15 Kilometer nördlich des Stadtrands von Kairo. Hier verlaufen mehrere Dämme quer über den Nil, die das Wasser des Flusses stauen und nördlich des Ortes beginnt sich der Nil zu teilen und man erreicht das Nildelta. Auch die ägyptische Polizei hat sich darauf eingerichtet und eine Straßensperre auf der Ausfallstraße nach Qanater eingerichtet. Vorzugsweise Minibusse werden angehalten und erst nach Zahlung von Schmiergeld durchgelassen.
An Sham el-Nessim ist Qanater voller Menschen und man bekommt einen Eindruck vom Kinderreichtum ägyptischer Familien. Viele Frauen und Männer haben mehrere Kinder an der Hand und nicht selten weitere auf der Schulter oder dem Arm. Anlässlich des Feiertages werden den Mädchen von ihren häufig bis auf die Augenpartie verschleierten Müttern bunte Schleifen ins Haar gebunden, goldene Ohrringe und Ketten angelegt.
Auf dem Staudamm versuchen Verkäufer verschiedenste Arten von Spielzeug, Faschingshüte oder Sonnenbrillen an den Mann zu bringen. Andere bieten selbstgemachtes Bananeneis oder Zuckerrohrsaft als Erfrischung an. Wagemutige junge Männer springen aus knapp 10 Metern Höhe ins grün schimmernde Nilwasser. Kamelführer, Eseltreiber und Pferdekarren laden zu Rundfahrten durch die öffentlichen Parks der Stadt ein. Wer will, kann sich mit einem ausgeliehenen Ruderboot auf den etwa 400 Meter breiten Nil hinauswagen.
Der Stadtpark am Nilufer selbst ist voller als der Volkspark Friedrichshain oder der Humboldthain im Hochsommer. Großfamilien haben zwischen die Bäume Planen gespannt unter denen Eltern, Großeltern, viele Kinder und wohl weitere Verwandte sitzen und essen. Traditionell wird an Sham el-Nessim meistens Fisch serviert. Aus großen Boxen dröhnt ägyptische Popmusik über das Gelände und beschallt die Tausenden Picknicker in ohrenbetäubender Lautstärke. Die Stimmung ist bei angenehmen Temperaturen von knapp 30 Grad sehr ausgelassen, ganz ohne Alkohol.
Samstag, 19. April 2008
Ein Wochenende in Port Said
Entlang der Strasse befinden sich viele Kasernen und Armeestuetzpunkte. An deren Mauern prangen neben Fotos des Staatspraesidenten Mubarak martialische Sprueche wie "Sieg oder Maertyrertod". Am Freitag werden die Zuegel offenbar etwas lockerer gelassen. In einer Kaserne spielen Soldaten auf einem Sandplatz Fussball, in einer anderen scheint Waschtag zu sein, jedenfalls haengen Uniformen zum Trocknen ueber Waescheleinen in der Sonne und an der Kasernenmauer werden die Schlafmatratzen der Soldaten mit Teppichklopfern bearbeitet.
Hinter Ismailia bietet sich ploetzlich ein bizarres Bild. Es scheint als habe jemand riesige Containerschiffe genommen und sie willkuerlich inmitten der kargen Wuestenlandschaft abgesetzt. Tatsaechlich haben wir nun den Suezkanal erreicht, jenen 163 Kilometer langen kuenstlichen Wasserweg, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet und mit seiner Ereoeffnung 1869 den Welthandel revolutionierte, da er die Umschiffung Afrikas ueberfluessig machte um Asien von Europa aus zu erreichen.
Bei Qantara trifft die Autobahn auf den Kanal und verlaeuft die restlichen 50 Kilometer bis Port Said parallel zu der Wasserstrasse. In Qantara ueberspannt zudem die gewaltige Mubarak-Friedensbruecke den Suezkanal, die mit japanischer Hilfe errichtet wurde und den strukturschwachen Nordsinai besser an den Grossraum Kairo anbinden soll.
Der Kanal selbst ist ueberraschend schmal angesichts der Tatsache, dass es sich um eine der wichtigsten Schiffsrouten der Welt handelt, durch die 15% der jeahrlich weltweit transportierten Schiffsfracht geschleust werden. Der Schiffsverkehr ist daher auch nur in einer Richtung moeglich; die Ozeanriesen fahren im Konvoi durch den Kanal. Deshalb sind immer wieder Zeit kostende Zwischenstopps an den Einfahrten zum Kanal oder auf den beiden Bitterseen notwendig um den entgegenkommenden Verkehr passieren zu lassen. Am Freitag Nachmittag sind unter anderem Tanker aus Triest und Stockholm, sowie Containerschiffe aus Hamburg und Singapur auf dem Weg Richtung Europa.
