Donnerstag, 30. März 2006

alsharq-Interview mit Guido Steinberg: "Rückzug der Amerikaner hätte katastrophale Folgen"

In seinem Buch "Der nahe und der ferne Feind - Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus" analysiert der Islamwissenschaftler Dr.Guido Steinberg islamistische Terrorbewegungen der vergangenen Jahre und stellt die These auf, dass Gruppen wie al-Qaida weniger den Westen sondern zuerst den Sturz der Staatsführungen in den Ländern des Nahen Ostens zum Ziel haben - gegenüber alsharq beantwortete Steinberg einige Fragen.:


alsharq: In ihrem Buch schreiben Sie, dass al-Qaida als hierarchisch strukturierte Organisation praktisch nur bis Ende 2001 existierte und sie sich seither zu einer Ideologie entwickelt habe unter deren Schirm sich verschiedenste nationale Gruppen in Marokko, Saudi-Arabien oder Jemen entwickelten, die dezentral agierten. Wie groß schätzen Sie zahlenmäßig heute den Personenkreis ein, der noch immer mit Bin Laden oder Zawahiri in Kontakt steht und wie gelingt es diesen, weiterhin durch Video- oder Audiobotschaften in die Medien zu gelangen?

Guido Steinberg: Es ist sehr schwer, zu schätzen, wieviele Personen heute noch mit Bin Laden und Zawahiri in Kontakt stehen. UBL scheint isolierter zu sein. Er dürfte von wenigen besonders loyalen Gefolgsleuten umgeben sein, schätzungsweise zwischen 10 und 30. Den Kontakt mit der Außenwelt hält er über Kuriere. Für Zawahiri gilt Ähnliches. Die höhere Zahl seiner Video- und Audiobotschaften spricht für eine etwas intensivere Vernetzung mit der Außenwelt. Die Video- und Audiobänder werden über Kuriere zu den Büros der Fernsehanstalten transportiert.


alsharq: Sie erklären, der Kampf der islamistischen Terrornetzwerke richte sich in erster Linie gegen den "nahen Feind", also die ihrer Meinung nach unislamischen Herrscher in ihren Heimatländern Jordanien, Saudi-Arabien und anderswo. Wie schätzen Sie vor diesem Hintergrund das Gefährdungspotential in Deutschland ein? Welche Einrichtungen sind möglicherweise besonders gefährdet?

G.S.: Deutschland ist prinzipiell gefährdet. Unser letzter Innenminister spsrach zu Recht häufig von einer "abstrakten Gefährdung". Wir gehören zum Zielspektrum vieler militanter Gruppen und es wurden bereits mehrfach Planungen zu Anschlägen vereitelt. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Anschlag hier unvermeidlich ist. Wenn allerdings ein Anschlag folgt, wird der wahrscheinlich dem Muster der Attentate von London oder Madrid folgen: eine kleine Gruppe von hier lebenden Muslimen wird weiche Ziele wie U-Bahnen, Busse oder Eisenbahnen oder einen Ort, an dem sich ungesichert viele Menschen aufhalten, angreifen.


alsharq: Abu Musab az-Zarqawi will den Irak als Rückzugsraum nutzen um von dort aus das Königshaus in Jordanien zu stürzen und "Palästina zu befreien". Nach den Anschlägen von Amman am 9.November 2005 sah sich Zarqawi gezwungen, sich für die Anschläge dort zu entschuldigen. Wie groß schätzen Sie die Sympathisantenszene in Jordanien ein und welchen Einfluss hatten die Anschläge auf diese?

G.S.: Zarqawis Sympathisantenszene in Jordanien ist weiterhin groß, obwohl er nach den Anschlägen in Amman an Unterstützung verloren hat. In den letzten Jahren ist es ihm immer wieder gelungen, junge Jordanier, oft palästinensischer Herkunft, aus Amman, Zarqa, Salt und Irbid zu rekrutieren. Ich sehe keinen Grund, dass sich daran etwas ändern sollte. Terroristische Gruppen werden längerfristig ein Problem für die jordanische Regierung sein. Nach den Anschlägen von Amman hat Zarqawi Sympathien verloren. Der Ablauf folgt einem Muster: Oft wenn eine terroristische Gruppierung, deren Anschläge im Ausland von Sympathisanten unterstützt werden, im Inland zuschlägt, verliert sie an Zustimmung. Dies geschah auch in Saudi-Arabien im Jahr 2003. Sobald das eigene Leben und das von Mitbürgern in Gefahr gerät, werden viele Menschen nachdenklich. Während viele Jordanier, Saudis etc. gerne bereit sind, Anschläge auf Amerikaner, Israelis und andere im Ausland zu billigen, lehnen sie Anschläge im Inland und vor allem gegen unbeteiligte Muslime ab.


alsharq: Der Irak ist für viele militante Islamisten zu einem "neuen Afghanistan" geworden. Welche Folgen hätte ein baldiger Rückzug der "Koalitionstruppen" aus dem Land für den Irak einerseits und die Netzwerke des islamistischen Terrorismus und ihre Sympathisanten andererseits?

G.S.: Ein baldiger Rückzug der amerikanischen Truppen (alle anderen sind irrelevant) hätte katastrophale Folgen für die Sicherheitslage im Land. Mittlerweile fordern auch viele sunnitische Politiker ihren einstweiligen Verbleib, weil sie den Ausbruch eines Bürgerkriegs befürchten. Von den Jihadisten würde ein solcher Rückzug natürlich als großer Erfolg gewertet: Die Situation würde dem Rückzug der Amerikaner aus Beirut im Jahre 1983 ähneln, als sie sich nach Bombenattentaten der Hizbullah zurückzogen. Bis heute werten viele militante Gruppen die damaligen Geschehnisse als beispielhaft. Vor einer weitgehenden Stabilisierung des irakischen Staates dürfen sich die Amerikaner nicht zurückziehen, wollen sie die islamistischen Terroristen nicht ermutigen.

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