Port Said selbst ist fast vollstaendig vom Wasser umgeben und kann nur ueber Bruecken erreicht werden. Im Vergleich zu Kairo oder Alexandria wirkt die 500000-Einwohnerstadt geordnet und fast verschlafen. Es wird deutlich weniger gehupt, Ampeln werden beachtet und insgesamt scheinen am Freitag deutlich weniger Leute auf den Strassen unterwegs zu sein als in den beiden aegyptischen Metropolen.
Noch immer sind im Stadtzentrum die Ueberbleibsel kolonialer Architektur deutlich zu erkennen. Kolonnadengaenge saeumen die Strassen, viele Haeuser haben schicke Holzveranden und Balkons. Leider haben jedoch der allgemeine Verfall, sowie die Kriege von 1956, 1967 und 1973, in denen Port Said wegen seiner strategisch wichtigen Lage heftig umkaempft war, ihre Spuren hinterlassen, so dass in vielen Strassenzuegen schmucklose Zweckbauten aus den 1980ern das Stadtbild praegen.
Fuer viele Kairener ist die Stadt an der Muendung des Suezkanals ein Shoppingparadies. Man kann hier zollfrei einkaufen und viele Hauptstaedter nutzen die Moeglichkeit preiswert Elektrogeraete zu kaufen. Auch westliche Markenfirmen haben in der Stadt kleine Outlet-Stores.
Den Freitag Abend nutzen Gruppen Jugendlicher und Familien zum Bummel antlang der Palaestina-Strasse am Kanal oder entlang der Corniche am Mittelmeerstrand. Erwachsenene Maenner haben Spass dabei mit grossen Dreiraedern die Promenande entlang zu rasen, Jugendliche holen alles aus ihren Motorrollern heraus um den kichernden Maedchen zu imponieren. Andere lassen sich geroestete Maiskolben schmecken und bewundern die Lichter der grossen Schiffe, die wie an einer Perlenschnur gereiht darauf warten, in den Suezkanal gelassen zu werden.
Auf der Ostseite des Suezkanals liegt Port Saids Schwesterstadt Port Fuad. Eine ganze Flotte von gruenen Autofaehren verbindet die an dieser Stelle etwa 800 Meter entfernten Kanalufer. Die 5 Minuten lange Fahrt ist kostenlos, in Ermangelung einer Bruecke ist die Faehre jedoch auch schlichtweg die einzige Moeglichkeit um von einer Stadt in die andere zu gelangen.
Das Stadtbild Port Fuads wird von den beiden Minaretten der Mugamma-Moschee direkt am Ufer dominiert - viel mehr hat die Wohnstadt, die in den 1920er Jahren von den Briten errichtet wurde und bereits auf dem Sinai liegt, auch nicht zu bieten. Parallel zum Kanalufer hat man jedoch Leinen gespannt und somit ein 25-Meter-Schwimmbecken improvisiert, in dem Jugendliche, angefeuert von der Trillerpfeife ihres Trainers, trainieren.
Anders als in Kairo lautet die naechste Frage, nachdem man erklaert hat aus Deutschland zu kommen, nicht "Bist du Muslim?", sondern "Kennst du Mohamed Zidan?". Der HSV-Stuermer wurde in Port Said geboren und erfreut sich groesster Beliebtheit. In vielen Laeden und an zahlreichen Haeusern prangen grosse Poster und Plakate des 26-Jaehrigen. Viele Jungen tragen Werder- oder HSV-Trikots mit Zidans Namen auf dem Ruecken. Ausserdem scheint praktisch jeder Taxifahrer, Saftverkaeufer oder Mann am Kebabgrill entweder weitlaeufig mit Zidan verwandt zu sein oder zumindest in der selben Strasse gewohnt zu haben. Oder man kennt jemanden, der mit ihm verwandt ist oder der auf die selbe Schule ging.
Ueber die bewegte und umkaempfte Geschichte Port Saids gibt normalerweise das Militaermuseum in der Strasse des 23. Juli Auskunft. Momentan wird es jedoch renoviert. Ein Soldat laesst mich heute Vormittag jedoch in den Garten, in dem allerlei Kriegsgeraet ausgestellt ist. Hoehepunkt der Freiluft-Ausstellung sind zwei 1973 erbeutete israelische Panzer. Die Akuratesse und das strahlende Weiss der beiden Davidsterne auf dem Tank amerikanischer Bauart lassen vermuten, dass eine Museumsfachkraft eigens dafuer abgestellt wird, das Insignium des juedischen Staates alle paar Monate zu erneuern.
Donnerstag, 17. April 2008
Hitchhiking in the Bekaa, Lebanon, Part I

Hitchhiking in Lebanon is mostly common in areas like the Upper Akkar Region where no public transport means like shared taxis or busses exist. Since my Lebanese friend Jalal and I seldom had the patience or the will to pay for public transport, hitchhiking starting in the West Bekaa was our most common way of getting there and away. During these trips we made several repeating experiences one could classify into scenearios:
I) The Twenty-Questions-Game--> only played with Lebanese:
After having greeted each other and thanked for the lift the supiscious driver, an old Druze, starts asking:
Where are you from? - West Bekaa --> Driver does not yet know the confession of Jalal
Where exactly? - Around Jib Janin --> Driver knows at least that Jalal is Sunni, Christian or Druze.
Which Village? - Khirbet Qanafar --> Driver knows he´s either Christian or Druze.
Silence...asking for Jalal´s name seems an intimate question for the driver but not knowing to which confession his counterpart belongs to, seems unbearable...
Aaahm, what´s your name? - Jalal--> Driver gets nervous since the name doesn´t reveal if Jalal is Muslim, Christian or Druze.
And your family´s name: Saddi--> No more questions, the driver finally knows the MOST IMPORTANT thing of a human being: the confessional affiliation.
It seems Jalal gave the wrong answer. After the relevation of Jalal´s faith, the driver wasn´t interested in a conversation anymore. Maybe he was just angry that it took him five long questions to find out about Jalal´s background. Maybe he was even more so because he couldn´t be sure whether Jalal was in his political camp, the March 14-Forces, or whether he was supporting Michel Aoun and the opposition...
poor old man.
Christoph Dinkelaker
Die Bawabs von Kairo
Unter den Ägyptern sind die Bawabs, die dem Klischee zufolge alle Mahmud heißen, wegen ihrer Ungebildetheit oft das Opfer von Witzen und es gilt als das größte Unglück einer Familie, sollte sich die Tochter in einen Bawab verlieben. Tatsächlich haben die Türwächter jedoch einige Macht und jeder Mieter ist gut beraten sich mit seinem Bawab gutzustellen. Er registriert nämlich genau wann wer das Haus verlässt und wann welcher Mieter wen zum Besuch empfängt.
In einer Gesellschaft, in der unverheirateten Paaren das Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnung nicht gestattet ist, sind daher Viele auf die Diskretion des Mannes an der Tür angewiesen. In meinem Haus stellt der Bawab nach Mitternacht einen Stuhl hinter die Tür der geräuschvoll zur Seite geschoben werden muss, um auch nächtliche Besuche nicht zu verpassen. Angeblich sollen auch viele Bawabs mit der ägyptischen Staatsicherheit zusammenarbeiten, die ihnen ihr karges Gehalt aufbessert.
Bis vor ein paar Jahren waren die meisten Bawabs Nubier aus Oberägypten oder dem Sudan, die in traditioneller Kleidung und mit weißem Turban auf dem Kopf ihren Dienst taten. In Ermangelung anderer Jobs haben mittlerweile jedoch überwiegend Einheimische oder junge Männer aus dem Nildelta Posten in den Hausfluren Kairos bezogen. In manchen Häusern leben die Bawabs in Erdgeschosswohnungen zusammen mit ihren Familien.
In meinem Haus teilen sich 3 Männer den Job an der Tür. Sie leben in einem kleinen, vielleicht 4 mal 2 Meter großen Verschlag unter der Treppe. Der Boden ist mit Matten ausgelegt auf denen die Männer, die aus Dörfern im Niltal stammen, schlafen. Pausenlos läuft der Fernseher, in der Ecke steht eine kleine Herdplatte auf der das Essen gekocht wird. Das Geld das am Ende des Monats übrigbleibt, wird nach Hause geschickt.


